KREIS HAßBERGE

Integration in Schulen: Es braucht viel guten Willen

Nicht nur aus dem Landkreis Haßberge, sondern aus der ganzen Welt kommen die Schüler: die Weltkugel vor dem Regiomontanus-Gymnasium in Haßfurt. Foto: Felix Schwarz

Vor knapp drei Jahren löste der Anstieg der Asylbewerberzahlen eine bis heute polarisierende Debatte aus. Die Fragen von damals sind noch aktuell. Kann Deutschland diese Aufgabe bewältigen? Setzen wir Grenzen, und wenn ja, wo? Was muss getan werden, damit alle Menschen, egal ob hier geboren oder zugezogen, in Sicherheit und Frieden leben können? In einem sind sich die meisten einig: Bildung, insbesondere der Erwerb der deutschen Sprache, ist der Schlüssel zur Integration. Wir haben an den Schulen im Landkreis Haßberge nachgefragt, welche Erfahrungen sie mit Flüchtlingskindern gemacht haben.

In Obertheres ist man mit der Entwicklung zufrieden. Ulrike Binder-Vondran, die Leiterin der Johann-Peter-Wagner Grund- und Mittelschule Theres, hebt die Erfolge bei Mädchen hervor: „Verglichen mit ihrer anfänglich schüchternen Art, sind viele Mädchen im Lauf der Zeit aus sich herausgewachsen. Sie sind selbstbewusster und unheimlich fleißig.“ Während die Mädchen schnell Erfolgsmomente erlebten, müssten sich die Jungs umgewöhnen. „Teilweise werden die Jungs daheim wie kleine Prinzen behandelt. Eine Niederlage im Sport zu akzeptieren und die kleine Schwester nicht dauernd zu bevormunden, müssen sie erst noch lernen.“ Die Eltern seien sehr engagiert und unterstützen ihre Kinder, wo sie nur können. Manchmal sei dieser Leistungsdruck auf die Schüler aber zu groß.

Umstellung fällt schwer

Abgesehen davon falle den Kindern die Umstellung auf das deutsche Schulsystem schwer, die Zukunftserwartungen seien hoch: „Die Benotung kann ein bis zwei Jahre ausgesetzt werden, im Augenblick kommt das aber nicht zum Tragen. Viele wollen Rechtsanwalt oder Arzt werden und denken, dass es reicht, fleißig alles auswendig zu lernen. Wir versuchen unsere Schüler bei ihren Zielen zu unterstützen, aber ihnen auch ein wenig Realismus mitzugeben“, sagt Binder-Vorndran.

Lange Zeit versuchten die Eltern möglichst schnell in größere Orte, etwa nach Haßfurt, zu ziehen. Diese Fluktuation erschwerte die Integration, schließlich habe man eng mit den Familien zusammengearbeitet und steckte viel Herzblut hinein. Doch mittlerweile wüssten die Flüchtlingsfamilien kleinere Schulen und Dörfer mehr zu schätzen. Das Engagement sei von Erfolg gekrönt, immerhin konnte ein Flüchtlingskind nach der fünften Klasse auf die Realschule wechseln, ein weiteres belegte den M-Zweig, um die Mittlere Reife zu erwerben.

Lehrerinnen weniger geschätzt

Wie eine Grundschullehrerin berichtet, die hier nicht genannt werden möchte, hätten Jungs manchmal Probleme mit weiblichen Lehrern: „Die Kinder kommen aus einer absolut männerdominierten Welt und wundern sich, dass es gerade in Grundschulen so viele Lehrerinnen gibt. Im Unterricht gibt es deswegen keine außergewöhnlichen Zwischenfälle, die Wertschätzung ist jedoch deutlich geringer.“

Max Bauer, Leiter des Regiomontanus-Gymnasium in Haßfurt, berichtet, dass im abgelaufenen Schuljahr sechs Schüler vom Gastschulrecht Gebrauch gemacht haben. „Dieses Recht steht allen Kindern im schulfähigen Alter offen und besteht seit über 30 Jahren, diesbezüglich gibt es seit 2015 keine Veränderungen“, sagt er. „Sowohl Schüler aus Afghanistan oder Syrien sowie aus EU-Staaten, wie Ungarn, besuchen vor allem die Einführungsklasse unseres Gymnasiums in Haßfurt.“ Grundsätzlich sei dafür mindestens der Realschulabschluss nötig, so dass die Schüler die zehnte Klasse des Gymnasiums besuchten und nach Abschluss der Oberstufe die allgemeine Hochschulreife erreichten.

Da ein Bildungsabschluss bei Flüchtlingskindern schwer nachweisbar ist, können diese das Gastschulrecht erhalten. Nach einem halben Jahr auf Probe wird geprüft, ob die Jugendlichen den Anforderungen entsprechen und an der Schule bleiben dürfen. Der Unterricht sei der Gleiche, jedoch gäbe es für solche Schüler Deutsch-Intensivierungskurse in allen Jahrgangsstufen. Deutsch werde als zweite Fremdsprache eingestuft.

