Haßfurt

Haßfurt: Wo es dem Wendehals an den Kragen geht

Mehrere Anwohner machen gegen das geplante Haßfurter Gewerbegebiet "Schlettach II" mobil. In letzter Konsequenz halten sie sogar ein Bürgerbegehren für durchführbar.
Oliver Giel zeigt, wie nahe das Gewerbegebiet "Schlettach II" an das gleichnamige Wäldchen im Nordosten von Haßfurt heranrücken wird. Oliver Giel möchte zusammen mit Klaus Roßdeutsch, Yvonne Wurl und Gina Roßdeutsch (von links) den Stadtrat davon überzeugen, sich gegen dieses Gewerbegebiet auszusprechen. Im Hintergrund die gebüschbewachsene Böschung, für die die Umweltschützer starke Beeinträchtigungen durch eine 18 Meter hohe Halle befürchten. Foto: Wolfgang Sandler

Innerhalb von zweieinhalb Wochen wurden mehr als 18 000 Unterschriften für das Volksbegehren gesammelt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte damals, der Text des Volksbegehrens werde "eins zu eins" übernommen. Konkret zielt der Gesetzentwurf des Volksbegehrens auf Änderungen im bayerischen Naturschutzgesetz ab, etwa auf eine bessere Vernetzung von Biotopen. Dieses Naturschutzgesetz wollen die Naturschützer Klaus Roßdeutsch, Yvonne Wurl, Gina Roßdeutsch und Oliver Giel gerne angewendet sehen, wenn im Haßfurter Stadtrat das neu geplante Gewerbegebiet "Schlettach II" beraten wird.

Hoffen auf Wirkung des 3D-Modells

In der letzten Sitzung des Gremiums hatten vier Stadträte dem Bebauungsplan ihre Zustimmung verweigert. "Wir hoffen, dass es beim nächsten Mal mehr werden", so Klaus Roßdeutsch. "Vielleicht sogar die Mehrheit?" Zudem hatten sich mehrere Gremiumsmitglieder unter der Planung nichts Genaues vorstellen können, so dass sie eine 3D-Darstellung einforderten. Roßdeutsch und seine Gesinnungsfreunde hoffen, dieses Modell werde den Ratsmitgliedern verdeutlichen, dass die Planung so nicht genehmigt werden könne.

Hauptziel der Kritik: Die 18-Meter-Halle

Zentraler Aufhängepunkt der Kritik ist neben vielen anderen Aspekten eine Halle, die bereits für das neue Gewerbegebiet von einem Haßfurter Unternehmen beantragt worden sei. Diese Halle soll 18 Meter hoch werden. Das wäre nicht nur in einer so sensiblen Umgebung ein ganz schöner Klotz, so die Gegner dieses Bebauungsplans, die selbst in unmittelbarer Nähe mit ihren Firmensitzen zu Hause sind. Klaus Roßdeutsch vermutet sogar, dass die Halle noch vier Meter höher wird, "wenn man die Höhenlinien in der Planung berücksichtigt". Diese Halle würde im Falle einer Genehmigung zudem sehr nahe an einer buschbestandenen Böschung stehen, die für die Flora und Fauna eine herausragende Bedeutung besitze.

Zerstörung der Lebensgrundlagen bedrohter Tierarten

"Die geplante Erweiterung würde den Stadtrand weiter in Richtung Natur verlagern", sagt Klaus Roßdeutsch beim Ortstermin mit dieser Redaktion. "Die damit einhergehende Zunahme der Verstädterung würde Lebensgrundlagen, Brut- und Überwinterungsmöglichkeiten von Vögeln, Fledermäusen und Insekten zerstören und zu einer weiteren Landschaftszerschneidung führen." Ihre Bedenken haben Roßdeutsch, Wurl und Giel auch in Form einer schriftlichen Stellungnahme im Rahmen der Anhörung an die Stadtverwaltung geschickt in der Hoffnung, diese und die Mehrheit der Stadtratsmitglieder würden einsehen, dass ein solches Gewerbegebiet katastrophale Folgen haben könnte.

