KREIS HASSBERGE

Im Angesicht des Todes

Im Alltag scheinen es viele Menschen eher zu vermeiden, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Welche Erfahrungen haben Menschen gemacht, die das ganze Jahr über mit Sterben und Tod zu tun haben?
Ort der Trauer: Pfarrer Sieghard Sapper hält einen Ort, an dem man des Verstorbenen gedenken kann, für sehr wichtig.
Ort der Trauer: Pfarrer Sieghard Sapper hält einen Ort, an dem man des Verstorbenen gedenken kann, für sehr wichtig. Foto: Gudrun Klopf

Allerheiligen und Allerseelen – für die katholischen Gläubigen die Zeit des Gedenkens an Verstorbene und der Friedhofsbesuche. Für die evangelischen Christen ist der Ewigkeitssonntag oder Totensonntag der Gedenktag für die Verstorbenen. Wohl in keinem anderen Monat des Jahres sind Sterben und Tod so präsent wie im November. Doch im Alltag scheinen es die meisten Menschen eher zu vermeiden, sich mit dem Sterben und der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Wir sprachen mit Menschen, die von Berufs wegen mit dem Sterben zu tun haben. Wie erleben sie den Umgang mit Sterben und Tod?

„Heutzutage sterben die Menschen eher im Krankenhaus oder im Altersheim“, nimmt Dr. Heinrich Goschenhofer wahr. Als einweisender Arzt wisse man oft nicht genau, ob beim Patienten nur eine vorübergehende Krise vorliege oder ob es sich um Vorzeichen des Todes handele. Dies gelte besonders, wenn der Arzt zu Patienten gerufen werde, die er vorher nicht als Hausarzt betreut habe. „Da will man nichts versäumen“, sagt der Arzt, „außerdem geht man auch rechtlich gern auf Nummer sicher.“ Allerdings erlebt Goschenhofer auch: „Wenn jemand zuhause sterben kann, empfinden dies sowohl die Sterbenden als auch die Angehörigen meist als großen Vorteil.“

Nach Meinung von Sieghard Sapper hat sich der Sterbeort deshalb in Krankenhäuser und Altersheime verlagert, weil in vielen Häusern nur noch eine Generation lebt. Das Sterben selbst erlebt der evangelische Geistliche auf ganz unterschiedliche Weise: „Oft hindern ungeklärte familiäre Dinge daran, loszulassen oder der Sterbende möchte noch von jemandem Abschied nehmen.“ Gebete und Kirchenlieder seien ein großer Schatz für Sterbende; auch auf die Angehörigen wirkten sie beruhigend. „Ich denke, jemand, der eher kirchenfern lebte, tut sich mit dem Sterben schwerer.“ Jemand, der daran glaubt, dass es nach dem Tod weitergeht, könne oft leichter gehen. Früher sei der Tod in der Dorfgemeinschaft noch stärker mitgetragen worden. „Da ging zum Beispiel aus jedem Haus jemand mit zur Beerdigung“, erinnert sich Sapper. Eine gute Tradition in Lendershausen sei es, dass die Kinder aus dem Ort bei einer Beerdigung mit auf den Friedhof gehen. „Es ist sinnvoll, Kinder nicht fernzuhalten, sondern an das Sterben und Abschiednehmen heranzuführen.“ Schließlich seien sie im Fernsehen und bei Computerspielen häufig auf ungute Weise mit dem Tod konfrontiert. Ebenso wichtig wie einen Leichenschmaus – „an meiner vorherigen Pfarrstelle hieß der treffenderweise ,Trösterl‘“ – hält Sapper einen Ort zum Trauern. Er erinnert sich an eine Frau, deren Mann sich eine Seebestattung gewünscht hatte. „Sie war sehr unglücklich darüber, dass sie an kein Grab gehen konnte.“

