KREIS HAßBERGE

Ein neues „Kunststück“ für den Landkreis Haßberge

Wenn ein Medium, das zur Kommunikation dienen soll, für soziale Isolation sorgt: Peter Picciani zeigt mit seinen „Wischkastenguckern“ die paradoxe Welt der neuen Handygeneration. Foto: Günther Geiling

Am Samstagabend kamen zahlreiche Gäste zur Eröffnungsfeier des Kulturprojektes „Kunststück 2019/2020“ im Schloss Weißenbrunn. In den letzten fünf Jahren hat sich dieses Kulturprojekt des Landkreises Haßberge zum Erfolgsmodell entwickelt.

„Was wäre ein Komponist ohne sein Orchester? Klanglos! Was wäre meine Arbeit der letzten fünf Jahre ohne die vielen Künstlerinnen und Künstler, Referenten, Musiker, Akteure und Förderer der Kunstszene?“ frage Projektleiterin Renate Ortloff, Kulturbeauftragte des Landkreises Haßberge, in ihrer Eröffnungsrede und gab selbst die Antwort: „Es wäre schlicht nicht möglich gewesen, die Kunst und Kultur unseres Landkreises auf so ein Niveau zu heben und zu präsentieren. Wir haben uns nicht zuletzt durch den Kunstpreis Beachtung und Anerkennung sowie Bewunderer weit über den Landkreis hinaus erarbeiten können.“

Verbindung aus Kunst und Musik

Die beiden Schlossbesitzer Pia Praetorius und Wolfgang Kropp freuten sich über das große Interesse und bezeichneten es als besondere Freude, den Startschuss für die neue Saison des Kunststücks auf ihrem Schlossareal geben zu dürfen. Sie unterstützten dies auch mit einem besonderen musikalischen Programm.

Renate Ortloff, bezeichnete ihrerseits den Ort mit seinem Ambiente als „wie geschaffen“, um das „Kunststück“ unter dem Motto „Wasser bewegt Kunst und Kultur“ zu eröffnen. „Heute verbinden sich Bildende und Musische Kunst zu gleichen Teilen.“ Fünf Künstler, die alle Preisträger von „Kunststück“ sind, stellten nur für diese Eröffnungsfeier ihre Werke aus. Zudem habe Pia Praetorius ein für Sonntag geplantes Konzert so gestaltet, dass Wasser und Musik miteinander harmonieren.

Gespannt auf die Arbeiten

Das diesjährige Kunststück sowie der ausgeschriebene Kunstpreis stehen unter dem Oberbegriff „Wasser“. Wasser gewinne als das zentrale Element des Lebens immer mehr an existenzieller Bedeutung, betonte Ortloff. Verunreinigungen, bewusst oder achtlos entsorgter Alltagsmüll, aber auch maßlose Verschwendung schwächten den Kreislauf des Ökosystems. Hinzu kämen Klimawandel und Privatisierung des Allgemeinguts. „Um unseren Umgang, auch im Kleinen, mit diesem Gut zu sensibilisieren, wurden Kunstschaffende aufgerufen, sich bei der Bewerbung um den Kunstpreis kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen und die Problematiken sowie Auswirkungen sichtbar zu machen. Wir dürfen auf die Arbeiten gespannt sein!“, sagte die Kulturbeauftragte.

„Kunststück“ habe sich in den letzten fünf Jahren immer wieder erneuert, immer neu erfunden. „Auf das neue Kunststück sind wir, die Künstler und ich, besonders stolz.“ Es zeige auch in Abschnitten ein hochkarätiges künstlerisches Angebot. „Es ist eine tolle Arbeit, die wir damit auf den Weg gebracht haben.“

„Musik ist Poesie der Luft“ zitierte Renate Ortloff dann Jean Paul und gab damit den Start für eine besondere Poesie, die aus der Wasserorgel kam und die von Musiker Justus Willberg gespielt wurde. Die Wasserorgel war dabei einem Vorbild aus dem 3. Jahrhundert nachgebaut und erzeugte nur Töne, wenn zwei Kalkantinnen dabei Luft in einen Wasserbehälter pumpten.

