OBERSCHWAPPACH

Diese Kunst klagt an

Der Bildhauer Gerhard Nerowski aus Königsberg i. Bay. beteiligt sich mit „humorvoll gestalteten Alltagsdingen“ sowie Objekten mit „ungeschöntem“ Äußeren an der sozialkritischen Kunstausstellung.
Der Bildhauer Gerhard Nerowski aus Königsberg i. Bay. beteiligt sich mit „humorvoll gestalteten Alltagsdingen“ sowie Objekten mit „ungeschöntem“ Äußeren an der sozialkritischen Kunstausstellung. Foto: Sabine Meissner

„Von 1492 bis Lampedusa“ lautet der Titel einer Kunstausstellung mit hochaktueller Thematik. Am Samstag wurde sie mit einer Vernissage und anschließendem Künstlergespräch in Schloss Oberschwappach eröffnet.

Kann eine Kunstausstellung aktueller sein als diese? Wohl kaum, wobei die Gegenwärtigkeit etwas Bizarres birgt und trotz aller Aktualität täglich von den Ereignissen überholt wird. Einen Zeitrahmen von 513 Jahren setzt die Ausstellung der beiden Künstler Ernst J. Herlet aus Schweinfurt und Gerhard Nerowski aus Königsberg. Mit ihren Arbeiten wollen sie zum Nachdenken über Menschenrechte, Unterdrückung und Not seit der Entdeckung der „Neuen Welt“ durch Columbus anregen. „Der Entdecker“ segelte mit einem Boot, das aus Sicht heutiger technischer Möglichkeiten wie eine Nussschale anmutet, über den Ozean in Richtung Westen – und überlebte.

Mehr als 500 Jahre später hat die „Neue Welt“ dies- und jenseits des Ozeans alle Möglichkeiten moderner und sicherer Transportmittel. Und trotzdem lassen seit geraumer Zeit fast täglich Menschen ihr Leben, um ein vergleichsweise kleines Meer in der Hoffnung auf ein wohl besseres Leben zu überwinden. Diese Absurdität ist es, die beide Künstler bewog, sich mit ihren Mitteln zu äußern.

„Lampedusa – Trauminsel im Mittelmeer“ erscheint als erste Meldung beim Öffnen einer Suchmaschine im Internet, „Flüchtlingsdrama vor Lampedusa“ gleich dahinter. Den Künstler Herlet beschäftigen diese, mit menschlichen Tragödien verbundenen Widersprüche seit geraumer Zeit. „Auf meinen Reisen nach Afrika bin ich immer wieder auf Elend gestoßen“, berichtete er im Gespräch mit dieser Zeitung, „und inzwischen beschäftigt es uns alle, weil die Problematik Namen und Gesichter erhalten hat.“

Medienmeldungen, die immer öfter mit „Lampedusa“ beginnen, hätten zunehmend die Frage zur Folge: „Was veranlasst die Leute, ihr Land zu verlassen, und warum steigen sie dafür in Boote, die nicht sicher sind?“ Für ihn laute die Antwort, „Perspektivlosigkeit und kaum Schulbildung.“ Das einzige, was in bestimmten Ländern dieses Kontinents funktioniere, sei der „Flughafen, eine große Avenida zum Präsidentenpalast und das Militär zum Schutz des Präsidenten.“ Der Rest sei „soziale Niederung“. Im letzten Jahr habe er in Tansania und Malawi erlebt, dass das „Elend immer größer wird“, erklärte Herlet.

„Lampedusa“ ist auch Teil des Titels, unter dem die Ausstellung läuft. Das Galeristenpaar Egon A. Stumpf und Eleonore Schmidts-Stumpf von der „Galerie im Saal“ in Eschenau hat mit Bürgermeister Stefan Paulus entschieden, die Ausstellung im Schloss Oberschwappach zu organisieren. Mit der Vhs Landkreis Haßberge und dem Kulturverein „Museum Schloss Oberschwappach“ haben sie sich Mitstreiter geholt – in ein Boot, das sicher ist. Ganz im Gegenteil zu den Schiffen, die Nordafrika in Richtung einer „besseren Welt“ verlassen und die entweder gar nicht oder mit traumatisierter Menschenladung ankommen.

Die Frage, warum vor allem junge Männer unter den Flüchtlingen sind, beantwortete Herlet so: „Ganze Familienverbände wählen ein junges, starkes Mitglied aus und schicken es nach Europa. Wenn der junge Mann durchkommt, bestenfalls bis nach Deutschland, bekommt er Sozialhilfe und ernährt davon die etwa 22-köpfige Familie.“ Das ist laut Herlet die Hoffnung dieser verzweifelten Afrikaner.