„Der Mensch braucht einen Ort des Gedenkens“, ist auch der pensionierte Pfarrer Ottmar Pottler aus Limbach überzeugt. Mit anonymen Beerdigungen könne er gar nichts anfangen. Die Menschenwürde müsse auch über den Tod hinaus gewahrt bleiben. Ein jeder habe eine würdevolle Trauerfeier und einen Ort mit seinem Namen, Geburts- und Sterbedatum verdient. Der 79-Jährige war 25 Jahre Altenseelsorger im Dekanat Ebern. Sterben sei ein schwerer Abschied und dabei dürfe man keinen Menschen alleine lassen. Da spielten Palliativstationen und Hospizhelfer mittlerweile eine ganz wichtige Rolle. Früher sei die Verbindung zwischen Lebenden und Toten selbstverständlich gewesen: Das Sterben habe sich in den Großfamilien abgespielt; für die Kinder gehörte es zum Leben dazu. Verwandte und Nachbarn kamen ins Haus, um sich vom Verstorbenen zu verabschieden und für ihn zu beten. Der Friedhof lag mitten im Ort bei der Kirche und der Gang zu den Gräbern war ebenso wie der Gottesdienstbesuch sonntägliches Ritual. Für ganz wichtig hält der Geistliche, angstfrei sterben zu können. Der Glaube sei dabei eine große Hilfe. „Du fällst in Gottes Hände, alles Negative hört auf, es wird Friede und Freude sein“ – mit diesen tröstlichen Worten habe er schon viele Sterbende beruhigen können, so Pottler. Nicht Gesundheit, sondern Zufriedenheit hält der Seelsorger für das höchste Gut. „Wenn ich meine Lebenssituation annehme und Frieden damit schließe, kann ich auch gut sterben.“ Die Redensart „Wie gelebt, so gestorben.“ bringe dies auf den Punkt.

Neben Arzt und Pfarrer sind Bestattungsunternehmen nach einem Todesfall wichtige Ansprechpartner. Wolfgang Hau hat das Bestattungsinstitut in Hofheim 1997 von seinem Vater Josef übernommen und führt es mit seiner Frau Anita. Sie schildern, was sich im Laufe der Zeit veränderte: „Früher waren Einäscherungen ein Unding, mittlerweile ist ihr Anteil auf 40 Prozent gestiegen.“ Seit dem Wegfall des Sterbegeldes von den Krankenkassen habe die Beisetzung der Urne in einem anonymen Grabfeld erheblich zugenommen. „Das ist die günstigste Variante der Bestattung und belastet zudem die Nachkommen nicht mit der Grabpflege“, erklärt Anita Hau. Stark im Kommen sind Bestattungen in Friedwäldern, wo ebenfalls keinerlei Grabpflege anfalle. Die Beisetzung erfolge unter einem zuvor ausgewählten Baum in einer zersetzbaren Urne.

Immer mehr Kunden regeln ihren Todesfall zu Lebzeiten. Das seien vor allem Kinderlose oder Eltern, deren Kinder weit weg wohnten. „Manche legen alles bis ins kleinste Detail akribisch genau fest“, sagt Wolfgang Hau, „da fehlt dann quasi nur noch das Sterbedatum.“ Doch in den überwiegenden Fällen sei nichts geregelt. „Es gibt nicht viele Menschen, die bereit sind, mit Angehörigen über den Tod sprechen“, weiß Anita Hau. Häufig erzählten Hinterbliebene, dass der Sterbende stets abgelenkt habe, wenn die Rede auf den nahenden Tod kam und man versuchte, Wünsche zu erfragen.

Während Aufbahrungen früher gang und gäbe waren, sind sie selten geworden. „Früher war die Hofheimer Leichenhalle sogar verglast und die Toten konnten von allen betrachtet werden“, erinnert sich Wolfgang Hau. Heute sähen, wenn überhaupt, nur nahe Angehörige den Toten an. Die Menschen seien ein Stück vom Tod abgerückt. „Die Familien gingen früher auch öfters gemeinsam an die Gräber. Heute haben viele Kinder gar keinen Bezug mehr zum Friedhof.“

„Memento mori“: Die Ermahnung, die eigene Sterblichkeit zu bedenken, ist oft auf Grabsteinen zu finden. Doch vielleicht würde es ja unser Leben bereichern, sie nicht auf den Friedhof zu verbannen, sondern sie uns zu Herzen zu nehmen. Sterben und Tod nicht aus dem Leben zu verdrängen und sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, ist sicherlich die beste Voraussetzung für ein gelingendes Leben ebenso wie für einen guten Abschied.

Fallen in Gottes Hände: Für Pfarrer Ottmar Pottler ist das Motiv im Fenster der Limbacher Kirche ein Symbol für den Tod.
Fallen in Gottes Hände: Für Pfarrer Ottmar Pottler ist das Motiv im Fenster der Limbacher Kirche ein Symbol für den Tod.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Beerdigungen
  • Evangelische Kirche
  • Friedhöfe
  • Friedwälder
  • Grabpflege
  • Heinrich Goschenhofer
  • Sieghard Sapper
  • Tote
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!