BAMBERG

Heilig oder verrückt?

Franz Kohlschein, theologischer Sachverständiger im Seligsprechungsverfahren.

Stets liegen frische Blumen an ihrer Ruhestätte in der Seitenkapelle der Heilig-Grab-Kirche. Viele Gläubige zünden Bittkerzen an. Votivtafeln hängen an der Wand: „Columba hat geholfen“ steht oft darauf. Die Bamberger Dominikanerin Columba Schonath ist auch 226 Jahre nach ihrem Tod am 3. März 1787 nicht vergessen. Menschen in Not rufen sie um Fürsprache an. Und erfahren auf wundersame Weise, wie die Mystikerin und Visionärin Columba in ihr Leben eingreift.

Und dennoch sagt Franz Kohlschein, dass sich „Columba ein bisschen mehr einsetzen könnte“. Der nunmehr emeritierte Universitätsprofessor meint damit, dass die Nonne selbst von ihrer himmlischen Warte aus ihr Seligsprechungsverfahren beschleunigen sollte. Kohlschein gehört als theologischer Sachverständiger zur entsprechenden Kommission, die 1999 von Erzbischof Karl Braun ins Leben gerufen und 2002 von seinem Nachfolger Ludwig Schick bestätigt wurde.

Schleppendes Verfahren

Der 79-jährige Kohlschein wirkt ein wenig genervt ob des reichlich schleppenden Verfahrens: „Wenn Columba ein Pater wäre, wäre die ganze Sache schon gelaufen“, merkt er kritisch an. Er jedenfalls hat seinen Part längst erfüllt, indem er vor nunmehr genau fünf Jahren die Edition von Columbas handschriftlichen Aufzeichnungen herausgegeben hat. Jetzt müssten noch die historischen Quellen – Dokumente von Columbas Mitschwestern – und überhaupt erst einmal die Biografie der am 11. Dezember 1730 in Burgellern bei Scheßlitz geborenen „außergewöhnlichen Nonne“ vorgelegt werden, sagt Kohlschein. Zumal es „Heilungsfälle gibt, die auf Columba zurückgehen“, ist sich der Theologe sicher, dass Berichte von medizinisch unerklärbaren Heilungen von schwerer Krankheit den notwendigen ärztlichen Gutachten standhalten.

„Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir mit unserer Kommission zum Ergebnis kämen, dass Columba zuverlässig und ein Vorbild als glühende Beterin und bewährte Fürbitterin ist“, betont der Sachverständige. Ob der aktuelle Jubiläumstag dafür frischen Aufwind bringt? Kohlschein bleibt skeptisch. Zumal Columbas Stigmatisierung am 9. Dezember 1763 nicht ein Ausdruck von Heiligkeit per se sei.

Fünf Wundmale

Es war ein Freitag, Christi Todestag also, als an Columbas Leib die fünf Wundmale – oder Stigmata – aufbrachen. Diese begannen von da an jeden Freitag unter schlimmen Schmerzen zu bluten, während die Nonne in Visionen mit dem leidenden Christus verbunden war. Das geht aus ihren Autografen hervor. Waren das nun echte religiöse Visionen oder krankhafte Wahnvorstellungen? Professor Kohlschein spricht von einer „tiefen Passionsfrömmigkeit“, von einer „Mystik des Mitleidens“, die für Columba charakteristisch gewesen seien. Kohlschein verweist darauf, dass schon zu Columbas Lebzeiten der Verdacht im Raum stand, dass sie – wenn zwar nicht „besessen“ – doch krank sein könne.

Stillschweigen

Der Bamberger Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim, dem als Ortsbischof das Dominikanerinnen-Kloster unterstand, befahl den Schwestern strengstes Stillschweigen über die Geschehnisse bei Columba. Diese wurde für den Rest ihres Lebens völlig isoliert und jeder Außenwirkung beraubt. Gleichwohl wurde sie gezwungen, ihre Visionen handschriftlich niederzulegen: „Von heute gesehen ein Glücksfall“, meint Franz Kohlschein, der diese erhaltenen Aufzeichnungen sechs Jahre lang akribisch erforscht hat.

Manfred Lütz, der bekannte Psychiater, Theologe und Bestsellerautor, hat die Aufzeichnungen der Bamberger Dominikanerin zwar nicht gelesen. Doch er deutet Stigmata wie sie etwa Franz von Assisi, Katharina von Siena, Therese Neumann, Anna Katharina Emmerick oder eben Columba Schonath trugen, differenziert. „Stigmatisierungen bei Heiligen können durchaus nicht bloß psychogen gedeutet werden“, so Lütz. Man könne sagen, dass Stigmata „sozusagen auch ein Wunder Gottes sind“.

Wechselwirkungen

Es sei bekannt, dass über die Psyche der Körper beeinflusst werde, und dass psychosomatische Wechselwirkungen möglich seien. Der Psychiater: „Aber, dass Stigmata bei einem bestimmten Menschen auftreten, der sich ganz intensiv ins Leiden Christi hineinvertieft, das ist schon individuell als Wunder zu sehen.“ Andererseits könne man nicht automatisch von Wunden, die ähnlich wie Stigmata seien, „auf die Heiligkeit eines Menschen schließen“. Hautblutungen „an diesen Stellen“ gebe es auch bei Menschen, die gar nicht so besonders fromm seien.

Ob die Bamberger Nonne Columba Schonath nun „heilig oder verrückt“ war, will Lütz nicht „nach so langer Zeit beurteilen, ohne die genaue Krankengeschichte und den Befund zu kennen“. Er warnt vor „vorschnellen psychiatrischen Diagnosen“, allerdings auch vor einer „Mystifizierung von möglicherweise pathologischen Phänomenen.“

Die Dominikanerinnen, die heute im Heilig-Grab-Kloster leben, sind jedenfalls davon überzeugt, dass ihre frühere Mitschwester Columba kerngesund an Seele und Geist war. Die Nonnen beten für eine baldige Seligsprechung und feiern den Jahrestag der Stigmatisierung mit einem besonderen Dankgottesdienst.

Dieses Ölgemälde im Heilig-Grab-Kloster zeigt Columba Schonath mit Kruzifix. Foto: Krüger-Hundrup

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