HASSBERGKREIS

„Der Tod ist immer neu“

„Das lässt niemanden kalt“: Manfred Griebel ist Notfallseelsorger in Unterschleichach.
„Das lässt niemanden kalt“: Manfred Griebel ist Notfallseelsorger in Unterschleichach. Foto: Martin sage

„Jetzt ist der Punkt, an dem sich die Menschen gegenseitig tragen müssen, an dem jeder ein Licht für den anderen ist“, sagt Diakon Manfred Griebel und meint damit das Dorf Unterschleichach, in dem seit dem Tod der elfjährigen Janina in der Silvesternacht emotionaler Ausnahmezustand herrscht.

Griebel ist Notfallseelsorger. Sein Piepser gab am frühen Freitagmorgen genau in dem Moment Alarm, als er die Haßfurter Ritterkapelle verließ, in der er mit vielen Gläubigen den Jahreswechsel gefeiert hatte. Das war kurz nach 1.00 Uhr. „Wir brauchen Sie sofort in Unterschleichach“, hieß es da, ein elfjähriges Mädchen werde reanimiert. Mehr Informationen erhielt er nicht. Er kam noch rechtzeitig, um das bewusstlose Kind zu segnen, bevor der Krankenwagen davonbrauste.

Der Diakon blieb etwa bis 3.00 Uhr, um den Menschen, die das dramatische Ereignis miterlebt hatten, Beistand zu leisten. Es habe Fassungslosigkeit geherrscht, was mit dem Mädchen passiert war, das bei der Begrüßung des Neuen Jahres auf der Straße plötzlich zusammengebrochen war und eine blutende Wunde am Hinterkopf aufwies. „Aber daran gedacht, dass die Sache tödlich ausgehen würde, hat niemand.“

Am nächsten Tag kehrte Griebel mit Polizei und Staatsanwalt nach Unterschleichach zurück, um dem Umfeld, mit dem das Kind aus Burgebrach Silvester gefeiert hatte, die Todesnachricht zu überbringen. Als Notfallseelsorger nahm er Kontakt mit Janinas Mutter auf, er führte ein langes Gespräch mit ihr. Magdalena Mokris hat auch mit der Presse gesprochen, sie sei sehr offen mit ihrem Schmerz umgegangen, „aber im Moment braucht die Frau vor allem Ruhe“, befindet der Geistliche.

Ein wenig Ruhe täte auch dem Diakon nicht schlecht, er sieht mitgenommen und müde aus. Aber in Unterschleichach verlangt man jetzt einfach nach ihm, und da geht es keinesfalls nur um die Bewältigung der Trauer. Es geht auch um Angst. Seit die Obduktion ergeben hat, dass Janina aus einer Kleinkaliberwaffe erschossen worden ist, kommt kaum jemand im Dorf an der Frage vorbei, ob einer seiner Angehörigen als Todesschütze in Frage kommt. Kripo und Staatsanwaltschaft haben den Notfallseelsorger gebeten, sie bei Hausdurchsuchungen zu begleiten. Die Ermittler wissen, welche Belastung diese Eingriffe in die Intimsphäre bedeuten. „Die haben auch wirklich jede Schublade umgedreht“, hat der Seelsorger beobachtet. Und er hat die Panik in den Augen von Eltern gesehen, es könnte etwas auftauchen, was ihr Kind belastet: Längst weiß man im Ort, dass es sich nicht nur um einen Unglücksfall, sondern auch um einen Mord handeln könnte. Die Kripo ermittelt „in alle Richtungen“.

Schmerz und Trauer auf der einen Seite und die Frage, ob der Täter nicht mitten unter ihr lebt, seien jetzt eine enorme Belastung für die Bevölkerung. Dazu komme noch der gewaltige Medienrummel und die dringend notwendige, aber trotzdem als bedrückend empfundene Polizeiarbeit: „Da kannst Du Dich jetzt nicht hinstellen und sagen: Ok, das Leben geht weiter“, sagt Manfred Griebel aus der Sicht der Notfallseelsorge. Was er zusammen mit dem Eltmanner Diakon Joachim Stapf jetzt leisten könne, das sei „einfach da zu sein, den Menschen zuzuhören und mit ihnen zu weinen.“

Manche fänden in dieser Situation der Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit im Glauben Halt, da seien ein gemeinsames Gebet oder das Anzünden eine Kerze hilfreich; für andere sei es einfach nur wichtig, dass man ihnen zuhört. „Grundsätzlich gilt, dass man neutral ist, dass man sich nicht auf eine Seite stellt oder sich an Schuldzuweisungen beteiligt“, hebt Griebel hervor und bezieht sich dabei nicht nur auf den Fall Janina, sondern etwa auch auf Verkehrsunfälle mit Todesfolge, zu denen er als Geistlicher gerufen wird.

