BAMBERG

Freimaurer: "Unser Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt"

Keine blaue Grotte, sondern der in blaues Licht getauchte Tempelraum der Bamberger Freimaurerloge.
Keine blaue Grotte, sondern der in blaues Licht getauchte Tempelraum der Bamberger Freimaurerloge. Foto: Marion Krüger-Hundrup

Der rechteckige Tempelraum ist in magisch blaues Licht getaucht. Am westlichen Eingang stehen die beiden Säulen Jachin und Boas, die Gerechtigkeit und Wohlwollen symbolisieren. Gegenüber im Osten befindet sich der schmuckvolle Thron des Meisters, der die Loge leitet. Vor ihm ist eine Art Altar aufgebaut, auf dem die Bibel mit Winkelmaß und Zirkel liegt. In der Raummitte ruht ein so genannter Arbeitsteppich, auf dem sich die wichtigsten freimaurerischen Symbole und Zeichen finden – flankiert von drei weiteren Säulen, die Kerzen tragen und auch in der rituellen Handlung in der Loge entzündet werden. Diese Säulen stehen für Weisheit, Stärke und Schönheit zur ethischen Vervollkommnung des Menschen. An den Längsseiten sitzt die Mehrzahl der Logenbrüder. Lehrlinge im Norden, Gesellen im Süden. Funktionsträger, so genannte Beamte, haben eigene Plätze.

Offen auch für Gäste

Freimütig erklärt Klaus Stieringer diesen Tempelraum im Logenhaus an der Franz-Ludwig-Straße: „Er gilt nicht als sakraler Raum, ist aber mit dem gebotenen Respekt zu betreten.“ Der 48-Jährige ist der „Meister vom Stuhl“ (der Vorsitzende) der Bamberger Freimaurerloge „Zur Verbrüderung an der Regnitz“. Unbefangen plaudert der hauptberufliche Geschäftsführer des Stadtmarketings Bamberg über seinen reinen Männerverein aus fünfzig bis hundert Mitgliedern im Alter zwischen 25 bis 95 Jahren.

Beim ersten Zuhören verflüchtigt sich das Missverständnis, die Freimaurer seien in „dunkle Machenschaften“ verstrickt und heimliche Drahtzieher des Weltgeschehens. Für Verschwörungstheoretiker muss es ernüchternd sein, was Klaus Stieringer über seine Brüder preisgibt: „Wir öffnen uns bewusst auch für Gäste“, sagt er. Und fügt dann doch hinzu: „Man muss unsere Rituale selbst erlebt haben, um Freimaurerei zu verstehen, jeder erlebt es anders.“

Zwar gibt es inzwischen eine Fülle an Literatur über die Freimaurer. Und doch umgibt sie eine Aura der Geheimniskrämerei. Das mag an der bedingungslosen Verschwiegenheit liegen, die für die Logenbrüder oberste Tugend ist.

„Wir missionieren nicht“

Doch „unser Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt“, meint Karl-Henning Kröger, bisher Großkanzler der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Die mit rund 10 000 Mitgliedern größte Großloge (von insgesamt fünf) versammelte sich kürzlich zu ihrem Großlogentag in Bamberg.

Großmeister Stephan Roth-Kleyer steht diesem Treffen vor. In einer Pressekonferenz nennt der Hochschullehrer die Grundprinzipien der Freimaurerei: Humanismus, Toleranz, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. „Freimaurerei hat nichts mit Religion zu tun, wir missionieren nicht“, betont der Großmeister.

„Sittliche Lebenshaltung“

Gerade die Themen Religion und Tagespolitik „sind in unseren Veranstaltungen tabu“. Roth-Kleyer philosophiert über das freimaurerische Denken und Agieren, das Diesseitsbezogen sei auf ethischer Basis. Wer einen Sinn in der Freimaurerei mit ihren uralten Symbolen und allegorischen Handlungen fragt, bekommt von ihm als Antwort: „Geistige Entfaltung und Entwicklung einer sittlichen Lebenshaltung“, erreichbar durch „winkelgerechte Lebensführung und von der Sklaverei der Vorurteile befreite Gedanken“. Schließlich zählten Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit zu den höchsten Gütern der Freimaurer. Klaus Stieringer, der Bamberger „Meister vom Stuhl“, greift diese Worte so auf: „Jeder Freimaurer arbeitet in erster Linie an sich selbst, wir haben kein Dogma.“ Vielmehr gehe es darum, sich selbst zu reflektieren, selber besser zu werden und an sich zu arbeiten. Wege aufzuzeigen zum Nächsten und zu Werten. Überlieferungen aus der Tradition der europäischen Dombauhütten spielten dabei eine Rolle und führten zu einem Zusammenspiel von Geist und Gemüt.

