HAßFURT

Haßfurt: Das Geheimnis eines erfüllten Lebens im Alter

Der langjährige Bremer Senator und Bürgermeister Henning Scherf berichtete seinen Zuhörern über ein selbstbestimmtes, kreatives und erfülltes Leben im Alter. Foto: Werner Mock

Mit einem herzlichen „Grüß Gott“ begrüßte der langjährige Senator und Bürgermeister von Bremen Dr. Henning Scherf am vergangenen Freitag im voll besetzten kleinen Saal der Stadthalle Haßfurt sein Publikum. Scherf war auf Einladung der „Gesundheitsregion plus Landkreis Haßberge“ und der Vhs Landkreis Haßberge gekommen.

Der Abend stand unter dem Motto „Das Geheimnis des gesunden Alterns“, wobei Scherf über Lebensgestaltung und ein kreatives, erfülltes, selbstbestimmtes Leben im Alter referierte. Die als Vortrag angekündigte Veranstaltung gestaltete Scherf als Erzählung aus seinen gemachten Erfahrungen und seinem Leben, wobei er die Nähe zum Publikum suchte, umherging, frei sprach und das Publikum animierte: „Jede Unterbrechung ist konstruktiv, funken sie bitte dazwischen, wann immer Sie wollen.“

Scherf bewegt die Tatsache, dass wir immer älter werden. Erst am Vortag war er bei einer Veranstaltung Einhundertjähriger, die noch lange nicht am Ende ihres Lebens stehen.

Überwiegend wird das Alter als Angstthema vermittelt, er selbst sieht dies als großes Geschenk und die Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben. Freude bereiten ihm seine elf Enkelkinder, gefühlt vierzehn, mit den Flüchtlingskindern im Haus, denen er auch seine Lebenserfahrungen weitergeben kann.

Engagieren für andere und sich selbst, das bestimmt nunmehr sein Leben. Begeistert und lebhaft schildert Scherf seine wöchentlichen Vorlesestunden in der Grundschule, die er regelmäßig wahrnimmt und keinesfalls missen möchte. Dies erfüllt sein Herz. An dieser Schule haben mehr als 70 Prozent der Kinder Deutsch nicht als Muttersprache gelernt. Die Kinder freuen sich, sprechen mit ihm über das Gehörte, ihre Gefühle und Probleme. Dabei lernt er selbst die wunderbarsten Dinge.

Scherf animierte euphorisch die Zuhörer und forderte sie auf: „Schauen Sie sich um, in der Nachbarschaft, im näheren Umkreis und bieten Sie Ihre Hilfe an, so lernen Sie auch Gemeinsamkeiten kennen und machen neue Erfahrungen. Mithelfen, auch im Alter, ist für alle ein Gewinn!“

Es geht nicht nur darum, etwas für andere zu tun sondern man müsse auch etwas für sich selbst tun, so Scherf.

„Nutzt Euer kreatives Potenzial, habt Lust zum Singen, es ist so schön!“ Mit dieser Aufforderung begann er, von seinem Chor zu schwärmen, der demnächst Händels Messias in afrikanisch-tanzender Version zur Aufführung bringt, was bei ihm auch mit größerer Aufregung verbunden ist.

Eine weitere Möglichkeit sieht er im Malen. „Man ist nie zu alt. Mit über achtzig habe ich erstmals eine Frau porträtiert und für unsere Bilder findet eigens eine Ausstellung in der Kirchengemeinde statt“, berichtet Scherf, nicht ohne Stolz.

Er dachte immer, dass er die alte Literatur kenne, und hat Dostojewski wieder neu entdeckt, sodass er richtig Lust zum Lesen hat.

Scherfs weitere Empfehlung, auch an die Männer: „Kocht selbst und ladet Freunde zum Essen ein. Es ist wunderbar, wenn es auch anderen schmeckt!“ Nicht so wichtig ist es, wofür man sich interessiert, ob es Kunst, Sport oder etwas anderes ist, Hauptsache, man interessiert sich, hält sich wach und rege und sitzt nicht nur herum. Natürlich muss auch er Abstriche machen. Früher lief er Marathon und ist Radrennen gefahren. Das geht nicht mehr, aber was noch geht, das wird probiert.

