HAßFURT

Guten Morgen: Schwammige Begriffe

Ein Atheist, der aus einer christlichen Familie stammt, würde sich kaum als „Christ“ bezeichnen. Ein Ex-Muslim, der zum Christentum konvertiert ist, würde von sich nie mehr behaupten, er sei „Muslim“. Beim Judentum ist das anders. Es gibt viele Menschen aus jüdischen Familien, die sich dazu bekennen, nicht mehr an die Religion ihrer Eltern zu glauben und sich dennoch als „Juden“ bezeichnen. Sie sehen sich auch nach dem Abschied vom jüdischen Glauben als Teil des jüdischen Volkes.

Das macht die Bezeichnungen „Jude“ oder „jüdisch“ zu recht schwammigen Begriffen: Wann bezieht sich etwas auf den Glauben und wann auf die Herkunft? Gerade Befürworter der israelischen Politik scheinen diese Unklarheit gerne für sich auszunutzen. Sie nehmen für sich in Anspruch, für alle Juden zu sprechen. Und so ist es kaum möglich, die israelische Politik zu kritisieren, ohne sich den Vorwurf der Judenfeindlichkeit anhören zu müssen. Über Trump, Putin oder Erdogan kann mal als deutscher Autor, Journalist oder Satiriker relativ gefahrlos schimpfen, aber wenn Benjamin Netanjahu sein Fett weg bekommt – ob berechtigt oder nicht sei mal dahingestellt – wird der Kritiker schnell als Nazi abgestempelt.

In der Vergangenheit wurde unter anderem Literaturnobelpreisträger Günter Grass Opfer dieser Kampagne, jetzt hat es den Karikaturisten Dieter Hanitzsch erwischt: Die Süddeutsche Zeitung hat wegen einer seiner Karikaturen die Zusammenarbeit mit ihm beendet. Grund sei unter anderem gewesen, dass der Zeichner Netanjahu auf dem Bild klischeehaft jüdisch dargestellt habe, mit großen Ohren und großer Nase. Heißt das, dass ein Zeichner Ohren und Nase nicht mehr so überzeichnen darf, wie er es sonst tun würde, wenn er einen Juden karikiert? Kritisiert wurde auch, dass Netanjahu auf dem Bild eine Bombe in der Hand hielt, auf der ein Davidstern prangte. Das mag unklug gewesen sein: Es wirkt, als würde der Zeichner den Anspruch israelischer Politiker anerkennen, für alle Juden zu sprechen. Ein Grund für die Beendigung der Zusammenarbeit ist das aber noch lange nicht. Das einzige, was die Geschichte bringt, ist Wasser auf die Mühlen der echten Nazis.

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