MEMMELSDORF

Eine jüdische Familie auf der Flucht in die Freiheit

Helmut Schwarz hielt einen Vortrag über die wahre Geschichte einer jüdischen Familie auf der Flucht in die Freiheit.
Helmut Schwarz hielt einen Vortrag über die wahre Geschichte einer jüdischen Familie auf der Flucht in die Freiheit. Foto: Christian Licha

Die wahre Geschichte der Flucht einer jüdischen Familie aus Fürth im Dritten Reich faszinierte und erschütterte zu gleich die Besucher am Mittwoch in der Synagoge Memmelsdorf. Helmut Schwarz schilderte in seinem bebilderten Vortrag die Erlebnisse, deren Quelle ein Buch eines der Nachfahren ist, das der ehemalige Direktor des Nürnberger Spielzeugmuseums ins Deutsche übersetzt hat. Die Vorsitzende des Träger- und Fördervereins Synagoge Memmelsdorf, Iris Wild, freute sich über das große Interesse an der Veranstaltung, zumal familiäre Wurzeln der Flüchtlingsfamilie in dem Untermerzbacher Ortsteil vorhanden sind.

Der jüdische Geschäftsmann Moses Kohnstam, der in Fürth eine Spielwarengroßhandlung besaß, heiratete Babette Klein, die 1844 in Memmelsdorf geboren wurde. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor, von denen allerdings fünf recht früh verstarben. Die Firma handelte mit Spielwaren, hatte aber auch eigene innovative Ideen, die zum Patent angemeldet wurden. Die erste Eigenkreation war seinerzeit eine Sparbüchse mit Zählfunktion. Das Geschäft lief um die Jahrhundertwende blendend.

Alles zurückgelassen

Die Geschichte erzählt von Moses Kohnstams Enkel Hans Kohnstam, der 1932 in der Nürnberger Hauptsynagoge seine Frau Ruth Wetzler heiratete. Das Glück sollte aber nur von kurzer Dauer sein, denn mit der Machtergreifung der Nazis wurde ihnen das Leben sehr schwer gemacht. Sehr früh haben sich die Eheleute deshalb entschlossen, in die vermeintlich sicheren Niederlande zu flüchten. Im September 1933 täuschte Hans Kohnstam eine Geschäftsreise nach Amsterdam vor, von der er und seine Frau nicht mehr zurückkamen. Ihr gesamtes Hab und Gut mussten sie zurücklassen, später wurden sie offiziell enteignet. In diesem Zusammenhang beschrieb Helmut Schwarz den späteren Quelle-Chef Guastav Schickedanz als „Günstling der Gauleiter“, der sich ein Großteil des ehemals jüdischen Besitzes in Fürth zu einem Spottpreis gesichert hatte.

In Amsterdam baute sich die Familie eine neue Existenz auf. Hans wurde Handelsvertreter, unter anderem für die damals größte europäische Schuhfabrik. Ruth arbeitete als Kindergärtnerin, bis sie 1936 Sohn Pieter zur Welt brachte. Im gleichen Wohnblock lebten damals Otto und Edith Frank, deren Tochter Anne einmal weltberühmt werden sollte. Zwischen den Familien entstand eine Freundschaft und Anne war Spielkameradin und Babysitterin von Pieter zugleich.

Die richtige Entscheidung

Als die deutsche Wehrmacht dann auch in die Niederlande einmarschierte und die Deportationsbefehle kamen, bot Otto Frank den Kohnstams an, sich zusammen mit ihm in einem geheimen Unterschlupf zu verstecken. Nach reiflicher Überlegung lehnte Hans Kohnstam dankend ab, denn er und seine Frau hielten es für besser, nach Argentinien zu flüchten, wo ein reicher Onkel von Ruth lebte. Diese Entscheidung sollte der Familie das Leben retten.

