KREIS HASSBERGE

Es gibt keinen politischen Grund für Krawalle

Seit 2015 führt Oliver Plume den Kreisverband „Die Linke Main-Rhön“. Der Verband umfasst die Landkreise Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld und die Haßberge. Foto: Andreas Ulonska

Im Alter von 20 Jahren hat Oliver Plume seine politische Karriere in der SPD begonnen. Nach 24 Jahren fühlte sich der Oerlenbacher in der Partei nicht mehr repräsentiert und wechselte zur Linken. Die ausbleibende Korrektur der Agenda 2010 und die wachsende Ungleichheit unter Gerhard Schröder hätten ihm keine andere Wahl gelassen. Seit 2015 ist Plume, der beruflich als Versicherungskaufmann tätig ist, Kreisvorsitzender der Linken Main-Rhön – und somit für die Landkreise Haßberge, Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld verantwortlich. Im Interview spricht er über Linksextremismus und die Geschehnisse in Hamburg.

Frage: Wie beurteilen Sie als Vorsitzender der Linken im Kreis Main-Rhön die Vorfälle in Hamburg?

Oliver Plume: In meinen Augen muss man das differenziert betrachten, und auch die extreme Schärfe aus der Debatte nehmen. Die Krawalle verurteile ich zutiefst.

Ich denke besonders den geschädigten Hamburgern – denen beispielsweise ihr Kleinwagen regelrecht abgefackelt wurde – wird es schwerfallen, diese Debatte ohne Schärfe zu führen.

Plume: Den Geschädigten spreche ich aus ihrer subjektiven Sicht jede Schärfe zu. Deshalb muss jetzt die Frage gestellt werden, welche Leute dort randaliert haben. Es wird gesagt: „Bei der „Welcome-to-Hell“-Demo gab es den „Schwarzen Block“. Viele setzten diesen Schwarzen Block mit den Leuten gleich, die randaliert haben. Auch viele Rechtsradikale und Jugendliche waren bei der Randale und den Plünderungen dabei.

Wir beide sitzen hier und zeigen unser Gesicht. Der Schwarze Block macht das üblicherweise nicht. Wollen Sie sagen, dass die Straftaten in Hamburg nur von Rechtsradikalen und Jugendlichen verübt wurden und der Schwarze Block damit nichts zu tun hat? Plume:

Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Diese Ergebnisse müssen wir abwarten. Egal wer daran beteiligt war. Das waren Kriminelle und für so ein Verhalten gibt es keine Entschuldigung. Es gibt keinen politischen Grund für Krawalle. Ich bedauere aber sehr, dass die hehren und gerechtfertigten Ziele der friedlichen Demonstranten dadurch in Misskredit geraten sind.

Es waren 80 000 Demonstranten unterwegs, von denen wahrscheinlich 97 Prozent friedlichen Protest geübt haben. Dass diese friedliche Mehrheit unter den Tisch fällt, ist eine Katastrophe.

Sie sehen also keinen Zusammenhang zwischen Ihrer Partei und den Gewaltexzessen? Plume:

Nein! Das ist, als würde man für das Verhalten von Hooligans einen bestimmten Verein verantwortlich machen. Es sind einfach Leute, die so eine Großveranstaltung zum Anlass nehmen, um dort kriminell zu werden und Krawall zu machen. Das ist definitiv keine linke Politik. Linke Politik bedeutet Solidarität mit Schwächeren und keinen Krawall.

Ich möchte gerne auf Ihren Vergleich mit den Hooligans eingehen. Fußballfans werden in drei Kategorien unterteilt: Friedliche Fans die nur am Sport interessiert sind gehören der „Kategorie A“ an. Anhänger, die das Spielgeschehen verfolgen, aber auch zu Gewalt bereit sind, werden der „Kategorie B“ zugeordnet. Und schließlich gibt es noch die „Kategorie C“, denen es fast ausschließlich um Gewalt geht. Ich bin fest davon überzeugt, eine ähnliche Abstufung hat es auch in Hamburg gegeben. Plume:

Da bin ich Ihrer Meinung. Ich denke auch, dass bei vielen der Alkoholspiegel eine große Rolle gespielt und zur Eskalation beigetragen hat. Grundsätzlich bleibe ich aber dabei. Ich bin überzeugt, dass der Großteil der Demonstrationen friedlich abgelaufen ist. Gewalttäter beziehe ich nicht in linke Politik ein. Das ist ein Widerspruch. In meinen Augen ist linke Politik nicht für die Gewalt rund um den G20-Gipfel verantwortlich.

