ZEIL

Die jüngsten 100 Jahre von Zeil

Bürgermeister Thomas Stadelmann (Mitte) dankte den Gestaltern der Vortragsreihe zur Zeiler Stadtgeschichte: Martin Schlegelmilch (von links), Christoph Winkler, Alois Umlauf und Ludwig Leisentritt. Foto: Sabine Weinbeer

100 Jahre voller Hochs und Tiefs für die Stadt Zeil und ihre Bewohner beleuchtete Christoph Winkler im letzten der vier historischen Vorträge, die im Zuge der 1000-Jahr-Feier Zeil die Stadtgeschichte beleuchteten. Große Not, aber auch Wirtschaftswachstum, aufstrebende Firmen und deren Niedergang – der Rückblick war für viele ein Wechselbad der Gefühle. Zeil wuchs in dieser Zeit um das Vierfache an. Flüchtlinge, Vertriebene, aber auch Beschäftigte der Industriebetriebe, wie der Zuckerfabrik, sorgten für ständiges Bauen.

„Vergangenheit hat Zukunft“, mit diesem Zitat kommentierte Bürgermeister Thomas Stadelmann den Umstand, dass das Rudolf-Winkler-Haus mit fast 360 Zuhörern wieder voll besetzt war.

Nach dem Ersten Weltkrieg

Altbürgermeister Winkler begann mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. 50 Gefallene hatte Zeil zu verschmerzen, viele Kriegsteilnehmer waren traumatisiert, Armut regierte. Der Stadtrat unter Bürgermeister Nikolaus Drebinger überlegte gar, das Heiratsalter auf 25 hochzusetzen, weil sich viele Junge eine Heirat ohnehin nicht leisten konnten.

Trotz knapper Mittel kam 1921 die Elektrizität nach Zeil. Oskar Winkler, Großvater von Christoph Winkler, damals zweiter und später erster Bürgermeister, streckte privat Geld für die Kupferkabel vor und so legte Zeil den Grundstein für das eigene Stadtwerk. 6700 Kilowattstunden Strom wurden damals von zwei Transformatorenstationen verarbeitet, „so viel verbrauchen heute zwei Familien im Jahr“, rechnete Winkler vor. Die Inflation galoppierte. Der städtische Nachtwächter verdiente 1920 drei Mark, drei Jahre später 1500 Mark.

Wer 1920 gebaut hatte, konnte drei Jahre später problemlos sein Darlehen tilgen. Die meisten verloren jedoch massiv Vermögen. Ein städtisches Sparbuch von 1923 wies ein Guthaben von 36,5 Billionen Mark auf! „Alle Versuche, dieses Geld abzuheben, scheiterten allerdings“, berichtete der Referent grinsend.

Inflation und Arbeitslosigkeit

Inflation und Arbeitslosigkeit beförderten die Radikalisierung der Wähler, die in Zeil aber nicht so stark ausfiel wie im Landesdurchschnitt. 1925 wurde die evangelische Kirche in Zeil eingeweiht, nach dem Tod von Nikolaus Drebinger wurde Oskar Winkler Bürgermeister. Er nutzte die ABM-Maßnahmen, die der Arbeitslosigkeit entgegensteuerten und baute die Marienschule mit acht Klassensälen, Küche und einem Bad mit 20 Brausen. „Vorher wurde immer nach Läusen gesucht“, erinnerte sich Winkler an eigene Badezeiten dort. Sein Vater Rudolf baute 38 Jahre später das Atrium-Gebäude der heutigen Mittelschule und weil dann die Ganztagsschule dazu kam, „durfte ich als Bürgermeister die Familientradition fortsetzen und auch eine Schule bauen“.

Kinderbewahranstalt

Auch die Kinderbewahranstalt wurde während der Weltwirtschaftskrise gebaut. Nach Hitlers Machtergreifung gab es bald erste Festnahmen, darunter Stadtpfarrer Dümmler und die Stadtratsmitglieder der Bayerischen Volkspartei. Die Bahnhofstraße wurde zur Adolf-Hitler-Straße, der Marktplatz Ritter von Epp gewidmet. Viele Vereine, darunter der Arbeitergesangverein Liederkranz und die Naturfreunde, wurden verboten. Die jüdische Gemeinde hatte sich schon in den 20er Jahren aufgelöst, so kam es nicht zur Ausschreitung gegenüber jüdischen Einwohnern. „Aber auch die Zeiler Geschichte zeigt, wie sich eine Demokratie auflösen kann. Es ist die Vorlage für Erdogan und andere. Wir müssen wachsam sein“, warnte Winkler.

