BURGPREPPACH

Die Grabsteine erzählen Geschichten

Erkundung und Austausch: Den jüdischen Friedhof in Burgpreppach besuchten die Teilnehmer bei der zweiten Exkursion des Kooperationsprojekts „Landjudentum in Unterfranken“ durch den Landkreis Haßberge. Foto: Beate Dahinten

Mit Sachverstand und Herzblut: Die Spuren jüdischen Lebens werden hier in der Region schon intensiv erforscht. Das zeigte sich auch bei der zweiten Exkursion des Kooperationsprojekts „Landjudentum in Unterfranken“ durch den Landkreis Haßberge. Memmelsdorf, Ebern und Burgpreppach waren diesmal die Stationen.

Der Platz am Kriegerdenkmal ist der Ausgangspunkt in Burgpreppach. Nicht nur, weil der Bus hier gut halten kann, der die Teilnehmer zu ihren Zielen bringt. Auf den ersten Blick eher unscheinbar, steht die Gruppe auf historischem Boden. Viel lebendiger als der Gedenkstein am Rande des Platzes vermitteln dies die beiden Aktivposten des Vereins Natur und Familie, kurz NatFam. Heidi Flachsenberger und Gerda Wenzlow berichten von der Synagoge, die 1681 an dieser Stelle durch den Umbau des früheren Brauhauses entstanden war, und der angebauten Talmud-Tora-Schule. Den Grund und Boden hatten die Schlossherren zur Verfügung gestellt. Nach dem Einwohnerverlust durch den Dreißigjährigen Krieg hatten die Fuchs von Bimbach unter Würzburger Juden dafür geworben, sich in Burgpreppach niederzulassen.

Die Adelsfamilie machten es auch möglich, dass die Burgpreppacher Juden 1708 einen eigenen Friedhof oberhalb des Dorfes anlegen konnten. Fast 400 Gräber, das letzte aus dem Jahr 1939.

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An diesem Oktobernachmittag wird die Ruhestätte zu einem Ort des Forschens und Austauschens, über Begräbnisrituale beispielsweise, über die Symbole auf den Grabsteinen oder auch die christlichen Steinmetze, unter deren Händen die jüdischen Grabsteine entstanden sind. Ihre Eindrücke dokumentieren die Teilnehmer mit der Digitalkamera.

Ein Drittel der Bevölkerung

Der Weg zur nächsten Station in Burgpreppach führt die Hauptstraße entlang. Hier standen früher fast nur Judenhäuser. Zeitweise machten die Juden ein Drittel der Dorfbevölkerung aus, neben Protestanten und Katholiken, die ebenfalls je ein Drittel stellten.

Das Verhältnis zu den jüdischen Bürgern sei auch noch in der Zeit der Nazidiktatur gut gewesen, merkt die Heimatforscherin an. „Viele Burgpreppacher haben bei Juden gearbeitet.“ Dennoch erkannten auch die Juden hier die Zeichen der Zeit: „Die Geld hatten, haben sich abgesetzt“, erzählt Heidi Flachsenberger. Das war hauptsächlich in den Jahren 1935/36.

Die noch verbliebenen Juden seien von den anderen Burgpreppachern unterstützt worden – heimlich oft. Nur einige wenige Nazis versuchten, Stimmung zu machen. Eine antijüdische Parole an einem Nebengebäude des Gutshofes oder einschlägige Hänseleien waren aber die Ausnahme. Bis 1939 alle Juden weggebracht wurden.

Viele Häuser, in denen früher Juden lebten und arbeiteten, stehen noch. Die beiden Heimatforscherinnen berichten unter anderem von der Metzgerei Kahn im heutigen Rathaus, von der Matzenbäckerei Neuberger, die ihre Ware auch über die Bahnhöfe Pfarrweisach und Hofheim auf die Reise schickte, und von der Gaststätte „Bayrischer Hof“, die zum Rabbinerhaus wurde. Nicht zu vergessen die frühere Präparandenschule, deren Lehrmittel nun in den NatFam-Räumen im Bauhof ausgestellt sind.

Dort kommen die Teilnehmer aus dem Staunen nicht mehr heraus, über die Tierpräparate, Landkarten und Schulbücher, vor allem aber über die umfangreiche Dokumentation jüdischer Geschichte in den NatFam-Ordnern. Keine trockene Materie, sondern Geschichte und Geschichten, die auf diese Weise lebendig gehalten werden.

Das zeigt sich, wenn Heidi Flachsenberger von ihren Kontakten mit Nachfahren von Burgpreppacher Juden in der ganzen Welt erzählt. Besonders wertvoll sind nicht nur die Informationen, die sie dadurch bekommt, sondern auch Begegnungen wie beim Familientreffen der Nachkommen von Leopold Stein. Und es gäbe noch viel mehr aufzubereiten, meint sie, aber dazu fehle die Zeit.

Doch möglicherweise ist da – dank der Exkursion – eine Lösung in Sicht: Projektmanagerin Rebekka Denz sieht in dem Material von NatFam eine Fundgrube für Doktoranden der Judaistik. Wie hatte doch stellvertretender Bürgermeister Helmut Schwappach zur Begrüßung gesagt? „Burgpreppach ist sehr reich an jüdischer Geschichte.“

Wissenschaftliche Arbeiten

Bereits wissenschaftlich erforscht ist der jüdische Friedhof in Ebern, den die Exkursionsteilnehmer zuvor besucht hatten. Hansfried Nickel konnte bei seiner Führung auf eine Dokumentation der Uni Düsseldorf zurückgreifen. Studierende des dortigen Instituts für Jüdische Studien haben die Inschriften eingehend untersucht. Und sie haben die Geschichten, die die Grabsteine erzählen, auch allen denjenigen zugänglich gemacht, die nicht des Hebräischen mächtig sind.

Neben Mitgliedern des Arbeitskreises „Landjudentum in Unterfranken“ nutzt ein Ehepaar aus Eltmann die Gelegenheit, die sich mit dieser Exkursion bietet. Die jüdischen Friedhöfe seien ja meistens abgeschlossen, sagen sie, und um die Inschriften verstehen zu können, sei man auf Erklärungen angewiesen.

Dank dieser Erklärungen erschließt sich beispielsweise der aktuelle Bezug – in dem Fall zur Diskussion um die Beschneidung – im Nachruf auf Chaim Moses, 1720 verstorbener Landesrabbiner des Bezirks Grabfeld mit Sitz in Untermerzbach. „Er erfüllte den Bund für die Kinder Israels ohne Wunde“, heißt es auf seinem Grabstein. Manchmal aber kommen selbst die Fachleute ins Grübeln: Die Engelsköpfe als Verzierung auf dem Grabstein einer Frau hier sind ein Kuriosum. Andere Symbole wie zum Beispiel die segnenden Hände bei Angehörigen der ranghöchsten Schicht, Kanne oder Lampe der Leviten oder auch die Sabbatlampe für die Frauen lassen sich leichter erschließen.

Für die erste Station dieser Tour durch den nordöstlichen Landkreis hatte Nickel keine Unterlagen gebraucht: Geschichte und Besonderheiten der Synagoge Memmelsdorf kennt der Vorsitzende des Träger- und Fördervereins aus dem Eff-eff. Die Teilnehmer zeigten sich beeindruckt vom Konzept. Dazu gehört, dass der Hauptraum bewusst nicht renoviert wurde. Die Phasen der Umgestaltung haben hier ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die langjährige profane Nutzung als Werkstatt und Lager.

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