RENTWEINSDORF/EBERN

Friedrich Rückerts Jahre in Ebern

Kreisheimatpfleger Günter Lipp sprach in Rentweinsdorf zur Eröffnung des Rückert-Jubiläumsjahres. Foto: Janina Reuter

Beinahe alle aufgestellten Sitzmöglichkeiten im Rentweinsdorfer Marktsaal waren besetzt. Rund 40 Interessenten hatten sich am Freitagabend auf den Weg dorthin gemacht, um dem Vortrag von Kreisheimatpfleger Günter Lipp zu lauschen. Er befasste sich mit der Zeit Friedrich Rückerts in Ebern. Eröffnet wurde mit dieser Veranstaltung auch das Jubiläumsjahr zum 150. Todestag des Dichters.

Ein Bild von Friedrich Rückert, das per Beamer an die Leinwand geworfen wird, empfing die Besucher. Sie alle wollten eines wissen: Wie und warum hat der Sprachwissenschaftler damals überhaupt in Ebern gelebt? Laut Kreisheimatpfleger Lipp hat Rückert hier insgesamt rund sechs Jahre verbracht. Wenn man Briefe und Gedichte, die Rückert geschrieben hat, inhaltlich genau analysiere, so könne man noch so manches Detail, gerade aus der Eberner Zeit entdecken. Dieser Zeit entsprechend projizierte Lipp auch permanent Fotografien und Gemälde an die Leinwand.

Es stelle sich laut Lipp die Frage, warum der in Schweinfurt gebürtige Rückert im Jahr 1809 nach Ebern kam. Das Städtchen lag zu dieser Zeit im Großherzogtum Würzburg, hatte um die 1000 Einwohner – meist Bauern und Handwerker – und bestand aus der Altstadt und drei kleinen Vierteln.

Im Jahr 1809 wurde in Ebern das Amt des Rentamtvorstehers neu vergeben – an den Advokaten Johann Adam Rückert, Friedrichs Vater. So zog die siebenköpfige Familie nach Ebern. Ihre Wohnung befand sich im ersten Stock des Finanzamts. Johann Adam Rückert war der erste protestantische Beamte im katholischen Ebern.

„Ebern hat selbst keinen ,großen Sohn‘. Deshalb hat es Rückert adoptiert.“
Günter Lipp, Kreisheimatpfleger

Sein Sohn Friedrich ist zu dieser Zeit 21 Jahre alt. Er wurde am 16. Mai 1788 geboren. Nachdem er in Schweinfurt drei Jahre lang das Gymnasium besucht hatte, begann er, in Würzburg Jurisprudenz und Sprachwissenschaft zu studieren. Sein Examen will er aber 1805 in Jena machen. Im Jahr 1811 promovierte er dort in Latein und hieß von nun an: Dr. Johann Michael Friedrich Rückert. Ab April 1812 war er wieder in Ebern und blieb mit Unterbrechungen zunächst bis 1815.

Das Verhältnis zwischen Friedrich Rückert und den Ebernern war gestört, formuliert Lipp: Man könnte fast sagen, es war nicht vorhanden. Er mochte die Eberner nicht. Und die Eberner konnten mit „dem Herrn Doktor“ und Rentamtsmannsohn nichts anfangen. Er hatte keinen einzigen Freund in der Stadt. Er habe sich hier gelangweilt, für ihn war hier zu wenig los, resümiert der Kreisheimatpfleger.

1813 ging Friedrich Rückert nach Hanau, um an einem Gymnasium zu unterrichten. Doch schon am zweiten Tag sei er nicht mehr zum Unterricht erschienen, ist überliefert. Dann war er für kurze Zeit „Privatgelehrter“ in Würzburg. Unterrichtet und gelehrt hat er nie gerne. So kehrte er ohne Beruf wieder nach Ebern zurück. Doch was macht er hier – ohne Beruf? Auch auf diese Frage weiß der Kreisheimatpfleger eine Antwort: „Er dichtete, wanderte, amüsierte und verliebte sich.“

Für die Gedichte nahm Friedrich Rückert Anregungen aus seiner Umgebung auf und schrieb darüber. Er sammelte seine Anregungen und dichtete sie dann in Reime. Über die Stadt Ebern an sich hat er kein Gedicht geschrieben. Wohl aber über die Barbara-Kapelle. Da ihm in Ebern das Publikum für seine Gedichte fehlte, zog es ihn öfter nach Coburg und Hildburghausen. Rückert wanderte gerne nach Lützelebern, zur Barbara-Kapelle, auf‘s Raueneck, nach Lind zur „Eichenkanzel“ und zu den vielen Ruinen. Frei nach dem Motto: „wegwärts von Ebern“.

Amüsiert hat sich der Dichter beim Tanzen im „Glasholz“ in Gereuth. Auf Einladung der Familie Greiffenclau traf sich hier alle 14 Tage eine bunte Gesellschaft zum Tanzen und Spielen. Besonders der Adel und das gehobene Bürgertum aus der Gegend haben sich hier vergnügt.

Verliebt hat sich der Dichter 1912 gleich zweimal: Zum einen in Agnes Müller, einer Tochter des Justizamtsmanns der Rotenhan in Rentweinsdorf. Sie (erst 16) und er (25 Jahre alt) lernen sich beim Tanzen in Gereuth kennen, berichtete Lipp. Rückert schwärmte sie an; doch sie bekam dort heftiges Nasenbluten, und auch von Schwindsucht sei die Rede. Wahrscheinlich hatte sie TBC und starb auch daran: am 9. Juni 1812. Friedrich Rückert verfasste daraufhin 41 Gesänge.

Kurz darauf verliebte er sich in die Wirtstochter der „Specke“, Marie Elisabeth Geuß, auch erst 16 Jahre alt. Noch in der Trauerzeit für Agnes, balzte er „Marielies“ im Frühsommer 1812 an. Sie nahm ihn jedoch nicht ernst, obwohl er ihr nachstieg. Rückert war daraufhin zwar sehr enttäuscht, nach einem Jahr aber auch wieder darüber hinweg.

Rückert kam oft zur Bettenburg und traf dort Freunde bei der Bettenburger „Tafelrunde“. Dies war eine Art Akademie für unterhaltsame, geistvolle Gespräche. Danach unternahm er Reisen im In- und Ausland.

Im Februar 1819 kam der Dichter wieder zurück nach Ebern und trieb vermehrt orientalische Sprachstudien und schrieb Bücher dazu.

Im Herbst 1920 verließ er Ebern und zog nach Coburg, wo er die Archivratstochter Luise Wiethaus-Fischer kennenlernte. Damit löste er sich endgültig aus Ebern, auch wenn er ab und an hierher zurückkam. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1821 heiratete er seine Luise.

Von 1826 bis 1841 war er in Erlangen Professor für orientalistische Sprachen und Sprachforscher. 1841 übernahm er für fünf Jahre eine Professur in Berlin. 1847 zog er sich in Neuses bei Coburg auf das Gut seines Schwiegervaters zurück, wo er am 31. Januar 1866 starb.

Mit der Gedenktafel am Finanzamt, mit der Rückertgasse und -anlage, dem Rückert-Stein und -Denkmal und letztlich mit dem Friedrich-Rückert-Gymnasium hat er Spuren in Ebern hinterlassen, die noch heute an ihn erinnern. Wie Günter Lipp sagt: „Ebern hat selbst keinen ,großen Sohn‘. Deshalb hat es Rückert adoptiert.“

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