Haßfurt

Im Kampf gegen den Personalmangel in der Pflege

Winfried Wiendl aus Untertheres will junge Menschen für die Arbeit in der Altenpflege begeistern. Dabei kommt er selbst aus einem ganz anderen Beruf.
Pflegekräfte erfüllen eine wichtige Aufgabe, doch es mangelt an Menschen, die diesen Beruf ergreifen wollen. Dagegen möchte Winfried Wiendl etwas unternehmen. Foto: Patrick Pleul

Dass Pflegeeinrichtungen unter einem Mangel an Mitarbeitern leiden, ist weithin bekannt. Winfried Wiendl möchte daran etwas ändern. Der 69-Jährige kommt beruflich aus dem Bereich Finanzdienstleistungen und hat selbst keine Erfahrungen mit der Arbeit in der Pflege. Doch der Unterthereser, der selbst mehrere Angehörige hat, die in Pflegeeinrichtungen leben, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Berufszweig zu unterstützen. Im Jahr 2018 gründete er dafür die Pflegedanke-Stiftung. Mit ihr möchte er Pflegekräften für ihre Arbeit eine „Bestätigung von außen“ geben, das Image des Berufsbildes zu verbessern und junge Menschen an den Beruf heranzuführen.

Oft ist Wiendl deshalb an Schulen unterwegs. So auch am Dienstagvormittag, als er zusammen mit zwei Pflege-Azubis die Mittelschule in Haßfurt besucht. „Wer von euch hat eine Oma oder einen Opa?“ lautet seine erste Frage an die Neuntklässler. Fast alle Hände gehen nach oben. Weniger werden es dann bei der Frage, wer Großeltern über 80 hat und wer Großeltern hat, die in einer Pflegeeinrichtung leben. Ein emotionaler Einstieg für das Thema Altenpflege, denn wer eigene Angehörige hat, für die er sich eine gute Versorgung wünscht, macht sich vielleicht auch mehr Gedanken über die entsprechenden Berufe.

Pflegekräfte berichten aus der Praxis

Danach lässt Wiendl vor allem die beiden Pflege-Azubis Marieluis Baum und Kevin Igl sprechen. Denn er findet es authentischer, wenn die „Praktiker“ von ihrer Arbeit erzählen. Seine Aufgabe ist es vor allem, die Vorträge in Schulen zu organisieren. Denn, so berichtet er, bei all der Arbeit, die in den Pflegeeinrichtungen zu tun ist, bleibt kaum Zeit, um sich auch noch um die Werbung für den eigenen Beruf zu kümmern – wo diese doch besonders wichtig ist, um Schülern, die sich kurz vor dem Abschluss und damit in der Berufsorientierungsphase befinden, die Pflege als mögliche Jobperspektive nahezubringen.

Winfried Wiendl möchte junge Menschen für die Arbeit in der Pflege begeistern. Foto: Peter Schmieder

So übernimmt Wiendl mit seiner Stiftung die Organisation solcher Präsentationen. Die Einrichtungen müssen dafür lediglich Mitarbeiter freistellen, die ihn begleiten und über ihre Arbeit sprechen. Das tun sie mittlerweile recht gern, weil sie nun wissen, dass das auch ihre Suche nach Nachwuchs unterstützt. Am Anfang waren die Häuser noch wesentlich zurückhaltender, auf viele Anfragen erhielt er keine Antwort, als noch niemand etwas mit dem Namen „Pflegedank-Stiftung“ anfangen konnte.

Mit der 19-jährigen Marieluis Baum vom Haus St. Bruno in Haßfurt und dem 21-jährigen Kevin Igl vom Hans-Weinberger-Haus in Zeil hat Winfried Wiendl an diesem Dienstag zwei Pflegekräfte an seiner Seite, die gut darin sind, sich zu präsentieren und vor den Schülern über ihre Arbeit zu sprechen. Beide sind Auszubildende im zweiten Lehrjahr.

Verborgene Talente

Pflege-Azubi Marieluis Baum spricht vor Schülern über ihre Arbeit. Foto: Peter Schmieder

„Ich finde das selbstständige Arbeiten gut“, sagt Marieluis Baum. „Die trauen uns schon viel zu.“ Kevin Igl gefällt vor allem der Teamzusammenhalt. Beide sprechen auch sehr ehrlich an, was ihnen an ihrem Job nicht gefällt, wie die Arbeit an Wochenenden oder Feiertagen oder die oft stressigen Arbeitsbedingungen. Dennoch sagen beide, wenn sie sich noch einmal entscheiden müssten, würden sie den gleichen Beruf wieder wählen.

