Zeil

Glück zu dritt: Das besondere Buch der Zeilerin Karin Schorr

In "Festhalten in meiner Lebensachterbahn" beschreibt die Autorin, wie ihr Weg aus der Lebenskrise für alle Beteiligte Gutes bewirkte. Am 6. November liest sie in Zeil.
"Festhalten in meiner Lebensachterbahn" heißt das Buch von Karin Schorr (Mitte). Darin beschreibt sie, wie sie dank ihres Lebenspartners Wolfgang Sandler (links) nach dem Schicksalsschlag für ihren Ehemann Artur neuen Lebensmut fasste und wie dadurch alle drei zu neuem Glück fanden. Foto: Martin Sage

In Zeiten, in denen sich viele Menschen als Autoren versuchen, mag es nicht ungewöhnlich sein, wenn auch eine Zeilerin zur Feder greift. Doch Karin Schorr hat keinen Roman geschrieben, ihr Buch fällt aus dem Rahmen: Die 58-Jährige beschreibt darin einen beim besten Willen nicht alltäglichen Weg zum Glück - zu ihrem Glück, dem ihres Ehemanns Artur und ihres Lebenspartners Wolfgang. Einem Glück im Rahmen der Möglichkeiten.

Eine Frau, zwei Männer, eine Konstellation, die aufhorchen lässt, die neugierig auf das Buch macht, das den Titel trägt "Festhalten in meiner Lebensachterbahn". Das wiederum klingt nicht nach dem breiten literarischen Auswalzen  einer Dreiecksbeziehung. Und darum geht es in dem knapp 350 Seiten starken Werk auch gar nicht. "Gib niemals auf, Du kannst immer Wege aus einer schweren Lebensphase finden", das ist die Botschaft, die Karin Schorr ihren Lesern vermitteln will. Aber auch, dass niemand darauf warten kann, dass andere die Wege für einen finden. "Das musst Du schon selber tun", erklärt die Autorin. Und ihr Weg? "Mein Weg ist meine innere Zufriedenheit".

Den Anfang dieses Weges aber markiert eine Katastrophe. Karins Katastrophe, die ihrer Familie, setzt gleich auf den ersten Seiten des Buches mit elementarer Wucht ein: Am 10. Juni 2004 erleidet ihr Ehemann Artur, gerade einmal 48 Jahre alt, eine schwere Hirnblutung, die ihn von einem Tag auf den anderen zum Pflegefall macht. Die Kinder Julia, Anja und Michael sind da 18, 16 und 12 Jahre alt. Fortan steht Karins Leben auf dem Kopf. Sie managt die Familie, unternimmt neben ihrem Job alle Anstrengungen, ihren Kinder jene Freiräume zu erhalten, die sie ohne den Schicksalsschlag des Vaters gehabt hätten; und hat, was ihren Artur anbelangt, immer nur eines im Sinn: Sie möchte ihn zu Hause versorgen, er soll auf keinen Fall in ein Heim. All das bringt sie jedoch an ihre physischen und psychischen Grenzen. 

"Als die Verantwortung und die Pflichten sie zu erdrücken scheinen, sucht sie einen Ausweg", heißt es auf dem Rückentext ihres Buches. Und dieser im Buch ausführlich wiedergegebene Ausweg bringt sie mit Wolfgang zusammen. Wolfgang Sandler, weithin bekannt durch seine Tätigkeit als Redakteur beim Haßfurter Tagblatt, ist zunächst einmal ihr Tanzpartner. Doch alleine die Namen der folgenden Kapitel verraten es. "Wolfgang", "Artur-Karin-Wolfgang", "Es spricht sich ,rum'" und "Zustimmung - Unverständnis": Zwischen den leidenschaftlichen Tänzern entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Die darin gipfelt, dass Wolfgang schließlich in das Haus der Schorrs einzieht, wo er sich im Obergeschoss seine eigene Wohnung einrichtet. "Es war ein wunderbares Gefühl, Wolfgang, meinen Freund, Gesprächspartner, Kamerad, nun für immer bei mir zu haben", notiert die Autorin zu diesem bedeutenden Schritt.