Deutschlands berühmteste Wohngemeinschaft

Scherf und seine Frau Luise haben nach dem Auszug der drei Kinder vor nunmehr 30 Jahren mit Freunden überlegt, wie sie in Zukunft leben wollten. Schließlich haben sie mit Gleichgesinnten ein großes Haus mitten in Bremen gekauft und liebevoll umgebaut. Scherf gab einen Einblick, wie dieses Mehrgenerationenhaus funktioniert, dass es an jedem Samstag bei einem anderen Hausbewohner ein gemeinsames Frühstück gibt und dies ein fester Termin ist, dass die Männer hin und wieder gemeinsam kochen. Er schwärmte vom großen Garten, in dem die schönen Blumen gedeihen, und der Ersparnis, da die Hausgemeinschaft im Besitz von nur einem Auto ist, sodass diesbezüglich fast täglicher Diskussionsstoff hinsichtlich der Nutzung besteht. Er erzählte von Mitbewohnern, die daheim sterben durften, von seinem Freund, der gepflegt werden muss, dessen Fuß zertrümmert ist und dessen Operation wegen der Einnahme von Marcumar bis auf weiteres verschoben wurde. Seit nunmehr vier Jahren lebt eine Flüchtlingsfrau aus Nigeria mit ihren Kindern im Haus, wobei die Kinder in kürzester Zeit deutsch beherrschten und Zukunftsperspektiven entwickeln.

„Diese Aufgaben mobilisieren uns und wir werden täglich neu herausgefordert. Noch schaffen wir?s“, so Scherf. Auf die skeptische Frage eines Zuhörers, dem dieses Zusammenleben ohne Probleme realitätsfremd erschien, gab Scherf offen zu, dass es Lebensgemeinschaften ohne Probleme nicht gibt. Er erzählte von heiklen, untypischen Beziehungskonflikten, die behutsam, menschlich, mit Empathie gelöst wurden. „Wer darüber reden kann, hat einen Ausweg gefunden, und wir beschließen alles einstimmig.“

Liebevoll erinnerte sich Scherf an seine Oma zurück, die mit 27 Jahren zum zweiten Mal Witwe wurde und ihren Nachkommen ihre Fürsorge und Anteilnahme schenkte. „Es war ein Geschenk des Himmels dass sie ein Teil unserer Großfamilie war und sie hat mein Bild vom Alter maßgeblich geprägt. Ihr Sterben war ein Sterben, wie ich es allen wünsche. Wir haben uns verabschieden können, haben sie in den Arm genommen und wollten uns bedanken. Stattdessen hat sie sich bei uns bedankt, dass ihr Leben durch uns eine wundervolle Zeit war. Es war bewegend.“

Das Sterben gehört zum Leben untrennbar dazu

Scherf, der Mitgründer der heimatlichen Palliativstation ist und selbst über dreihundert Menschen beim Sterben begleitet hat, möchte auch diese Erfahrungen nicht missen, denn sie nehmen die Angst vor dem eigenen Tod.

Voller Freude erzählte der Referent noch von der Pflegewohngemeinschaft, die er regelmäßig seit 15 Jahren besucht, und von der 95-jährigen dementen Greisin, die sich in ihn verliebt hat, und von der Kranken, die nicht ihren Namen weiß, aber den „Osterspaziergang“ aus Goethes Faust auswendig rezitierte.

Der Weg zu neuem Licht

Henning Scherf gab am Ende seiner Ausführungen seinem aufmerksamen, begeisterten Publikum folgende Ratschläge mit auf den Weg:

„Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie die Jahre, die vor Ihnen liegen nicht aus der Hand geben. Dass Sie neugierig auf Neues sind, auf Kinder zugehen. Sitzen Sie nicht zu Hause herum und warten Sie nicht bis irgendjemand kommt. Übernehmen Sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten Verantwortung, dann werden Sie überrascht sein, denn plötzlich wird neues Licht in Ihrem Leben erscheinen.“

Henning Scherf beim Signieren seines Buches. Foto: Werner Mock
Henning Scherf ganz vertraulich mit einem Besucher. Foto: Werner Mock

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