EBERN

Haßbergkliniken könnten Patienten verlieren

Unterschiedlicher Meinung, wenn es um die Bereitschaftspraxis am Haßfurter Krankenhaus geht (von links): Simone Berger, Vorsitzende der Frauenunion Ebern, Landrat Wilhelm Schneider, Dr. Christian Pfeiffer (Vorstandsbeauftragter der KVB für Unterfranken), Landtagsabgeordneter Steffen Vogel und Gabriele Rögner, Vorsitzende des CSU-Ortsverbandes Ebern.
Unterschiedlicher Meinung, wenn es um die Bereitschaftspraxis am Haßfurter Krankenhaus geht (von links): Simone Berger, Vorsitzende der Frauenunion Ebern, Landrat Wilhelm Schneider, Dr. Christian Pfeiffer (Vorstandsbeauftragter der KVB für Unterfranken), Landtagsabgeordneter Steffen Vogel und Gabriele Rögner, Vorsitzende des CSU-Ortsverbandes Ebern. Foto: Johanna Eckert

Männerschnupfen am Wochenende? Ab nach Haßfurt, heißt es da ab dem 1. April für alle Einwohner des Landkreis Haßberge. Dort wartet in der Bereitschaftspraxis der diensthabende Allgemeinmediziner, Pathologe oder Facharzt einer weiteren medizinischen Ausrichtung auf seine Patienten. Wer dabei an einen Aprilscherz denkt, wird durch die Entwicklungen der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum nun eines Besseren gelehrt.

Mit dem 1. April 2016 startet das Ergebnis der Reform des ärztlichen Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) auch im Landkreis Haßberge. Dabei wurde die Pilotregion „Schweinfurt/Haßberge“ ins Leben gerufen. Für die gesamte Region gibt es dann für die Zeit, in der Hausarztpraxen für gewöhnlich geschlossen sind, nur noch zwei zentrale Bereitschaftspraxen: eine am Sankt-Josefs-Krankenhaus in Schweinfurt und eben die am Kreiskrankenhaus in Haßfurt – ausgestattet mit einem Arzt vor Ort und einem Arzt, der im Fahrdienst unterwegs ist.

18 Monate soll das Pilotprojekt zunächst laufen und die Patientenströme beobachtet werden. „Ein Pilotprojekt, an dem man danach immer noch drehen kann“, erhofft es sich Gabi Rögner, Vorsitzende des CSU-Ortsverbandes Ebern. Kollegen aus den eigenen Reihen sowie viele Bürgerinnen und Bürger aus dem Raum Ebern sind mit dieser Zentralisierung überhaupt nicht zufrieden. Sie forderten eine weitere Bereitschaftspraxis in Ebern. Aber weder eine Resolution des Eberner Stadtrates noch eine mit über 3000 Unterschriften unterzeichnete Protestliste, angeregt durch die Frauenunion Ebern in Kooperation mit dem CSU-Ortsverband, konnten an den Vorstellung der KVB etwas ändern.

Die Initiatoren der Unterschriftenliste luden am Montag deshalb zu einer Regionalkonferenz in die Frauengrundhalle nach Ebern ein. Dabei ging es nicht nur um weitere Informationen zur Bereitschafspraxis. Denn ein „Megathema der Zukunft des Landkreises ist die gesundheitliche Versorgung insgesamt“, brachte Steffen Vogel, CSU-Landtagsabgeordneter, die Thematik auf die Spitze.

Die eigentlich beeindruckendste Zahl vom Diskussionspodium herab nannte an diesem Abend Landrat Wilhelm Schneider, CSU. „Drei Millionen Mise“, fahren die Haßberg-Kliniken derzeit jährlich ein. Seit vier Jahren stecken sie in tiefen Problemen. „Alle wissen, dass es so nicht weitergehen kann“, mahnte der Landrat, „mit den derzeitigen Strukturen fahren wir sehenden Auges an die Wand.“ Doch ein Gutachten soll die Haßberg-Kliniken vor dem Koma retten. „Wir haben uns professionelle Hilfe geholt“, sagte der Politiker und sicherte bereits jetzt den Willen zu, auch in Zukunft möglichst alle drei Standorte der Haßberg-Kliniken – Ebern, Haßfurt und Hofheim – zu erhalten, um eine „flächendeckende Versorgung“ zu gewährleisten.

Dem Operationstisch wird das Unternehmen dabei aber nicht entkommen. Es sollen „strukturell in den Häusern einige Veränderungen vorgenommen werden“, kündigte Landrat Wilhelm Schneider. Zusammen mit der Bereitschaftspraxis nimmt am 1. April am Haßfurter Krankenhaus auch ein neues Kernspintomografie-Gerät seinen Dienst auf. „Bessere Diagnose, nicht mehr so lange Wartezeiten“, verspricht der Landrat. Eine Investition, die sich nur lohnt, wenn auch die Patienten in die Haßberg-Kliniken sowie die angegliederte Bereitschaftspraxis kommen. Und sie kommen doch, oder etwa nicht?

