DITTERSWIND

Ein Pfarrer mit Taktgefühl

Leidenschaft: Nicht nur für seinen Beruf auch für Motorräder und Uhren – Dinge, die den Takt angeben – hat Pfarrer Wolfg... Foto: Beate Dahinten

Es tickt im Pfarrhaus. Mal schneller, mal langsamer. In der Bibliothek, im Wohnzimmer, selbst im Bad. Wolfgang Scheidel und seine Frau Petra haben ein Faible für historische Uhren. „Das Ticken bringt die Zeit so schön in einen Rhythmus“, sagt er. Allein im Wohnzimmer hängen vier der Wanduhren. „Da kann ich mich entscheiden: in welches Tempo will ich einsteigen?“

Rhythmus – ein Wert, der Scheidel auch in seinem Dienst wichtig geworden ist. „Man ist im Prinzip Saisonarbeiter“, beschreibt er einen aus seiner Sicht positiven Aspekt des Pfarrberufes. Es gebe Zeiten, in denen viel los sei, aber auch wieder ruhigere Phasen. „Ein guter Rhythmus ist mit nichts zu bezahlen“, bringt der 53-Jährige ein Stück Lebenserfahrung auf den Punkt.

Ein rhythmischer Wechsel findet sich nicht zuletzt in seinem Werdegang. „So um die zehn Jahre rum sind immer eine gute Zeit in einer Kirchengemeinde“, sagt Scheidel, der unter anderem Gemeindepfarrer im Donaumoos bei Ingolstadt und Dekan in Weiden war.

Die voraussichtlich letzte Phase seiner Laufbahn verbringt der gebürtige Haßfurter in der Nähe seiner Heimatstadt – eher Zufall, wie er anmerkt. Die Kombination von Gemeinde und Diakonie sei der Hauptgrund gewesen, weshalb er sich auf die Pfarrstelle in Ditterswind beworben habe. „Dass es in den Haßbergen liegt und nur 20 Kilometer von meinen Eltern entfernt, war das Sahnehäubchen.“

Heimat, damit verbindet Scheidel keinen festen Begriff, eher zwei Bedeutungen: zum einen der Ort, wo man herkommt, zum anderen könne man sich an verschiedenen Orten beheimaten. „Heimat ist da, wo ich mich zuhause fühle, und das ist mir an vielen Orten gelungen.“ Ganz wichtig seien dabei „die Menschen mit denen man umgeht“. Anders ausgedrückt: „Man muss sich mit der Gegend und den Menschen identifizieren, nur so kann man sich einwurzeln.“

Zu seinem neuen Aufgabenbereich gehören zwei Kirchengemeinden und damit zwei Predigtstellen. Das mache ihm sehr viel Freude, sagt Scheidel, „weil ich leidenschaftlich gern predige“. „Anfangs bin ich von einer volkskirchlichen Prägung ausgegangen. Doch je länger je mehr wurde mir deutlich, dass man ziemlich vereinsamt, wenn man seinen Herrgott nicht im Herzen trägt.“ Ganz bewusst beginnt Scheidel seine Predigten nicht mit „Liebe Gemeinde“, sondern mit „Liebe Schwestern und Brüder“.

Was ist ihm bei der Verkündigung wichtig? Welche Glaubenserfahrung möchte er weitergeben? Scheidel antwortet mit zwei Aussagen, deren Gehalt er in seiner eigenen Lebensgeschichte erfahren hat. Die eine findet sich im zweiten Timotheusbrief: „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Und dazu das Wort von Dietrich Bonhoeffer über die Kraft, die einem geschenkt wird, wenn man sie wirklich braucht. „Man lebt bedeutend besser“, beschreibt Scheidel den Effekt dieser Leitlinien.

Für die Arbeit in der Diakonie bringt Scheidel über 20 Jahre Erfahrung mit, teils in verantwortlicher Position. Was die Diakonie im Dekanat Rügheim betrifft, muss er sich natürlich erst noch einarbeiten. Sein erster Eindruck: Eine vielfältige Struktur, mit dem Diakonischen Werk Haßberge und den örtlichen Diakonievereinen. Und entsprechend allgemein formuliert er seine Ziele in diesem Bereich: diese Struktur „erstens zu durchdringen und zweitens vorsichtig weiterzuentwickeln“.

Sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, das gilt für den passionierten Pfeifenraucher gerade in schwierigen Situationen. An Problemen zu arbeiten, davon hält Scheidel nichts. „Ich arbeite an Lösungen.“ Und um den Durchblick zu bekommen, hilft es seiner Erfahrung nach mehr, einen Gang zurückzuschalten. Wenn es hektisch zu werden beginnt, einfach eine halbe Stunde lang hinsetzen und gar nichts tun – „und schon geht es weiter“.

In der Freizeit sind Scheidel und seine Frau gerne mal motorisiert unterwegs, mit dem Motorrad oder mit dem Cabrio. Eine weitere gemeinsame Leidenschaft von beiden ist das Lesen. Aber dazu braucht Wolfgang Scheidel Zeit. „So zehn Minuten vor dem Einschlafen, das ist für mich nichts.“ Seinen Lieblingsplatz zum Lesen hat er zwar noch nicht gefunden. Dennoch wirkt die Einrichtung nicht nur in der Bibliothek, die auch als Speisezimmer dient, schon komplett und behaglich – einschließlich der Geräuschkulisse: „In den ersten Nächten, bis die Uhren alle hingen, hat wirklich etwas gefehlt.“

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