Dass jemand an Silvester in Unterschleichach mit einer scharfen Waffe „herumgeballert hat“, das allerdings findet auch Manfred Griebel selbst für den harmlosesten Fall, dass der Täter völlig unbeabsichtigt getötet hat, „absoluten Wahnsinn“. An vorsätzliches Handeln möchte er gar nicht denken. „Man muss ganz vorsichtig sein mit Spekulationen, sonst macht man ganz neue Baustellen auf“, hält er sich zurück.

Er wünsche sich, dass sich die Person, die den Schuss abgefeuert hat, der Polizei stelle und die Tat gestehe. Dann wäre wenigstens Schluss mit der zermürbenden Ungewissheit, mit den belastenden Gerüchten und Verdächtigungen. Der Notfallseelsorger kann sich vorstellen, dass „der, der das getan hat, das Licht der anderen jetzt vielleicht am meisten braucht.“ Das mag als Tätersicht kritisiert werden, doch für den Geistlichen ist es eine christliche Pflicht, dass auch einem Mörder oder Totschläger eine Brücke gebaut werden kann. Die verschiedenen Verwünschungen gegen den Verantwortlichen von Janinas Tod, die mittlerweile im Internet kursieren, behagen ihm nicht.

Sein Instinkt sagt dem Gottesmann, dass sich der Todesschütze nicht von allein offenbaren wird. Und auch, dass es noch länger dauern kann, bis die Wahrheit ans Licht kommt, wenn dies überhaupt je geschieht. So oder so, das große Interesse von Rundfunk und Presse werde spätestens in einer Woche abgeebbt sein, mutmaßt Manfred Griebel, der zahlreiche Interviewanfragen von großen Medien erhalten hat. Auch wie lange er noch in Unterschleichach Seelsorge betreiben wird, sei nicht abzusehen – „wir wissen ja überhaupt nicht, wie sich die Sache weiterentwickelt“.

So weiß der Diakon auch nicht, wie lange sich sein Unterschleichacher Weg des Schmerzens fortsetzt. Jede Notfallseelsorge bedeute, mit den Betroffenen „den Weg des Schmerzens mitzugehen – und das lässt niemanden kalt“, gibt der Geistliche zu. Seit 20 Jahren ist der 57-Jährige Notfallseelsorger und seit langen Zeiten auch Krankenhausseelsorger. Jahr für Jahr hat er mit dem Tod von ohne Weiteres 300 Menschen zu tun, die er in Krankenhäusern, Altenheimen oder innerhalb der Pfarrei manchmal auf einem langen Sterbensweg begleitet oder sie auch „nur“ beerdigt, wenn sie völlig unerwartet aus dem Leben gerissen werden, durch einen Unfall zum Beispiel. „Die Leute sagen zu mir: Du machst das jetzt so lange, das ist ja schon Routine für Dich. Aber das stimmt nicht.“ Was zutreffe sei, dass er im Umgang mit den Sterbenden, Toten und ihren Angehörigen sicherer geworden sei. „Aber der Tod ist immer neu, Du musst Dich immer auf neue Situationen einstellen.“ Und immer auch das Leiden mittragen. „Für mich ist das Berufung, es geht für mich nur im Glauben daran, dass es nach dem Tod eine Geborgenheit gibt, einen liebenden und barmherzigen Gott, auch wenn das für die Trauernden zunächst schwer vermittelbar ist.“ Dabei lässt er sich von dem berühmten Spruch Bonhoeffers leiten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ „Und das trägt mich jeden Tag aufs Neue“, sagt Manfred Griebel.

Das HT sprach mit Notfallseelsorger Manfred Griebel am Dreikönigstag.

Trauer, Ratlosigkeit, Entsetzen, Angst: Mit diesen Gefühlen wird Notfallseelsorger Manfred Griebel in Unterschleichach konfrontiert.
Trauer, Ratlosigkeit, Entsetzen, Angst: Mit diesen Gefühlen wird Notfallseelsorger Manfred Griebel in Unterschleichach konfrontiert. Foto: News 5

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