Kunsthistoriker Dr. Matthias Liebel, Mitglied der Jury 2018 und 2020, sprach dann von einem hohen künstlerischen Niveau in Zusammenhang mit dem Kunstpreis der vergangenen Jahre. So freue er sich schon sehr darauf und sei sehr gespannt, welche Beiträge dieses Jahr für den Wettbewerb eingereicht würden. Sie sollen von Ende Februar bis Ende März im Schloss Oberschwappach zu sehen sein.

Wachstum und Zerfall

Noch sind die Wettbewerbsbeiträge also nicht zu sehen. Die Zuschauer konnten sich dafür im Rahmen der Eröffnung des diesjährigen Kunststückes an Arbeiten der Preisträger vergangener Wettbewerbe erfreuen. Diese Werke stellte Liebel vor. Hans Doppel aus Haßfurt war beim Kunststück 2018 Träger des Publikumspreises mit einer Installation aus zwölf korrodierten Eisenblechen, die „das Wachstum und den Zerfall allen irdischen Seins“ thematisierten. „So ist die Installation ,Bewegung' nicht nur ein Memento Mori im Sinne des Gewahrwerdens, dass alles auf dieser Welt vergänglich ist, sondern sie versinnbildlicht mit den letzten aufstrebenden Platten zugleich auch die Hoffnung darauf, dass jedem Ende ein Neuanfang innewohnt, die Hoffnung – wenn sie so wollen – auf ein Leben nach dem Tod.“

Von Jannina Hector, die heute in Hofheim wohnt, sahen die Besucher der Eröffnung den Sonderpreis des Landkreises 2016 mit ihren „Papiretten“, Objekte aus Papier, Draht und Holz. Da sie luftfeuchtigkeitsempfindlich sind, waren sie im inneren des Schlosses zu sehen und belegten damit, „wie harmonisch sich traditionelle Bauformen und zeitgenössische Kunst – wenn sie gut gemacht ist – zusammenfügen.“

Der starre Blick aufs Handy

Auf große Aufmerksamkeit stießen auch die originellen Holzskulpturen von Peter Picciani, der 2016 den Publikumspreis erhalten hatte. Bei seinen figürlichen Schnitzwerken sah man Handlungsfiguren, „die sich so sehr auf ihr Handy konzentrieren, dass sie alles um sich herum zu vergessen scheinen. Manchmal haben sie sich mit einem Kapuzenpulli bewusst von ihrer Umwelt abgeschottet, unnahbar und so, als befänden sie sich in einer anderen Welt.“ Liebler meinte: „Es ist grotesk: Ein Medium, das ursprünglich zum dialogischen Miteinander und zur Kommunikation gedacht war, zum Telefonieren, entwickelt sich mehr und mehr zum Instrument des Schweigens und der sozialen Isolation. Aus dem Fenstergucker der Renaissance ist bei Picciani der Wischkastengucker geworden.“

Weitere Ausstellungsstücke sah man von Gabi Weinkauf aus Güntersleben mit dem „Abschied einer jungen Frau von ihrer Kindheit“ und auch von Gerd Kanz mit einer Arbeit aus fluoreszentem Plexiglas und zehn hintereinander gestaffelten roten Platten. Auf ihnen wurde eine Libelle wiedergegeben, deren Erscheinung sich je nach Lichteinfall und Blickwinkel permanent veränderte.

In der Konzert-Scheune war dann unter der musikalischen Leitung von Pia Praetorius das Konzert „Wasser.Musik“ zu hören mit Werken italienischer, deutscher und englischer Komponisten mit dem Vokal-Ensemble „schola cantorum nürnberg“, das gemeinsam mit renommierten Instrumentalisten für Flöte, Gambe, Harfe und Laute auftrat.

Dieses Instrument kann ein Musiker nicht ohne Helfer spielen: Justus Willberg an der Wasserorgel. Foto: Günther Geiling
Renate Ortloff, Kulturbeauftragte des Landkreises, sowie die Schlossbesitzer Pia Praetorius und Wolfgang Kropp (von link... Foto: Günther Geiling

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