RÜGHEIM

Handgemachte Gitarren: 130 Stunden für den großen Moment

Handwerk und Kunst: Der Rügheimer Michael Götz ist Zupfinstrumente-Bauer und hat sich auf Hawaii-Gitarren spezialisiert.
Wenn aus Holz Musik wird: Nach weit über 100 Stunden ist die Hawaii-Gitarre fast vollendet. Gitarrenbauer Michael Götz blickt prüfend auf sein Werk.
Wenn aus Holz Musik wird: Nach weit über 100 Stunden ist die Hawaii-Gitarre fast vollendet. Gitarrenbauer Michael Götz blickt prüfend auf sein Werk. Foto: Alois Wohlfahrt

Rohes Holz, Knochenstücke und Stahl – kann aus solchen Zutaten Musik werden? Und ob. Musik gar, die schon nach wenigen Sekunden Sehnsüchte weckt. Auf der Werkbank von Michael Götz hat solch derbes Holz, wie es ringsherum in den Regalen steht, Gestalt angenommen. Ein alter Nussbaum aus Stettfeld macht gerade Karriere. Nur noch wenige Stunden Arbeit liegen vor dem Rügheimer, es fehlt noch der feine Stahl, dann kommt der große Augenblick: „Für mich ist das immer ein großer Moment“, sagt der 35-Jährige und meint damit: „Wenn die Gitarre zum ersten Mal erklingt“.

Michael Götz ist Gitarrenbauer, eigentlich ganz offiziell „Diplom-Designer im Fachbereich Zupfinstrumentenbau“. So lautet sein Abschluss nach dem Studium, das er vor einem Jahrzehnt in Zwickau absolvierte. In Kirchlauter aufgewachsen, war ihm schon früh klar gewesen, dass er „irgendetwas mit Gitarre“ machen wollte. Er war ein begeisterter Gitarrist, hatte einen begeisternden Gitarrenlehrer, musste aber auch erkennen, dass professionell Gitarre spielen immer auch bedeutete, dass man sich spezialisieren muss.

Fasziniert war Götz zudem davon, welche Vielseitigkeit Zupfinstrumente bieten. Und seine Begeisterung für den Instrumentenbau wuchs, als er dies ein Jahr lang bei einem Praktikum beim Lendershäuser Gitarrenbauer Hermann Gräfe miterleben konnte. Nach diesem Praktikum ging es zum Studium an die Fachhochschule nach Zwickau. Gerade einmal drei bis vier Studenten werden dort jedes Jahr als Zupfinstrumentenbauer ausgebildet. „Allesamt waren wir Franken“, erinnert sich Götz. Für ihn kein Wunder, denn Franken ist beim Zupfinstrumentenbau nun mal „eine Hochburg“. Neben Zwickau und Mittenwald ist das fränkische Bubenreuth bei Erlangen ein Zentrum der Zupfinstrumentenbauer, berichtet Götz.

Rund 130 Stunden Arbeit stecken in der Gitarre, die vor Götz auf dem Tisch liegt. Feuchte und Wärme haben dem Korpus seine Form gegeben. Auf dem ersten Blick eine schöne, aber doch ganz normale Gitarre. Wenn sie Götz zur Seite dreht, zeigt sich sehr schnell, dass dies nicht so ist. Kein schmaler Hals, wie dies etwa bei klassischen Gitarren der Fall ist, sondern der Hals ist ebenfalls noch Klangkörper. Es ist eine Hawaii-Gitarre. Seit Jahren hat sich Götz auf den Bau dieser Gitarren spezialisiert.

Der sichtbare Unterschied: Beim Spielen liegt die Hawaii-Gitarre auf dem Schoß des Musikers. Die Saiten der Gitarre liegen höher und werden nicht, wie bei der klassischen Gitarre durch die Finger der linken Hand gegriffen, sondern mit einem Metallstab wird die unterschiedliche Tonhöhe erreicht. Und das macht den hörbaren Unterschied aus, den singenden Ton.

In den 1920er und 1930er Jahren war Hawaii und damit verbunden auch die hawaiianische Musik in den USA populär geworden, berichtet Götz. Und dies schwappte auch nach Europa über. Zwar ebbte die Begeisterung in den Folgejahren wieder ab, aber seit rund zwei Jahrzehnten feiert diese Art der Musik wieder eine Renaissance. Nicht zuletzt auch durch das Internet, berichtet Götz weiter.