"Das betreffende Gebiet ist von wertvollen Biotopen umringt", sagt Oliver Giel, "welche zusammen mit der zu bebauenden Fläche ein bestehendes Ökosystem ergeben." Wie aus dem Umweltgutachten zu entnehmen sei, so Giel, stellten die verplanten Flächen potenzielle Brutgebiete für bodenbrütende Arten sowie ein Nahrungshabitat für verschiedene Vogel- und Fledermausarten dar. Darunter seien viele Vogelarten, die auf der Roten Liste stehen und im angrenzenden Hecken-, Wald- und Biotopbereich brüteten wie der Wendehals sowie einige stark gefährdete und gefährdete Arten wie der Gartenrotschwanz, Eisvogel, Blaukehlchen und Feldlerche.

"Ein unwiederbringlicher Eingriff in ein bestehendes Ökosystem"
Oliver Giel, Gegner des Gewergebietes "Schlettach II"

"Selbst wenn keine Eingriffe in die Brutbiotope dieser Arten erfolgen, so wird durch die Bebauung der angrenzenden Flächen das Gleichgewicht des Gesamtlebensraums massiv gestört und diesen geschützten Arten Lebensraum und Nahrungshabitat entzogen und so ein unwiederbringlicher Eingriff in ein bestehendes Ökosystem vollzogen", befürchtet Giel.  Ferner brüte auf der Fläche des geplanten Gewerbegebiets auch das stark gefährdete Rebhuhn. Der gefährdete Feldhase nutze diese Flächen ebenfalls zur Aufzucht von Jungen. "Unter den Insekten lebt zum Beispiel die Maulwurfsgrille in diesem Gebiet", so Giel, "welche in Deutschland auf der Vorwarnliste der gefährdeten Tierarten steht, außerdem der Hirschkäfer."

Für den Erhalt des Ökosystems

Durch die Bebauung  des Gebietes würden Ausgleichsflächen, welche einst zum Erhalt der Natur und zur Ansiedlung von Tieren und Pflanzen angelegt worden seien, ihrer Funktion beraubt. Aus den geplanten Gewerbeflächen, welche heute von bedrohten Tierarten bewohnt und zur Aufzucht ihrer Jungen genutzt würden, entstünden abgetrennte Inseln, die in dieser Form als Gesamtlebensraum nicht mehr funktionieren könnten. "Viele der Arten würden mit großer Sicherheit wieder aus diesem Gebiet verschwinden. Diese miteinander vernetzten und aufeinander angewiesenen Flächen, die Gräben und Hecken, der angrenzende Wald" und eben auch das geplante Gewerbegebiet "stellen eine Keimzelle der Artenvielfalt dar. Ihr Schutz sollte uns allen am Herzen liegen, so dass diese auch kommenden Generationen erhalten bleiben. Denn nur miteinander können diese Lebensräume funktionieren und das Ökosystem erhalten bleiben", appelliert Oliver Giel an die ökologische Vernunft der Stadtratsmitglieder.

Und Klaus Roßdeutsch fährt ein weiteres schweres Geschütz auf, um die Stadtväter zum Nachdenken zu bewegen: "Das Stadtwerk Haßfurt demonstriert zukunftsgerichtetes Verhalten mit der konsequenten Umstellung der Energieerzeugung auf 100 Prozent Erneuerbare Energien für eine fossilfreie Zukunft. Im Gegensatz hierzu würde die Stadt Haßfurt jedoch mit weiteren Baugebietsausweisungen ein rückwärtsgewandtes Handeln an den Tag legen, welches nicht vereinbar ist mit der Notwendigkeit zu nachhaltigem Wirtschaften auch auf regionalem und kommunalem Gebiet."

"Wann fangen wir damit an?"

Abschließend stellt Klaus Roßdeutsch die entscheidende Frage: "Uns geht es - wie in dem Volksbegehren formuliert - um ein Umdenken, um Artenvielfalt, das Reduzieren des Flächenverbrauchs. Wann fangen wir damit an?" Und gibt gleich selbst die Antwort: "Wir hätten schon lange anfangen müssen. Wenn alles verreckt ist, ist es wurscht, ob es der Wirtschaft schlecht geht!" Welchen Stellenwert für ihn und seine Mitstreiter die Verhinderung des Baugebietes vor allem auch des "18-Meter-Turmes" hat, verdeutlicht seine grundsätzliche Überlegung, ob es sich nicht lohnen könnte, eigens zu diesem Thema ein Bürgerbegehren zu initiieren.

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