Die Illusion, mit seiner Kunst etwas verändern zu können, habe er nicht, betont Herlet. Aber er wolle aufrütteln, hinlenken auf das Thema und sicher auch kritisieren, dass sich in 500 Jahren am „Status quo“ nichts geändert habe. Als er seinen Königsberger Kollegen, den Bildhauer Nerowski um Beteiligung anfragte, habe der sofort zugestimmt. Nerowskis zentrales Ausstellungsstück ist die „Santa Maria“. Er hat es, analog zu der von Columbus im Jahr 1492, aus Eiche gefertigt. Mit seiner Arbeitsweise, die bewusst Sägeschnitte und Löcher im Kunstwerk aufweise, will er „auf die Fragilität der Schiffchen hinweisen, mit denen heutzutage die Menschen jämmerlich ersaufen.“ Bernhard Schurig von der Landkreis Vhs kümmerte sich mit dem Ehepaar Stumpf um ein Begleitprogramm, das mit anderen künstlerischen Mitteln, wie Vortrag, Theater und Film sowie Auseinandersetzung im Gespräch, „den Bezug zum Thema herstellen und neuen Zugang schaffen möchte.“

Für Bürgermeister Paulus steht „Lampedusa für das Versagen Europas“, menschliche Politik zu betreiben. „Tausende Menschen fanden den Tod im Mittelmeer und bei der Überquerung des Balkans“, mahnte er in seiner Begrüßung zu Beginn der Vernissage. Die Problematik sei bewusst als Thema der Ausstellung gewählt worden. „Es soll eine Anklage an die Politik sein, aber auch an eine selbstgefällige Gesellschaft, die weitgehend den Blick für Wesentliches verloren hat“, sagte er.

Die Thematik „Mensch, Menschlichkeit, Menschenrechte“ fordere Engagement, sagte Schurig und stellte in Aussicht, dass eine „Gesprächsrunde Asyl“ am 14. Juni nicht nur über Asylsuchende spricht, sondern sie einbezieht. Egon Stumpf äußerte Unbehagen, „ein solches Thema mit Esprit und Eleganz abzuhandeln“, wie er es sonst bei einer Vernissage vor Freunden der schönen Künste tue. Die Ausstellung ziele auf ein Beziehungsnetz zwischen Nord- und Südhalbkugel, zwischen reicher und armer beziehungsweise mächtiger und hilfloser Welt. Im Katalog zur Ausstellung schreibt er: „Immer dann, wenn westliche Länder oder Monarchien aufbrachen, ein neues Gebiet zu zivilisieren, ging das einher mit Enteignung, Entrechtung, Zerstörung und Ermordung.“

Veranstalter der Ausstellung, die bis zum 14. Juni zu sehen sein wird, sind die Gemeinde Knetzgau, die „Galerie im Saal“, die Vhs Landkreis Haßberge und der Kulturverein Museum Schloss Oberschwappach.

Die Künstler

• Ernst J. Herlet, Schweinfurt:

Der Künstler ist der Initiator der Ausstellung „Von 1492 bis Lampedusa“. Der in Schweinfurt lebende und arbeitende Maler bezeichnet sich als „Bewahrer von Kulturen“. Für exotische, untergegangene oder bedrohte Kulturen möchte er „mehr als nur ein Zeichen“ setzen. Folgen der Welteroberung durch eine imperialistische Kulturdiktatur, die das Ende der Welt herbeiführen könnten, prangert er mit künstlerischen Mitteln an.

• Gerhard Nerowski, Königsberg:

Aus Holz, Naturstein und anderen Materialien formt der freischaffende Bildhauer Skulpturen und hinterlässt so bleibende Spuren, die über die Grenze des Heimatkreises hinausreichen. Nerowski setzt sich kritisch mit den Problemen der Dritten Welt auseinander. So zeigt er eine „überdimensionale Kette", die für die Unfreiheit der Sklaven stehen soll.

Besucher betrachten interessiert die Arbeiten Nerowskis, die er wegen der Farbe, der Linie und dem Humor der Dinge auch als „Comics“ bezeichnet.
Besucher betrachten interessiert die Arbeiten Nerowskis, die er wegen der Farbe, der Linie und dem Humor der Dinge auch als „Comics“ bezeichnet.
Der Künstler Ernst J. Herlet aus Schweinfurt initiierte die Ausstellung zur Flüchtlingsproblematik, mit der er aufrütteln will.
Der Künstler Ernst J. Herlet aus Schweinfurt initiierte die Ausstellung zur Flüchtlingsproblematik, mit der er aufrütteln will.
„Afrikanische Impressionen“ zeigen die Auseinandersetzung des Künstlers Herlet mit dem Leben der Menschen auf diesem Kontinent.
„Afrikanische Impressionen“ zeigen die Auseinandersetzung des Künstlers Herlet mit dem Leben der Menschen auf diesem Kontinent.

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