Von Nazis und DDR verboten

Vor über 300 Jahren wurde in England die erste Loge begründet. Noch heute streben „freie Männer von gutem Ruf“ ohne Ansehen des religiösen Bekenntnisses, politischer Überzeugungen, sozialer Unterschiede, der Staatsangehörigkeit in die Logen in aller Welt. Das heißt: in der freien Welt. Denn in autokratischen Regimen, in Diktaturen, fundamentalistischen Staaten sind die Freimaurer mit ihren Idealen verboten. So war auch weder bei den Nationalsozialisten im „Dritten Reich“ noch in der DDR Freimaurerei möglich.

Auch beim zweiten Hinhören wird deutlich, dass die Freimaurer kein „Geheimbund“ sind. Zugestanden werden müssen ihnen allerdings „Geheimnisse“ wie die tradierten Erkennungsmarken Handzeichen, Griffe und Wort-Codierungen aus der Bauhüttenwelt. Damit können sich auch einander Fremde als Gesinnungsgenossen ausweisen. Persönliches Geheimnis mag ebenso bleiben, was jeder bei der Aufnahme in den Männerbund empfunden hat: in der abgedunkelten „Kammer der verlorenen Schritte“ inklusive Requisiten wie Totenschädel und Sanduhr.

Papst fällt negatives Urteil

Schon bald nach Gründung der ersten Loge trat die Kirche auf den Plan, die die Ritualpraxis der Freimaurer hinter verschlossenen Türen und ihren „Gott - Großer Baumeister aller Welten“ nicht hinnehmen wollte. Papst Clemens XII. (1652 bis 1740) verurteilte erstmals die Freimaurerei in Form der Bulle „In Elementi Apostolatus Specula“. Die Mitgliedschaft von Gläubigen, Laien und Klerikern in den Freimaurerlogen und jedwede Unterstützung wurden bei Strafe der Exkommunikation verboten. In der Folge blieben die Päpste bei dem Verdacht der Ketzerei. Ihnen erschien die Freimaurerei als häretische Sekte, die zu verurteilen war. Noch 1983 hat der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Joseph Ratzinger – der spätere Papst Benedikt XVI. – verkündet: „Das negative Urteil der Kirche über die freimaurerischen Vereinigungen bleibt (…) unverändert, weil ihre Prinzipien immer als unvereinbar mit der Lehre der Kirche betrachtet wurden und deshalb der Beitritt zu ihnen verboten bleibt (…)“.

Eine neue vatikanische Botschaft in Richtung Freimaurer hat es seitdem nicht mehr gegeben. „Das Urteil des Vatikans gilt immer noch“, stellt der Bamberger Kirchenhistoriker und Domkapitular Norbert Jung fest. Doch dieses Diktum sei wohl in eine „moralische Kategorie“ einzuordnen und der Gewissensentscheidung des Einzelnen überlassen. So handhabe es auch die evangelische Kirche. Der Domkapitular zaubert sogar lächelnd einen prominenten Kirchenmann aus dem Ärmel: Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim (1757 bis 1779) „war Mitglied der Freimaurer, obwohl es bei Exkommunikation verboten war“. Auch der Bamberger Kirchenrechtler Professor Alfred Hierold sagt unmissverständlich: „Freimaurerei wird von der Kirche nicht gern gesehen, aber es gibt bei Mitgliedschaft keine Sanktionen mehr.“

„Verbrüderung an der Regnitz“ heißt die Bamberger Loge, die ihr Zuause in der Franz-Ludwig-Straße hat.
„Verbrüderung an der Regnitz“ heißt die Bamberger Loge, die ihr Zuause in der Franz-Ludwig-Straße hat. Foto: Marion Krüger-Hundrup
Großmeister Stephan Roth-Kleyer (links) und Großkanzler Tim Kröger in Bamberg.
Großmeister Stephan Roth-Kleyer (links) und Großkanzler Tim Kröger in Bamberg. Foto: Marion Krüger-Hundrup
Klaus Stieringer ist als „Meister vom Stuhl“ der Vorsitzende der Bamberger Freimaurerloge.
Klaus Stieringer ist als „Meister vom Stuhl“ der Vorsitzende der Bamberger Freimaurerloge. Foto: Marion Krüger-Hundrup

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