WESTHEIM

Heimat nur für kurze Zeit

Schemenhafte Erinnerungen: Die jüdische Gemeinde, die nach dem Krieg als Displaced Persons in Westheim lebte, nutzte wohl auch die alte Synagoge (Bildhintergrund). Diese wird derzeit saniert.
Schemenhafte Erinnerungen: Die jüdische Gemeinde, die nach dem Krieg als Displaced Persons in Westheim lebte, nutzte wohl auch die alte Synagoge (Bildhintergrund). Diese wird derzeit saniert. Foto: Michael Mösslein

Als im Mai 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, befanden sich in Deutschland Millionen Heimatlose – Zwangsarbeiter, ehemalige Kriegsgefangene oder Überlebende der Konzentrationslager. Die Alliierten nannten sie Displaced Persons, kurz DPs, Menschen, die am „falschen Ort“, die entwurzelt waren. In den westlichen Besatzungszonen sollen es sieben bis siebeneinhalb Millionen gewesen sein. Etwa 16 000 jüdische DPs lebten von 1945 bis 1949 in Franken, in 28 Lagern beziehungsweise Gemeinschaften. Eine davon befand sich im Knetzgauer Ortsteil Westheim.

Heute erinnert sich dort kaum jemand an diesen Nachklang jüdischer Geschichte. Diese war im Jahr 1942 von den Nationalsozialisten mit der Deportation und Ermordung der letzten 21 Juden aus Westheim gewaltsam beendet worden (siehe Infobox). Zum Stichtag 31. Januar 1947 zählte man 64 jüdische DPs im Dorf. Diese hatten dort keine familiären Wurzeln. Sie stammten zum Großteil aus Osteuropa.

In Polen hatte es im Sommer und Herbst 1946 erneut Pogrome gegen Juden gegeben. So flohen jüdische Familien von dort ins kriegszerstörte Deutschland. Etliche von ihnen hatten sich während des Kriegs nach Russland gerettet und dort zum Teil als Partisanen überlebt. Aus Unterlagen des Knetzgauer Gemeindearchivs, die der Erforscherin der jüdischen Geschichte im Haßbergkreis, Cordula Kappner aus Haßfurt, vorliegen, geht hervor, dass es sich bei den jüdischen DPs, die von November 1946 bis etwa ins Frühjahr 1948 hinein in Westheim lebten, vorwiegend um jüdische Familien und einige ältere und jüngere Einzelpersonen gehandelt hat. Sie kamen offenbar nicht aus Konzentrationslagern.

In Westheim waren sie in Häusern einquartiert, die die amerikanische Besatzungsmacht beschlagnahmt hatten. Manche Häuser hatten früher Juden gehört, bis diese vor dem Terror der Nazis fliehen mussten. Anschließend hatten die Häuser für wenig Geld neue Besitzer gefunden, nicht selten waren linientreue Nationalsozialisten zum Zug gekommen.

Im Haus nahe des Kriegerdenkmals, in dem die Bäckerei Schlereth heute eine Filiale betreibt, richteten die jüdischen DPs ein Kulturzentrum ein, in dem sie auch Schule hielten. Vermutlich nutzten sie ebenfalls die alte Synagoge in Westheim, die im Novemberpogrom 1938 von SA-Männern geschändet worden war und später als Wohnhaus diente. Das Gebäude wird derzeit als Wohnhaus saniert. Die alte Schule der jüdischen Gemeinde von Westheim nebenan war im Jahr 2008 abgerissen worden.

Die Zahl der Dokumente, die die kurze Episode der heimatentwurzelten Juden in Westheim dokumentieren, sind spärlich. Im Gemeindearchiv in Knetzgau wurden vor einigen Jahren auf Anfrage von Cordula Kappner drei Dokumente gefunden, die die Anwesenheit der immerhin zeitweise über 60-köpfigen Gemeinschaft, die ein gewählter Repräsentant vertrat, belegen.

