FRIESENHAUSEN

„Die Frisur muss sitzen“

Karin Schönewolf aus Friesenhausen bastelt Egli-Figuren. In vielen Kursen hat sie das Handwerk gelernt, jetzt darf sie selbst Seminare geben, in denen die biblischen Erzählfiguren entstehen. Ein Werkstattbesuch.
Mit den beweglichen Figuren werden biblische Geschichten in Szene gesetzt. Dabei kommt es auf viele Details an – und darauf, sich mit den Bibelstellen auseinanderzusetzen. Foto: G. Klopf

Auf dem Fußboden stapeln sich fein säuberlich sortierte Kisten, voll mit Stoffen, Fellen, Lederstücken und vielen Kleinteilen. In einer großen Werkzeugkiste finden sich massenhaft Scheren, Messer, Stecknadeln, Maßbänder, Kleber und viele Utensilien mehr. Das ist die Ausstattung, die Karin Schönewolf für ihre Kurse benötigt: „Biblische Erzähl-Figuren herstellen und Geschichten begreifbar machen“.

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Egli-Figuren

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„Mit Hilfe der Egli-Figuren werden biblische Texte in Szene gesetzt und dadurch ganzheitlich erlebbar gemacht“, erläutert Schönewolf. Benannt sind die Figuren nach der Schweizerin Doris Egli, die sie in den 1960er-Jahren entwickelte.

Eingesetzt werden die Figuren überall dort, wo sich Menschen mit dem Wort Gottes beschäftigen. Sei es im Kindergottesdienst, im Religionsunterricht, im Gottesdienst, in Senioren- oder Bibelkreisen, erzählt Schönewolf. Als Puppen, mit denen Szenen gespielt werden, werden die biegsamen Figuren allerdings nicht benutzt. Sie rühren den Betrachter vielmehr durch ihre Körpersprache an und sind dabei stets offen für Interpretationen.

„Seit ich meinen ersten Werkkurs in Oberbayern besuchte, hat mich das 'Egli-Figuren-Fieber' gepackt“, beschreibt Schönewolf die Anfänge. Die Mischung fasziniert sie: Einerseits das Handwerkliche, Kreative, andererseits die Möglichkeit, biblische Geschichten mit den Figuren bildlich darzustellen.

Anfang 2013 erfüllte sich ein großer Wunsch der Friesenhäuserin: Nachdem sie viele Kurse und zwei mehrtägige Seminare besucht, selbst Kurse unter Anleitung durchgeführt und 21 Figuren gefertigt hatte, hielt sie endlich ihr Zertifikat in Händen, das sie als Kursleiterin autorisierte.

Neben den handwerklichen Fertigkeiten sind auch Grundkenntnisse im Erschließen von Bibelstellen, sowie Kenntnisse in Judaistik und in Bekleidungs- und Lebenskunde des jüdischen Volkes gefragt.

In Kirchengemeinden, an Fachakademien und Hochschulen und in privaten Kursen leitet Schönewolf nun die Fertigung und den Gebrauch der Figuren an. „Ich möchte den Menschen etwas an die Hand geben, mit dem sie biblische Geschichten gut erzählen können“. Ein Bild bliebe stets länger haften, als nur Worte. „Zugleich verknüpfen sich mit der Szene, die man vor Augen hat, die gehörten Worte und die erlebten Empfindungen“, erläutert Schönewolf die Wirkungsweise.

„So lässt sich später mit dem Bild auch das Wort wieder ins Gedächtnis rufen.“

„Ich möchte den Menschen etwas an die Hand geben, mit dem sie biblische Geschichten gut erzählen können.“
Karin Schönewolf Egli-Figuren-Kursleiterin

Doch bevor die erste Szene mit den ausdrucksfähigen Figuren gestellt werden kann, wartet jede Menge Handarbeit auf die Kursteilnehmer.

Das benötigte Material kann nur über ausgebildete Kursleiterinnen in der Schweiz bezogen werden. Ein mit Sisal ummanteltes Drahtgestell bildet das Gerüst des Körpers. Sieben verschiedene Gestelle stehen zur Auswahl: ein Baby und unterschiedlich große Erwachsene und Kinder, darunter eines mit dem netten Namen „Höckli“, weil es auf der Schulter sitzen kann.