Weil die Zeiler Brunnen oft bakterienverseucht waren – die Kindersterblichkeit war deshalb mit 50 Prozent außerordentlich hoch – gründete Zeil den ersten Wasserzweckverband mit Ebelsbach.

Im Zweiten Weltkrieg produzierte Bosch in der Weberei Erba; 150 ukrainische Zwangsarbeiterinnen waren dort eingesetzt. 160 Zeiler fielen im Krieg, die Glocken des Käppele wurden für Kriegszwecke eingeschmolzen – deshalb sind die heutigen Glocken aus Stahl.

Brandbomben auf Zeil

Am 16. April 1945 fielen 500 Brandbomben auf Zeil, 68 Häuser wurden beschädigt oder zerstört. Sehr überflüssig sei die Sprengung der Zeiler Mainbrücke gewesen, als die Amerikaner bereits über die Hohe Wann zogen. Bürgermeister Weinig übergab die Stadt und die Deutsch-Amerikanerin Frieda Goger konnte dank ihrer Sprachkenntnisse verhindern, dass das Käppele als vermuteter Nazi-Unterschlupf beschossen wurde.

Winkler zeigte, wie die Entnazifizierung ablief, wie Zeil mit 2500 Einwohnern rund 1000 Flüchtlinge und Vertriebene integrierte, weil diese sich aktiv ins Gemeinwesen einbrachten. Viele von ihnen engagierten sich im Verein „Freunde des Städtchens Zeil“, der die erste Stadtratsliste der ÜZL aufstellte. So gehörten schon dem Stadtrat von 1948 vier Heimatvertriebene an. Care-Pakete und Schulspeisung, die Ansiedlung der Zuckerfabrik, rasanter Ausbau der Baugebiete und der Infrastruktur für Wasser und Kanal, der Strukturwandel in der Landwirtschaft und das besondere, konstruktive Klima in den Zeiler Stadtratsgremien über die Jahrzehnte hinweg thematisierte Winkler. Die Stadt profitierte und schuf wegweisende Einrichtungen, vom Altenheim über das Hallenbad bis zum „Netz für Kinder“. Zeil entwickelte sich zu einer kleinen Industriestadt, Almilmö machte die Stadt weltbekannt. Auch Telefunken produzierte in Zeil – inklusive Heimarbeitern waren dies 1500 Arbeitsplätze. Über 200 Gastarbeiterinnen holte Telefunken aus Jugoslawien – einige blieben in Zeil.

1976 begann die Gebietsreform, Bischofsheim war der erste Stadtteil, Krum und Sechsthal kamen 1978 als letzte dazu. Baugebiete mit bis zu 200 Plätzen wurden ausgewiesen, bis die 6000-Einwohner-Marke erreicht war. 1982 wurde Zeil ans Gasnetz angeschlossen, die Bücherei entstand, 1985 wurde das erste Altstadt-Weinfest gefeiert, die Entlastungsstraße wurde im ersten Abschnitt 1988, der zweite Teil 1994 errichtet, 2000 der Hafen.

Traditionell sei Zeil sorgsam mit seiner historischen Bausubstanz umgegangen, so Winkler, die Städtebauförderung habe vieles ermöglicht. 200 denkmalgeschützte Objekte gibt es in Zeil.

Geldsorgen

„Heute spielen Geldsorgen wieder eine Rolle, aber die Stadt wird sich trotzdem weiter entwickeln“, zeigte Winkler sich überzeugt. Dem stimmte Bürgermeister Stadelmann zu. Er würdigte, wie die Familie Winkler diese rasanten 100 Jahre prägte und dankte seinem Vorgänger für sein Engagement.

Allen vier Heimatforschern, die die Vortragsreihe gestalteten, dankte er und überreichte diesen den Inhalt der Spendenbox. Das Geld geht an einen wohltätigen Zweck in Zeil. Laut Stadelmann wird der Stadtgeschichtliche Arbeitskreis weitergeführt, neue Teilnehmer seien willkommen.

Gegen die Schließung der Zuckerfabrik gingen die Menschen auf die Straße – gebracht hat es nur einen Aufschub. Foto: Sabine Weinbeer
Überflüssig war die Sprengung der Mainbrücke nach Sand. Stunden später kamen die US-Truppen über die Hohe Wann nach Zeil. Foto: Sabine Weineer
Viele Erinnerungen weckte Christoph Winkler in seinem Vortrag, etwa an die frühere Innenausstattung des Zeiler Käppele. Bischof Döpfner war diese zu kitschig und so wurde in den 50er Jahren „saniert“. Foto: Sabine Weinbeer

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