Mit einem siebten Sinn für die überall lauernde Gefahr machten sich Hans und Ruth zusammen mit dem sechsjährigen Pieter auf den Weg nach Spanien, von wo aus sie mit dem Schiff nach Argentinien fahren wollten. Dank vieler Fluchthelfer, den sogenannten Passeuren, ging der Weg quer durch Frankreich. Zahlreiche lebensgefährliche Situationen mussten die drei miterleben. So auch als sie die Demarkotionslinie über den Fluss Cher überwinden wollten. Erst mussten sie mit ansehen, wie vor ihren Augen ein älteres Ehepaar im reißenden Wasser ertrank. Mit einem Boot gelang ihnen schließlich die Überfahrt, nach der sie von deutschen Grenzpatrouillien beschossen, aber nicht getroffen wurden. Während einer Übergangszeit in Chateauroux entschloss sich Ruth, auch anderen Flüchtlingen zu helfen. Sie schloss sich der Résistance an und wirkte bei 14 Hilfsaktionen mit. Im weiteren Verlauf der Flucht machten drei deutsche Soldaten in dem inzwischen besetzten südlichen Teil Frankreichs Jagd auf Sohn Pieter, der sich jedoch rechtzeitig verstecken konnte. Voller Angst steckte auch der Weg von Frankreich nach Spanien über die Pyrenäen, den sie dank der Fluchthelfer mit dem Zug meisterten. Als Gleisarbeiter getarnt fuhren Vater und Sohn zu ihrem angeblichen Arbeitsort. In einem Tunnel mussten sie auf einen parallel fahrenden Zug während voller Fahrt überspringen, der sie nach Spanien brachte. Mutter Ruth wollte, getarnt als Heizer, zwei Tage später folgen. Sie wurde jedoch entdeckt und wurde in ein spanisches Frauengefängnis gebracht, in dem sie Monate verbringen musste, während ihr Mann vergeblich alle Anstrengungen unternahm, sie zu befreien. Schließlich war alles geschafft.

Keine Einreise ohne Taufe

Ihre Papiere waren in Barcelona zur Überfahrt mit dem Schiff angekommen, als sie schließlich erfuhren, dass Argentinien zur Einreise ein Dokument fordere, dass sie als getaufte Katholiken auswies. Ihren jüdischen Glauben nicht aufgeben wollend, suchten sie Hilfe bei dem spanischen Bischof Gregorio Modregoy Casans, der sich die gesamte Fluchtgeschichte anhörte. Er empfand es als Wunder, dass die Kohnstams überhaupt lebend in Barcelona ankamen und so verhalf er ihnen zu Taufscheinen, ohne dass sie ihren jüdischen Glauben aufgeben mussten. Am 10. Mai 1943 erfolgte schließlich die Passage nach Buenos Aires. Passenderweise hatte das Schiff den Namen „Cabo de Buena Esperanza“, was im Deutschen „Kapp der guten Hoffnung“ heißt.

Später ließ sich das Ehepaar Kohnstam scheiden, denn sie hatten sich schon lange auseinandergelebt und nur die Flucht und ihr Sohn hatten sie noch zusammengeschweißt. Beide heirateten erneut und Hans Kohnstam kam 1966 zurück nach München. Dort lebte er noch 25 Jahre und verwirklichte seinen Lebenstraum, das Malen. Über 1000 Zeichnungen und Gemälde hat er hinterlassen, die 2001 dem jüdischen Museum in München übergeben wurde. Pieter Kohnstam blieb bei seiner Mutter, besuchte das Gymnasium, absolvierte eine Banklehre in der Schweiu und war schließlich als Einkäufer bei einem US-Pharmakonzern tätig. Seit den 1960-er Jahren lebt er in den USA. Dort schrieb er das Buch, das die Erlebnisse seiner Kindheit schildert.

Persönliches Treffen

Die Organisatorin des Vortragsabends, Ina Karg, erzählte über das persönliche Zusammentreffen mit Pieter Kohnstam im Juli 2016 in der Synagoge Memmelsdorf. Zusammen mit seiner Familie kam Kohnstam aus den USA angereist, um nach seinen familiären Wurzeln zu forschen. Dieses Jahr zu Pfingsten ist Pieter Kohnstam wieder in Deutschland. Hier wird ihm in Berlin ein Preis der Anne-Frank-Stiftung überreicht, den er für sein Engagement mit geschichtlichen Vorträgen in Schulen bekommt.

Helmut Schwarz, der auch zahlreiche Veröffentlichungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Industriezeitalters sowie zu spielzeuggeschichtlichen Themen schrieb, wurde durch einen Anruf Kohnstams auf dessen Vergangenheit und sein Buch aufmerksam, dass er dann übersetzte. Die deutsche Fassung des Buches heißt „Mut zum Leben“ und ist im Ergon-Verlag Würzburg erschienen.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Memmelsdorf
  • Christian Licha
  • Bischöfe
  • Cher
  • Das dritte Reich
  • Deutsche Soldaten
  • Ehe
  • Ehepartner
  • Familien
  • Katholikinnen und Katholiken
  • Machtergreifung
  • Otto Frank
  • Résistance
  • Soldaten
  • Synagogen
  • Wehrmacht
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!