HASSBERGKREIS

„In diesem Ausmaß nicht gerechtfertigt“

High Noon - Zwölf Uhr Mittag am Donnerstag am Haßfurter Bahnhof: Gähnende Leere auf dem Bahnsteig.
High Noon - Zwölf Uhr Mittag am Donnerstag am Haßfurter Bahnhof: Gähnende Leere auf dem Bahnsteig. Foto: HT-Schmieder

Nichts geht mehr! Das gilt momentan nicht nur am Roulettetisch, sondern auch auf den Schienen der Deutschen Bahn. Die Lokführer der GDL streiken, im ganzen Land fallen rund zwei Drittel der Züge aus. Der Landkreis Haßberge steht dabei noch verhältnismäßig gut da, hier fährt immerhin noch die Hälfte der Züge. Noch bis heute Abend soll der Streik dauern, wie Gewerkschaftsführer Claus Weselsky am Freitag bekannt gab.

„Ich weiß, dass viele mit dem Auto gefahren wurden, weil der Zug heute nicht gefahren ist“, sagte Nicolas Krug am Freitag. Der 17-Jährige ist Schüler der 12. Klasse am Haßfurter Regiomontanus-Gymnasium. In der Umgebung von Haßfurt fahren Schulbusse, doch Schüler aus Ebelsbach kommen oft mit der Bahn. „Ich bin heute früh von meiner Mutter gefahren worden, wir haben auch mehrere Leute mitgenommen“, berichtete Nicolas Krug, der sonst meistens mit dem Zug zur Schule kommt. „Es hängt halt immer davon ab, was fährt und wann es fährt“, meinte er. Ungünstig fand er, dass es schwierig sei, rechtzeitig etwas darüber zu erfahren, welche Züge fahren. „Man muss sehr kurzfristig planen.“ Einige Lehrer berichteten, dass manche Schüler sich an den Streiktagen entschuldigen ließen oder zu spät kamen.

Noch größer war das Problem für die Waldorfschule Haßfurt. „Wir waren heute überrascht, dass es so problemlos funktioniert hat“, sagte Joachim Brohm von der Schulleitung am Donnerstag. Die Waldorfschule hat ein größeres Einzugsgebiet als das Regiomontanus-Gymnasium. So kommen hier normalerweise rund 60 Prozent der Schüler mit der Bahn. „Einige sind zwei Stunden zu spät gekommen“, berichtete Brohm. „Wahrscheinlich wurden viele auch mit dem Auto gebracht.“ Lachend fügte er hinzu: „Manche Schüler, die sonst mit dem Auto kommen, fahren heute wahrscheinlich gern mit der Bahn.“

Um auf den Streik zu reagieren beendete die Waldorfschule ihre Schultage in der betreffenden Zeit bereits um 13 Uhr. „Wenn man es rechtzeitig weiß, dann kann man noch reagieren“, lautet das Fazit aus der Situation. Zu den eigentlichen Gründen des Streiks sagt Anette Achilles, Geschäftsführerin der Schule: „Man blickt überhaupt nicht mehr durch, um was es eigentlich geht.“

Betroffen vom Streik war auch Ikbol Machatova, eine Deutschlehrerin aus Usbekistan, die über ein Austauschprogramm des Kultusministeriums für drei Wochen an der Haßfurter Waldorfschule unterrichten wird. Am Donnerstag kam sie in Deutschland an. Danach machte sie eine halbe Deutschlandreise, um vom Frankfurter Flughafen zu ihrer Unterkunft in Schweinfurt zu kommen.

Auch andere Bahnkunden leiden unter den Folgen des Streiks. Hört man sich derzeit im persönlichen Umfeld um, so gibt es viele Berichte von Pendlern, die zu spät zur Arbeit kommen oder auf das Auto umsteigen mussten, manche mussten sich dafür ein geliehenes Auto organisieren. Kaum einer der Betroffenen will sich allerdings namentlich zitieren lassen.

„Ich kann den Streik vom Grund her nicht verstehen“, sagt Norbert Benkert. Der Haßfurter pendelt mit dem Zug zur Arbeit in Schweinfurt. „Aber ich muss damit klarkommen.“ So nutzte er am Donnerstag die Gelegenheit, mit einem Kollegen zu fahren. Für die Rückfahrt nahm er dann die Bahn. Hier musste er zwar etwas länger warten als üblich, doch er sieht sich nicht als „das große Problemkind.“ Er fühlt sich durch das Internet gut darüber informiert, welche Züge fahren und welche nicht. Auch von seinen Kollegen berichtet er, sie hätten selbst eine Lösung arrangiert. Beeindruckt war er von der Solidarität der Menschen, die sich durch die Ausnahmesituation zeige. So wurde er am Bahnhof Zeuge, wie Bahnkunden einem ausländischen Reiseden halfen, in dem Chaos den richtigen Zug zu finden.