Für den stabilen Stand der Figur sorgen Bleifüße. Sie müssen, ebenso wie die beweglichen Kunststoffhände, am Körpergerüst befestigt werden. Die Form des Kopfes wird aus einem Quader aus Styrodur millimetergenau zugeschnitten. Schönewolf bereitet bereits unterschiedliche Köpfe vor, so dass die Teilnehmer die gewählte Form nur noch schleifen müssen. Gesicht und Hals werden mit Fimomasse aufmodelliert, wobei die Gesichtsform nur angedeutet wird. Ein richtiges Gesicht bekommen die Figuren nicht, damit sie nicht auf einen Ausdruck festgelegt sind.

Im nächsten Schritt werden Arme und Beine mit Endlosstreifen, geschnitten aus alten Unterhemden, umwickelt. Damit die vorab genähte „Haut“ passt, muss exakt gearbeitet werden: Beine fünf Zentimeter Umfang, Arme vier Zentimeter. Der Bauch, ein genähter Schlauch, wird am Gestell befestigt und mit Watte befüllt, das Gesicht mit Haut beklebt und der Körper mit der Haut angezogen.

„Oft wird gejammert, wenn ich diese anspruchsvollen Arbeiten erkläre“, schildert die Kursleiterin, „doch am Ende bekommen es doch alle hin.“

Eine große Auswahl gibt es bei den Haaren – glatte, gelockte, gewellte, zottelige in allen möglichen Farbtönen. Und wieder ist beim Nähen und Aufkleben der Perücke aus Schaf- oder Ziegenfell Sorgfalt gefragt: „Die Frisur muss sitzen, sonst sieht das nichts aus“, sagt Schönewolf.

Schlicht soll die Kleidung sein, aus einfachen, teils gestreiften Stoffen aus Baumwolle, Leinen und Seide. „Auch wenn die Menschen früher meist barfuß gingen, fertigen wir für die Figuren Schuhe, um die Haut zu schützen.“

Ist die Handarbeit getan, kommt man zum Wesentlichen: Den Figuren muss Leben eingehaucht werden. Wo hat die Figur ihre Stärken, wo ihre Schwächen? Wie beugt man den Kopf, wie setzt man die Hände ein, welche Sprache spricht der Körper? Oft lässt Schönewolf die Teilnehmer zunächst selbst in die gewünschte Position gehen, bevor die Figur entsprechend gestellt wird.

„Die Figur kann nahezu alles – wir üben uns an Bildern des Tröstens, des Segens, der Traurigkeit oder der Wut.“ Dabei setze man sich zugleich mit biblischen Inhalten auseinander, erläutert Schönewolf. „Wie ging es beispielsweise dem Josef auf dem Weg nach Bethlehem? Oder was geschah bei der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth?“

Neben dem biblischen Bereich könnten die Egli-Figuren, modern eingekleidet, auch zur Auseinandersetzung mit aktuellen Themen genutzt werden. Karin Schönewolf hat sich schon für eine entsprechende Fortbildung angemeldet.

Die Arbeit mit den Figuren ist der 51-Jährigen eine Herzensangelegenheit. „Meine erste Figur bekam ich in einer schwierigen Lebensphase geschenkt. Sie hatte eine therapeutische Wirkung auf mich.“ Seither begleiten Karin Schönewolf die Figuren ebenso, wie sie ihr Glaube stets begleitet hat.

Mit den Kursen und dem Einsatz der Figuren in ihrer Kirchengemeinde will sie einen Teil von dem weitergeben, was ihr der Glaube gegeben hat. „Es ist ein Danke sagen.“ Nachdenklich fügt sie hinzu: „Zur Zeit sprechen wir viel mehr über fremden Glauben als über unseren eigenen. Die Figuren sind für mich eine Möglichkeit, über meinen Glauben zu sprechen. Sie sind eine Art Glaubensbekenntnis für mich geworden.“

Der nächste Kurs findet am 30. Januar von 9 bis 21 Uhr im evangelischen Pfarrhaus in Friesenhausen statt. Weitere Informationen und Anmeldung unter der Telefonnummer Tel. (0175) 5695299.

 

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