Der Weg aufs Gymnasium ist für Flüchtlingskinder besonders schwer: „Leiter von Berufs- oder Grundschulen rufen mich an und empfehlen solche Kinder weiter, wenn sie als außergewöhnlich begabt gelten“, berichtet Bauer. „Wir schauen uns das Ganze an und prüfen, ob ein Gastschulverhältnis Sinn macht. Dies ist auch in den unteren Jahrgangsstufen möglich. Die Schüler sind sehr fleißig, in der Vergangenheit haben wir überwiegend positive Erfahrungen damit gemacht.“ Bisher sei nur ein Schüler in der Probezeit gescheitert.

Keine Gastschüler in Hofheim

Der Anteil der Gastschüler am Regiomontanus-Gymnasium ist minimal. Ähnlich sieht es in der Jacob-Curio-Realschule in Hofheim aus: „Bei uns gibt es überhaupt keine Flüchtlingskinder“, sagt Schulleiter Stefan Wittmann. „Vor ein paar Jahren hatten wir lediglich drei ungarische Gastschüler. Das Thema ist uns aber sehr wichtig. Seit einem Jahr tragen wir das Label ,Schule ohne Rassismus‘ und veranstalteten im letzten Schuljahr einen Spieletag mit Flüchtlingskindern der Grundschule Hofheim.“ Karl Graf Stauffenberg fungiere als Pate für das Projekt „Schule ohne Rassismus“. Der Enkel des berühmten Wehrmachtoffiziers und Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg sei ein authentischer Kämpfer gegen Rechtsextremismus und Intoleranz – während seiner Vorträge hören die Schüler gebannt zu.

Ganz anders ist die Lage in Eltmann, wo auch unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef unterkommen. „Wir haben 20 bis 25 Schüler von Asylbewerbern und 40 Schüler mit Migrationshintergrund“, berichtet Raimund Willert, der die Georg-Göpfert-Mittelschule leitet. „Ende 2015 erhielten Flüchtlingskinder erstmals separat Deutschunterricht und besuchten danach die Regelklassen – das hat sich als Fehler herausgestellt, da die Schüler besser von Anfang an mit ihren deutschen Mitschülern in Kontakt kommen und nicht für sich allein bleiben sollten“, meint Willert. „Nun setzen wir auf Deutsch-Förderunterricht, der zwei bis dreimal in der Woche stattfindet. Je früher die Flüchtlingskinder in den Unterricht stoßen, desto besser.“

Für Willert ist die Integration von Flüchtlingskindern eine Medaille mit zwei Seiten: „Einerseits müssen die neuen Schüler Leistungsbereitschaft zeigen, andererseits muss der Wille bei einheimischen Lehrern und Schülern vorhanden sein, den anderen zu helfen.“ An drei Nachmittagen in der Woche gäbe es gemeinsame Ausflüge in die Stadt, damit die Flüchtlingskinder die örtlichen Begebenheiten besser verstehen und kennenlernen. Die Atmosphäre an der Schule sei prächtig, echte Konfliktfälle gäbe es nicht. Für alle Schüler stünden zwei Schulpsychologen bereit. „Natürlich würde ich mir noch mehr Lehrer und damit Zeit für die Schüler wünschen“, regt Willert an. „Die Situation war Ende 2015 nicht einfach, aber ich glaube, dass wir das ganz gut hinbekommen haben.“

An den Grundschulen Dampfach, Gädheim und Obertheres gibt es 160 Schüler, darunter elf Flüchtlingskinder. Auf der Mittelschule Obertheres kämen acht Flüchtlingskinder auf 106 Schüler, in der Grundschule Ebern 20 Flüchtlinge auf 276 Schüler. Grund- und Mittelschulen sind somit viel stärker von der Aufgabe betroffen, Flüchtlingskindern den Weg ins Berufsleben zu ebnen. Der bundesweite Trend, dass es Kinder mit Migrationshintergrund schwerer haben, Realschulen oder Gymnasien zu besuchen, setzt sich bei den Flüchtlingskindern fort.

Gleiche Chance für alle

Wer einen Mittelschulabschluss in der Tasche hat und eine Ausbildung absolviert, hat allen Grund, stolz auf sich zu sein. Bei der momentanen Akademisierungswelle könnte dies eine Chance für Handwerksbetriebe und soziale Einrichtungen sein, junge und motivierte Menschen an Land zu ziehen. Dennoch muss es Aufgabe der Politik sein, allen Kindern und Jugendlichen die gleichen Chancen zu ermöglichen, damit sie unabhängig von anderen einen Beruf nach ihren Fähigkeiten und Interessen ergreifen können.

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