Ihre Parteivorsitzende Frau Kipping übte harsche Kritik und sprach von einer „marodierenden und schikanierenden“ Polizei. Erst sechs Tage später folgte der Ansatz einer Entschuldigung bei Maybritt Illner im ZDF. Plume:

Diese Äußerungen bezogen sich auf die Räumung des genehmigten Protestcamps durch die Polizei. Angeblich wurde in den Zelten geschlafen, was laut Polizei nicht zulässig gewesen sei. Die Auflösung eines genehmigten Protestcamps sehe ich kritisch. Das Vorgehen hat sicherlich nicht zu einer Deeskalation beigetragen. In einem Rechtsstaat sollte man auch das Vorgehen der Polizei hinterfragen dürfen.

Ursprünglich sollte der G20-Gipfel das bestimmende Thema in Hamburg sein. Wie sehen sie dieses Format an sich? Plume:

Wenn ich Hamburg und auch frühere Gipfel wie beispielsweise in Toronto betrachte, stehen Aufwand und Ertrag für mich in keinem Verhältnis. Ganz abgesehen von der Legitimation dieser selbsternannten „Großen 20“, wo Putin, Erdogan und Saudi-Arabien mit am Tisch sitzen. Auch die Auswahl der Veranstaltungsorte kann ich nur schwer nachvollziehen.

Über die Auswahl von Hamburg als Veranstaltungsort kann man sicherlich diskutieren. Nun ist es aber so, dass sich bei diesem Gipfel Vertreter aus allen Ländern der EU und 19 weiteren Staaten gemeinsam an einen Tisch gesetzt haben. Früher wurden Konflikte meist militärisch gelöst. Müsste die Linke nicht pro G20 und pro Dialog sein?

Plume: Definitiv. Dialog ist immer erste Wahl. Auch mit Putin und Erdogan. Allerdings ist es ernüchternd wenn man sieht, was unter dem Strich dabei herauskommt. Die immensen Budgets dieser Gipfel könnten an anderer Stelle besser eingesetzt werden. Zum Beispiel bei der Flüchtlingshilfe oder bei den Sozialleistungen. Es muss einfach hinterfragt werden. Der Berg kreißte und gebar eine Maus.

Aber ist selbst diese kleine Maus nicht immer noch besser als überhaupt kein Dialog?

Plume: Grundsätzlich ja. Aber die Relationen stimmen nicht. Das Förderprogramm für Afrika umfasst 235 Millionen Euro. Die Kosten für den G20-Gipfel 2010 in Toronto werden auf 900 Millionen geschätzt. Das ist angesichts der Ergebnisse lächerlich. Dialog ist immer gut, da haben Sie recht - aber nicht in einer Großstadt und mit diesem Aufwand.

Gibt es in Deutschland ein Problem mit Linksextremismus?

Plume: Wie definiert man denn überhaupt Linksextremismus? Ich denke, Rechtsextremismus kann man ganz klar definieren. Das sind Menschen die einen anderen – einen autoritären – Staat wollen, und Gewalt gegen Andersdenkende und Andersgläubige ausüben.

In meinen Augen verbinden Ihre Argumente aber beide Gruppen. Auch Linksextremisten wollen die bestehende Staatsform zugunsten von Sozialismus oder Anarchie abschaffen. Und auch Gewalt gegenüber anderen – zum Beispiel Polizisten – wird ausgeübt.

Plume: Man muss einfach zwischen links und linksextrem unterscheiden. Die CSU als rechtskonservative Partei muss sich nicht für rechtsextreme Ausschreitungen verantworten. Warum sollte das bei der Linken anders sein?

„Der Berg kreißte und gebar eine Maus“
Oliver Plume über den G20-Gipfel
Seit 2015 führt Oliver Plume den Kreisverband „Die Linke Main-Rhön“. Der Verband umfasst die Landkreise Bad Kissingen, R... Foto: Manfred Mellenthin

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Agenda 2010
  • CSU
  • G-20
  • G-20 Treffen
  • Gerhard Schröder
  • Gewalt
  • Hooligans
  • Interviews
  • Krawalle
  • Linksradikalismus
  • SPD
  • Wladimir Wladimirowitsch Putin
  • ZDF
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!