„Grundsätzlich empfinde ich das Streikrecht als Grundvoraussetzung in einer Demokratie“, sagt Haßfurts Bürgermeister Günther Werner. Diesmal habe er jedoch kein Verständnis für die GDL, da es weniger um Ziele für die Mitarbeiter gehe als vielmehr um Weselskys Machtposition. Mit Blick auf die Bürger seiner Stadt meinte Werner: „Schlimm ist es jetzt vor allem für Leute, die ihr Auto verkauft haben, weil sie sich auf den öffentlichen Personenverkehr verlassen wollten.“

Landrat Wilhelm Schneider berichtete, auch einige seiner Mitarbeiter seien vom Streik betroffen. Das bringe natürlich Probleme mit sich, „aber genau das ist ja das, was die Gewerkschaft mit dem Streik bezweckt.“ Weiter sagt er, er halte den Streik in seiner Länge für überzogen. „Der Streik ist zwar ein berechtigtes Mittel der Gewerkschaft, aber in dem Ausmaß ist er nicht gerechtfertigt.“

Die Bamberger Ortsgruppe der Lokführergewerkschaft GDL stellte sich hinter Weselskys Forderungen. „Selbstverständlich sind wir uns der Konsequenzen dieser Maßnahmen bewusst und bedauern die Unannehmlichkeiten, die für Pendler, Reisende und andere Kunden der Bahn entstehen. Es ist nicht unser Ziel, den Kunden bzw. die Bevölkerung zu treffen“, antwortete Gerhard Kohlmann von der GDL Bamberg. Allerdings sei der Streik das einzige Mittel, das den Arbeitnehmer gegen die Behandlung durch die Bahn bleibe. Die Streikenden als „Geiselnehmer“ zu verurteilen und anderweitig zu beschimpfen, wie es in der Öffentlichkeit und auch in den Medien geschehen sei, bezeichnet er als „gänzlich unangemessen“.

Der GDL gehe es darum, „die Koalitionsfreiheit, Tarifpluralität und Tarifautonomie einzufordern“, so Kohlmann. Dies seien Grundrechte. „Diese Grundrechte sind nicht verhandelbar.“ Hinsichtlich der inhaltlichen Verhandlungen über Arbeitszeit und Entgeltfragen seien hingegen Kompromisse möglich. „Gewerkschaften anderer Wirtschaftsbereiche sollten sich der Bedeutung dieser Rechte bewusst sein und uns vielmehr in diesen grundsätzlichen Forderungen unterstützen“, hält er der Kritik entgegen, die unter anderem der Deutsche Gewerkschaftsbund an der GDL äußerte.

„Die GDL tritt für mehr als 19 000 Mitglieder des Zugpersonals ein und organisiert somit mehr als 51 Prozent der insgesamt 37 000 Beschäftigten im Fahrdienst“, teilte Kohlmann mit und verwies auf eine Pressemitteilung der GDL.

„Dann soll sie es halt beweisen“, hält Harald Schmid dagegen. Der Würzburger Geschäftsstellenleiter der Eisenbahnergewerkschaft EVG. Denn bei dem aktuellen Streik geht es bisher noch nicht um Arbeitszeit, -bedingungen und Gehalt, sondern darum, welche Gewerkschaft das Recht hat, für welche Berufsgruppe innerhalb des Unternehmens Verhandlungen zu führen. Die Bahn lehnt es ab, innerhalb der gleichen Berufsgruppe verschiedene Tarifverträge abzuschließen. „Bei so einem verzahnten Dienstplan ist das auch nicht möglich“, sagt Schmid. Schließlich ginge es nicht, dass verschiedene Mitarbeiter für den gleichen Job beim gleichen Unternehmen unterschiedlich bezahlt würden, je nachdem, bei welcher Gewerkschaft sie seien.

EVG und Bahn sehen als Ideallösung Verhandlungen, an denen DB und beide Gewerkschaften beteiligt sind, die Federführung auf Gewerkschaftsseite liege dabei für jede Berufsgruppe bei derjenigen Gewerkschaft, die im betreffenden Bereich mehr Mitglieder hat. „Für die Lokführer ist das die GDL“, erkannte auch EVG-Vertreter Schmid an. Was das sonstige Zugpersonal angeht wirft er der GDL dagegen vor, eine Mehrheit zu postulieren, diese aber nicht zu belegen.

„Natürlich ist es das Recht von Gewerkschaften, ihre Ziele notfalls durch einen Streik durchzusetzen. Die Betonung liegt auf notfalls“, so Schmid. Doch im aktuellen Streik gehe es nicht um die Beschäftigten. Vielmehr sei es ein Kampf um eine Machtposition. Hierfür nutze GDL-Chef Weselsky seine Mitglieder aus. Sorgen machen Schmid auch die möglichen Folgen des Streiks. So berichtet er von einer Bahnfahrt während des Streiks: „Der Zug war trotzdem halb leer, obwohl er grade jetzt überfüllt sein müsste. Die Leute suchen nach Alternativen.“ So fürchtet er, es könne später schwer werden, die Kunden zurückzugewinnen.

„Für uns ist es schwer, Stellung zu beziehen“, meinte er. Denn einerseits hätten verschiedene Gewerkschaften gemeinsame Ziele. Doch wenn die GDL übertreibe, wachse der Druck auf die Politik, das Streikrecht für alle einzuschränken. „Ich sehe auch den jetzigen Gesetzesentwurf kritisch.“

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