EBELSBACH

Katholische Narren weisen Kirche einen neuen Weg

Die Akteure hatten viel Spaß beim Blick in das gefüllte Gotteshaus. Foto: Günther Geiling

„Zur frohen Botschaft passend Leute, komm ich auch verkleidet heute. Ich komm als Straßenfeger oder als ein Müllmann, da kommt die Predigt gleich viel besser an. Wie geht?s mit unserer Kirche eigentlich weiter? Der Plan der Zukunft hierfür macht nicht heiter. Manchmal scheint Zukunft der Kirche aussichtslos, die Anzahl der Motivierten ist nicht sehr groß.“ Letzteres traf aber für den Gottesdienst am Faschingssonntag in der Pfarrkirche St. Magdalena in Ebelsbach nicht zu, denn mehr als 300 Besucher und 70 Kinder sorgten für volle Bänke, wie man sie an einem normalen Sonntag selten antrifft. Die Begeisterung schwappte auch auf die Besucher über, die aktiv mitgingen.

Der Kirchenraum war für diesen Tag mit Luftballons und Luftschlangen ausgeschmückt. Die Gottesdienstbesucher wurden ganz anders begrüßt. Außergewöhnlich auch die Funktion des Gotteshauses, denn es stand an diesem Tag für die „Augenarztpraxis Dr. Rusin mit kompetentem Team“ und dem Hinweis „Wir machen den Blick frei!“.

Dazu zog der Clown (Claudia Reinwand) ein und öffnete mit seinen Worten den Leuten die Augen, als Diakon Joachim Stapf ihm als Müllmann entgegenkam. „Ich mache den Beruf jetzt schon ein paar schöne Jahre und glaube mir, gerade bei den Leuten, die nach außen immer so sauber wirken, liegt oft der meiste Dreck. Der ist dann halt ein bisschen unter den Teppich gekehrt, aber er ist trotzdem da.“

In der Praxis Dr. Rusin wurde so manchem der Spiegel vorgehalten. Dort standen Kinder mit Schildern: „Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung“. Sogar der Clown sagte dann: „Jetzt will ich doch mal hören, ob der Doktor oder sein Assistent da vorne mir das noch besser erläutern können und ich endlich mal den Durchblick bekomme.“

Sofort kam auch Schwung in die Praxis, denn alle Kinder versammelten sich im Altarraum zum Gloria, bei dem sie mit einem Schwungtuch Ballons in die Höhe bewegten. Für die musikalische Begleitung sorgten eine Flötengruppe und der Kinderchor unter der Leitung von Johannes Eirich sowie die Jungmusiker der Harmonie. Dann hörte man die Lesung aus dem Matthäus-Evangelium: „Warum siehst du den Splitter in den Augen deines Bruders, den Balken in deinem Auge siehst du aber nicht?!“ Müllmann Diakon Joachim Stapf trug seine außergewöhnliche Predigt und die Auslegung des Wortes Gottes in Reimen vor. „Vor des Nachbarn Tür kehr ich besonders gern. Mein eigner Dreck, der liegt mir so fern. Jesus aber sagt: So sollt's wirklich nicht sein. Halt erst mal deine eigne Wohnung rein!“

Er kam auch gleich auf die Kirche zu sprechen. „Doch oft ist kirchliches Mühen vergeblich, für eine Gemeinde ist das nicht unerheblich. Wenn die sonntägliche Kirche ist halb leer, wird's Verbreiten der Botschaft Jesu schwer. So geh'n Pfarreien bei uns zugrunde, die Klage dringt heut aus meinem Munde. So werden viele Mitarbeiter aufgerieben und ganze Dörfer einfach abgeschrieben.“

Der Diakon hatte aber auch einige Lösungen parat. „Statt mehr zu geben jedem, sollte unsere Kirche mal überlegen. Ob nicht auch andere ganz tolle Leute wär'n gute Seelsorger gerade heute, die dann mit Frau und eignen Kinder, auch kompetent wär'n nicht minder und die Verständnis dann bewiesen, für Fehler, Sünden und auch Ehekrisen. Die wissen, was auf der täglichen Arbeit ist los, das wäre doch für die Leute genial und famos.“ Er hielt mit Kritik an der jetzigen Kirche nicht zurück. „Doch auf die Zukunft nur zu verweisen, die Kirche setzt oft auf alte Eisen. Sieht leider den Dorn im Aug des anderen immer, so wird die Situation unserer Kirche viel schlimmer. Für Neues ist es höchste Zeit. Das hat mit Mode überhaupt nichts zu tun. Doch auf dem Alten sich auszuruh'n, verbietet uns der Weg des Herrn, manch Bischöf hören das sicher jetzt nicht gern. Sie ließen es lieber beim Alten, den Glauben einfach nur verwalten. Die Kirche muss viel ehrlicher werden, sonst wird es schwer hier bei uns und auf Erden. Ehrlich sein, das gilt für Kirche hier, zu kehren jetzt erstmal vor der eigenen Tür, mal den Dreck in der Kirche wegzuräumen, auch wenn manche sich noch dagegen aufbäumen.“

Die Büttenpredigt von Diakon Joachim Stapf wurde immer wieder von spontanem Beifall der vielen Gottesdienstbesucher unterbrochen und mündete in der folgenden Aussage. „Vor der Türe der anderen kehrt sich's zwar gut, zu Selbsterkenntnis gehört viel Mut. Jesus Wort, das will uns leiten und uns beim Saubermachen stets begleiten. Nichts muss bleiben, wie es war, das ist uns doch längst sonnenklar.“ Der Beifall auf die Predigt hallte lange nach, bevor auch die Kinder in ihren Fürbitten diese Freude verkündeten. „Der Narr entlarve fromme Leute, die kein Verständnis haben heute. Sie sollen unsre Freude sehn und als Erlöste von hier gehen.“ Mit ihren Fürbitten ließen Leonie, Paul, Mia-Sophie, Matthias und Johanna Luftballons hochsteigen. Dazu kam Bewegung in die „Augenarztpraxis“, als bei Liedern wie „Halleluja, preiset den Herrn“, beim „Halleluja“ die Frauen aufstanden und beim „preiset den Herrn“ die Männer. Die fast ausgelassene Stimmung im sonst eher ruhigen Kirchenraum erlebte einen weiteren Höhepunkt, als zu einem Büffet in der Kirche eingeladen wurde und die Blaskapelle sogar Lieder wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“, das „Fliegerlied“ oder „Marmor, Stein und Eisen bricht“ anstimmte. Die große Pfarrgemeinde hatte damit an diesem Faschingssonntag alte Pfade verlassen und sich mit viel Freude auf einen neuen Weg gemacht.

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