„Viele erkennen ihre Talente nicht selbst“, betont Mittelschul-Rektor Matthias Weinberger im Gespräch mit Wiendl vor dessen Präsentation, warum er diese Arbeit gut findet. Vielleicht könnten Veranstaltungen wie diese bei manchen Schülern das Interesse wecken. Ein Problem, das Wiendl auch sieht, ist, dass die Pflege noch immer als "Frauenberuf" gilt. Männliche Jugendliche, die sich dafür interessieren, trauten sich oft nicht, sich zu melden, wenn er fragt, wer sich denn vorstellen könnte, in der Pflege zu arbeiten.

Kevin Igl hat sich bei der Berufswahl gegen seinen Vater durchgesetzt. Foto: Peter Schmieder

Oft seien es auch die Familien, die ein schlechtes Bild von Pflegeberufen haben und ihren Kindern versuchen, solche Berufswünsche auszureden. Diese Erfahrung hat auch Kevin Igl gemacht. Er erzählt, sein Vater habe ihn gefragt, warum er denn diesen "Scheiß-Job" machen wolle. Dafür entschieden hat er sich trotzdem. Schließlich sei er selbst derjenige, der mit seiner Berufswahl leben muss.

In ihrem Vortrag sprechen Wiendl und die beiden Pflege-Azubis auch über die generalistische Pflegeausbildung, die ab 2020 in Deutschland eingeführt wird. Die sei europaweit schon Standard, Deutschland ziehe erst jetzt nach einer Pilotphase nach. Waren Kinder-, Kranken- und Altenpflege bisher drei verschiedene Berufe mit unterschiedlichen Ausbildungen, so soll es ab dem nächsten Jahr nur noch eine gemeinsame Pflegeausbildung für all diese Bereiche geben. Für die Mitarbeiter bringe das durchaus Vorteile: Sie können sich bis nach der Ausbildung Zeit lassen mit der Entscheidung, in welchem dieser Bereiche sie später arbeiten wollen, und haben ihr ganzes Berufsleben lang die Gelegenheit, zwischen diesen Bereichen zu wechseln. "Die Ausbildung für alle haben sie ja."

Sicherer Arbeitsplatz

Auch die Arbeitsplatzsicherheit heben die Referenten in ihrem Vortrag hervor. "Arbeitslos wird man in dem Beruf sicher nicht", sagt Winfried Wiendl. Marieluis Baum erzählt den Schülern außerdem, dass in diesem Job auch ein Umzug kein Problem ist. "Man findet überall in Deutschland einen neuen Arbeitsplatz." Denn Altenheime gibt es überall und Mitarbeiter werden auch überall gesucht.

Dabei sprechen die Referenten auch die schwierigen Punkte ihrer Tätigkeit an: Nicht jeder kommt mit dem Schichtdienst zurecht und auch der Umgang mit dem Tod, der gerade in der Altenpflege dazugehört, ist nicht jedermanns Sache. "Wir sind Begleiter auf dem letzten Weg", sagt Marieluis Baum, die sich mit dieser Aufgabe recht wohl fühlt.

Anerkennung fehlt

Mit seinen Präsentationen ist Wiendl in den Regionen Haßberge und Schweinfurt unterwegs, zusammen mit wechselnden Pflegekräften. Für interessierte Schüler organisiert er dann auch Praxistage, an denen sie sich einmal den Alltag in einer Pflegeeinrichtung anschauen können.

Dem weit verbreiteten Klischee, dass Pflegekräfte unterbezahlt seien, widerspricht Winfried Wiendl. Ganz im Gegenteil: "Es gibt kaum Berufe, in denen man schon in der Ausbildung so viel bekommt." Wer glaubt, die Politik müsse nur dafür sorgen, dass Pfleger besser bezahlt werden, und schon wäre der Personalmangel behoben, sei auf dem Holzweg. Viel wichtiger sei das Image des Berufsfeldes. "Es fehlt die Anerkennung", sagt Wiendl.

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