In diesem Genre ist Götz als Gitarrenbauer vornehmlich zuhause. Es ist ein Nischenmarkt und so kommen seine Kunden weniger aus der Region, sondern er verkauft Gitarren deutschlandweit und darüber hinaus. In den USA, Canada und Australien werden so Gitarren aus der kleinen Werkstatt in Rügheim gespielt.

Eine Schwäche für außergewöhnliche Zupfinstrumente hatte Götz schon von Beginn an. Und so führte ihn sein Studium auch nach Venezuela. Ein Jahr lang lernte er dort beim Auslandsstudium südamerikanische Zupfinstrumente kennen. Seine Diplomarbeit schrieb er über das venezolanische „Cuatro“, eine viersaitige Gitarre.

Nach seinem Studienabschluss machte er sich selbstständig, arbeitet dabei erneut mit Hermann Gräfe zusammen. Unter dem Namen „Gitarren-Manufaktur“ wurden hochwertige klassische Gitarren hergestellt. Seit 2007 hat Götz sein eigenes Markenzeichen – „MG-Guitars“, seit 2008 hat sich Götz, der halbtags noch für einen Gitarrengroßhandel arbeitet, auf die hawaiianischen Gitarren spezialisiert.

Warum Hawaii-Gitarren? Weil er es als eine Herausforderung sah, etwas anderes zu hören, als den Standard. Götz: „Der ist zwar auch schön, aber Hawaii hört man nun mal seltener“. Und die Musik kann faszinieren: Das zeigte auch im vergangenen Jahr ein Workshop mit Musikern aus ganz Deutschland in Rügheim, der auch in diesem Jahr wieder stattfinden wird. Im vergangenen Jahr war es wohl die größte Ansammlung von Hawaii-Gitarristen in Deutschland überhaupt, berichtet Götz im Rückblick.

Die Gitarren aus der Werkstatt von Michael Götz klingen nach Hawaii und manche Bauteile sind gar von dort. Am Steg einer Hawaii-Gitarre zerren wesentlich höhere Kräfte, als an einer klassischen Gitarre. Damit er dem standhält, nutzt Götz für ein Bauteil Holz, das es nur auf Hawaii gibt, eine besondere Akazienart.

Auf Tropenholz verzichtet er, wann immer es geht, außer die Kunden wünschen es ausdrücklich. Und oft konnte Götz schon Kunden überzeugen, dass etwa aus dem Korpus aus dem alte Zwetschgenbaum aus Pettstadt, auch wunderbare hawaiianische Klänge kommen können. Fichte, Eibe, Nussbaum oder Ahorn – „die Region hat wunderbare Hölzer“, sagt Michael Götz, der viele seiner Grundstoffe für die Gitarren selbst aussucht, die Stämme aufsägen lässt und lagert, bis sie dann auf seinem Tisch in der Werkstatt Gestalt annehmen.

Die „100 Stunden plus x“, die er für den Bau einer solchen Gitarre braucht, sind Handwerk, bei vielen Arbeitsprozessen filigranes Kunsthandwerk. Dann etwa, wenn feine Muster den Klangkörper verzieren sollen. Und die Gitarren sind Unikate. „Rund 3000 Euro aufwärts“ ist der Preis für solch eine Gitarre.

Auch wenn er inzwischen etliche Hawaii-Gitarren gebaut hat, ist es für ihn immer noch faszinierend, wenn am Ende der Bauzeit der große Moment naht. Michael Götz lacht: „Es ist dennoch immer wieder spannend, denn ein Instrument wird nun mal nach seinem Klang beurteilt“.

Götz liebt seinen Beruf, das ist ihm unschwer anzumerken, wenn er so über die verschiedenen Modelle seiner Werkstatt blickt, auch, „weil ich mit interessanten Menschen und mit Musik zu tun habe“. Und er gönnt sich auch den „Luxus“, wie er sagt, mitunter eine Gitarre für sich selbst zu bauen.

Aber er hat natürlich auch einen Traum – und der verbindet seinen Beruf mit seiner Leidenschaft fürs Gitarrenspiel: Einmal zusammen mit seinem Musikerkollegen Alfred Dirschbacher aus Junkersdorf ein Konzert zu geben – mit einem guten Dutzend unterschiedlicher selbst gebauter Instrumente.

Aufpoliert: Auch das Aussehen muss passen (Bild oben). Metall auf Metall – so entsteht der singende Ton der Hawaii-Gitarre (Bild unten).
Aufpoliert: Auch das Aussehen muss passen (Bild oben). Metall auf Metall – so entsteht der singende Ton der Hawaii-Gitarre (Bild unten).

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