„Im Winter nach Haßfurt über die Bühler Höhe, wo es immer glatt ist? Da bin ich doch schneller nach Bamberg ins Krankenhaus gefahren“, äußerte sich eine Eberner Besucherin am Informationsabend zur Bereitschaftspraxis. Sie wird nicht die einzige sein, die nicht die Bereitschaftspraxis in Haßfurt aufsucht, wie Dr. Christian Pfeiffer, regionaler Vorstandsbeauftragte der KVB für Unterfranken, selbst zugibt. „Ebern liegt natürlich blöd“, so Pfeiffer, „im Randbereich geht die Lotsenfunktion in unsere Klinik verloren.“ Auch für Steffen Vogels Heimatort Wasmuthausen liegt das Krankenhaus in Coburg deutlich näher. „Es besteht eine große Gefahr, dass das Krankenhaus noch schlechtere Zahlen schreibt, wenn viele den bequemen Weg gehen und direkt das Eberner Krankenhaus aufsuchen“, formuliert Gabriele Rögner eine weitere Variante, die Bereitschaftspraxis in Haßfurt zu umgehen. Für die Behandlung von Schnupfen, Fieber, Heiserkeit am Wochenende bekommt das Eberner Krankenhaus bald keinen Cent mehr.

Wer soll also dann kommen, wenn die Bereitschaftspraxis kommt? „Dass junge Kollegen auch auf das Land kommen“, erhofft sich Dr. Christian Pfeiffer, der seit 19 Jahren selbst praktizierender Hausarzt in dritter Generation ist, durch die Installation solcher Zentren. Im Jahr 2014 wurden in Unterfranken 15 Hausarztpraxen ohne Nachfolge geschlossen. Die Schließungen ohne Weiterführung nehmen weiter zu. Umzustrukturieren, um auch jenseits von Ballungszentren und Großstädten eine gleichwertige medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten, sei dabei der einzige Weg, so Pfeiffer.

Die nächste Generation der Ärzte erwartet sich eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Hat es Ullrich J. Zuber, Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin aus Kaltenbrunn, noch „genossen, zu Hause Dienst schieben zu können“, hat Familie und Freizeit für die zukünftigen Ärzte eine viel größere Bedeutung. „Wir müssen andere Bedingungen für den Nachwuchs schaffen“, plädierte er, „es wird sich niemand niederlassen, der das ganze Wochenende lang Dienst schieben muss.“ Mit der Bereitschaftspraxis und der Auflösung der bisherigen Dienstgruppen wird sich die Dienstlast für jeden einzelnen Arzt minimieren. „In so einer großen Gruppe habe ich nur einmal im Jahr Fahrdienst“, wirbt Dr. Christian Pfeiffer für das KVB-Modell bei seinen noch zweifelnden Kollegen.

Für Steffen Vogel steht bei der Thematik fest, dass dem Zahn die Wurzel bereits in der universitären Ausbildung gezogen werden sollte. „Der Numerus Clausus ist kein Kriterium, dass einer danach ein guter Arzt ist“, prangert er die Notenregelung für ein Medizinstudium an. Viele wollen, aber können deshalb nicht an der Universität zugelassen werden. Er plädiert für ein Studienplatz-Sonderkontingent für Leute, unabhängig der Abiturnote, die sich später gezielt im ländlichen Bereich niederlassen wollen. Nicht mal 60.000 Euro Förderprämie für Ärzte, die sich in unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Räumen eine Existenz aufbauen, wirken heutzutage noch als Pull-Faktoren. „Wir haben heute noch nie so viele Mediziner wie davor in Deutschland. Es ist eine Frage der Verteilung“, so Vogel.

Wie auch immer: Die Bereitschaftspraxis im Landkreis Haßberge steht in den Startlöchern. Fahrtkosten für nicht-mobile Bürger werden von den Krankenkassen übrigens nicht erstattet, so Pfeiffer. Auch Flüchtlinge müssen sich von Helfern fahren lassen. Und wer den Arzt verlangt, der im Fahrdienst seine Hausbesuche abarbeitet, der wird auch mal vier bis fünf Stunden warten müssen, schildert Dr. Christian Pfeiffer. Aber: „Der Bereitschaftsdienst sollte eigentlich gar nicht der Dienst sein, den sie regelmäßig brauchen sollten. Der Hausarzt ist viel wichtiger“, sagte Dr. Christian Pfeiffer.

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