Aber Artur - wie ist es für ihn, mit Wolfgang unter einem Dach zu leben?, will die Zeitung beim Besuch im Wohnzimmer der Schorrs wissen. Im Buch ist er schließlich eine Hauptperson. "Alles Klasse" antwortet der 63-Jährige. Artur ist schwerbehindert, seine Sprache ist gestört. Wer ihn nicht kennt, kann schwer abschätzen, ob er eine Frage versteht und was seine Antworten wirklich bedeuten. Aber es ist spürbar, dass sich Artur in Gegenwart von Karin und Wolfgang wohlfühlt, geborgen ist und sich beschützt weiß. Karin Schorr ist davon überzeugt, dass Artur von ihrem Glück mit Wolfgang profitiert. Weil ihr Freund ihr viel Kraft für seine Pflege gibt, weil sich die beiden Männer verstehen und es Wolfgang voll und ganz mitträgt, dass Artur in seinem häuslichen Umfeld bleiben kann.

"Du kannst dein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen", betont die dritte Hauptperson. Wolfgang Sandler meint damit, dass er niemals etwas unternommen oder gefordert hätte, was die verbleibende Qualität in Arturs Leben eingeschränkt hätte. Aber auch der heute 61-Jährige wollte nicht auf sein Glück verzichten: Nach langen Jahren des Single-Daseins habe er die Chance ergriffen, als er seiner großen Liebe begegnete. Und dabei auch bewusst alle Einschränkungen in der Partnerschaft in Kauf genommen.

Keiner von uns hat 100 Prozent, jeder muss Kompromisse machen
Karin Schorr, Buchautorin

"Keiner von uns hat 100 Prozent, jeder muss Kompromisse machen", beschreibt Karin Schorr das Leben zu dritt. Es müssten aber keine 100 Prozent sein, damit sich jeder glücklich fühlt. Oder zumindest zufrieden. Eine "innere Zufriedenheit", in die - wie man sich vorstellen mag - die Außenwelt mit einer kritischen Sicht durchaus hineinspielen kann. Was sagen Verwandte, Freunde, Bekannte? Wolfgang Sandler ist sich bewusst, dass vor 20 Jahren "die gesellschaftlichen Zwänge so ein Modell des Zusammenlebens vermutlich verhindert hätten".  Karin Schorr erklärt, sie sei sich am Anfang zum Beispiel nicht sicher gewesen, wie ihre streng katholischen Eltern reagieren würden. "Aber es ging ja hier nicht um irgend wen, sondern um ihr Kind. Sie haben gesehen, dass es mir plötzlich viel besser geht. Da treten Moralvorstellungen in den Hintergrund." Auch die Tatsache, dass Artur unübersehbar aufgeblüht sei, habe die Akzeptanz für ihr Verhältnis mit Wolfgang befördert. Umgekehrt haben sie die eigenen Erfahrungen toleranter gegenüber den Lebens- und Sichtweisen anderer Menschen gemacht, führen Karin und Wolfgang an.

Du kannst dein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen
Wolfgang Sandler, Lebensgefährte

Karins Achterbahnfahrt indes ist mit dem Eintritt von Wolfgang in ihr Leben nicht zu Ende gegangen. Es gibt weiterhin Höhen und Tiefen, wie sie das Leben für jeden von ihnen ebenso mitbringt - vor allem aber dadurch, dass es Artur bald besser, bald schlechter geht. Wie Karin das alles meistert und wie sich die Akteure dabei verhalten, beschreibt sie immer wieder auch mit Humor: Lachen erlaubt. Aber auch so, dass Wolfgang Sandler dazu meint: "Da lassen wir ganz schön die Hosen runter" - der Leser bekommt Zugang zu einem ganz intimen Bereich. Denn  die beiden sind der Ansicht, dass es einen großen Bedarf an ehrlichen und authentischen Beispielen gibt, in denen Menschen aufzeigen, wie sie vergleichbare Lebenssituationen stemmen. In der kommenden Woche startet die Autorin mit den Lesungen aus ihrem Buch, und zumindest im Bekanntenkreis ist die Nachfrage schon jetzt groß. Vielleicht erreicht "Festhalten in meiner Lebensachterbahn" alsbald noch ein viel größeres Publikum.

Karin Schorr lädt die Bevölkerung zu zwei Lesungen im Landkreis Haßberge ein:
Am Mittwoch, 6. November, liest sie um 19.30 Uhr im Rudolf-Winkler-Haus in Zeil am Main;
am Freitag, 22. November, folgt eine Lesung im katholischen Pfarrsaal in Haßfurt, Beginn ist um 20 Uhr. Der Eintritt ist jeweils frei.

 

Das Buch:
"Festhalten in meiner Lebensachterbahn" (348 Seiten) von Karin Schorr ist 2019 erschienen im Engelsdorfer Verlag (Leipzig). Es kann im Buchhandel erworben oder bestellt werden unter ISBN 978-3-96145-6 für 18 Euro. Auch bei den Lesungen ist das Buch zu haben, solange der Vorrat reicht.

 

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