Aus den drei Rechnungsunterlagen der Gemeinde Westheim aus dem Zeitraum 1947/48 geht hervor, dass die jüdischen DPs im Jahr 1947 vom Ertrag der damals 19 gemeindeeigenen Obstbäume 150 Kilogramm Früchte erhielten. Unter den Einnahmen der Fleischbeschau für 1948 ist eine Familie Rotkopf genannt. In der Spalte „Stand und Beruf“ ist bei ihr „(Jude) Hähnchen“ vermerkt. Das Gebührenregister führt unter dem 25. März 1948 einen Eintrag, wonach für „Juden“ acht Führungszeugnisse ausgestellt wurden.

Wie fast alle der rund 186 000 jüdischen DPs, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in Deutschland gestrandet waren, wünschten sich die Juden der Westheimer Gruppe nichts sehnlicher, als nach Palästina auszuwandern, um dort einen eigenen Staat zu gründen. Als Ben Gurion den Staat Israel nach langem Widerstand der britischen Mandatsmacht im Mai 1948 endlich proklamierte, wanderten die DPs aus Deutschland und Europa bis auf wenige Ausnahmen dorthin aus. In dieser Zeit zerstreute sich auch die jüdische DP-Gemeinde in Westheim. Sie hat bis auf die wenigen Archiveinträge keine bislang bekannten Spuren hinterlassen.

Der Nürnberger Historiker und Journalist Jim Tobias hat neulich in einem Vortrag bei der Israelitischen Kultusgemeinde in Bamberg über die jüdischen DP-Lager und -Gemeinden in Franken referiert. Er beschäftigt sich auch mit der DP-Gemeinde in Westheim, konnte aber über das bisher bekannt Gewordene hinaus keine neuen Kenntnisse bekannt geben. Tobias, der das Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts leitet, plant jedoch für kommendes Jahr die Freischaltung einer Internetdatenbank, die den aktuellen Forschungsstand zusammenfassen soll.

Jüdisches Leben in Westheim

Die Entstehung einer jüdischen Gemeinde in Westheim reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Die Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der jüdischen Geschichte (Alemannia Judaica) geht davon aus, dass im Jahr 1814 104 Einwohner des Dorfes Juden waren (fast ein Fünftel der 569 Einwohner). Im Jahr 1910 waren es noch 75 (von 795 Einwohnern). Die jüdische Gemeinde verfügte über eine Synagoge, eine Religionsschule sowie ein rituelles Bad (Mikwe). Die Toten wurden im jüdischen Friedhof in Kleinsteinach bestattet, teils in Gerolzhofen. Die Kinder besuchten bis 1929/30 die örtliche katholische Volksschule, anschließend die evangelische.

Im Jahr 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurden in Westheim 43 jüdische Einwohner gezählt. Anfang Juli 1938 waren es 33. Beim Novemberpogrom 1938 drangen SA-Männer aus der Umgebung, unterstützt von örtlicher SA, in die Wohnungen von sechs jüdischen Familien ein, zertrümmerten Fenster, Mobiliar und Hausrat. Zwei Juden wurden verprügelt. Juden sowie einige Nichtjuden, die Sympathien zu ihnen bekundeten, wurden verspottet, zum Teil auch angegriffen. Alle jüdischen Männer mussten in der Synagoge mit ansehen, wie die Möbel, der Toraschrein und Leuchter zerstört wurden. Trümmer verletzten mehrere Juden. Torarollen und Bücher wurden auf der Straße verbrannt – vor 200 Zuschauern aus dem Dorf.

Anschließend wurden die Juden auf Viehwagen nach Haßfurt ins Gefängnis gebracht. Der evangelische Pfarrer und seine Frau, die gute Beziehungen zu den Juden pflegten, wurden für einen Tag eingesperrt. In der Folgezeit wurde massiver Druck auf die Juden ausgeübt wegzuziehen. Am 2. September 1940 mussten alle in ein Haus ziehen. Im April und September 1942 wurden die letzten 21 Juden nach Izbica bei Lublin beziehungsweise Theresienstadt deportiert.

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