ZEIL

Kein Stück für schwache Nerven

Beim Abschluss im Rathaus sprach Autorin Tanja Kinkel (stehend, links) mit Monika Schraut und lobte die Art, wie die Schauspielerin ihre Figur zum Leben erweckt hatte. Foto: Peter Schmieder

Eine besondere Theateraufführung ließ am Samstag- und Sonntagabend in Zeil Geschichte wieder lebendig werden. Monika Schraut führte den Zuschauern mit einem Stück aus der Feder von Tanja Kinkel die Schrecken der Hexenverfolgungen vor Augen. Beide Vorstellungen in der Zeiler Anna-Kapelle waren bis auf den letzten Platz ausverkauft.

In dem Dramolett, also einem „Mini-Theaterstück“, schlüpfte Monika Schraut in die Rolle von Anna Maria, Tochter des Bamberger Bürgermeisters Johannes Junius. Dieser wurde im Jahr 1628 ein Opfer des Hexenwahns, zuvor war bereits seine Frau wegen Hexerei hingerichtet worden. Anna Maria lebte zu dieser Zeit als Nonne im Bamberger Heilig-Grab-Kloster. Ihr Vater Johannes Junius wurde vor allem deswegen zu einem der bekanntesten Opfer der Hexenprozesse, da er seiner anderen Tochter Veronika aus dem Gefängnis heraus einen Brief schrieb. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits ein falsches Geständnis abgelegt, da er die Folter nicht mehr aushielt. „Unschuldig bin ich in das Gefängnis gekommen, unschuldig bin ich gemartert worden, unschuldig muss ich sterben“, schreibt er in dem Abschiedsbrief, der seine Tochter nie erreichte. Weiter beschreibt er die grausamen Foltermethoden, die er erleiden musste.

Brief in den Prozessakten

Der Brief hat Veronika nie erreicht. Heute findet er sich in den Prozessakten. Doch was, wenn der Bamberger Bischof den Brief Junius' anderer Tochter einmal gezeigt hat, bevor er zu den Akten kam? Als tiefgläubige Nonne sollte sich die Dominikanerin nicht von den „teuflischen Lügen“ eines verurteilten Hexers beeindrucken lassen. Oder?

Genau um diese Vorstellung geht es in Tanja Kinkels Dramolett. Monika Schraut las in ihrer Rolle als Anna Maria Junius den Brief Zeile für Zeile und sprach dabei über ihre eigenen Gedanken. Zunächst war sie dabei voller Ablehnung gegenüber ihren Eltern, den aus ihrer Sicht zu Recht verurteilten Schwerverbrechern. Doch die Zeilen wecken Zweifel in ihr: Kann es sein, dass jemand unter der Folter Taten gesteht, die er nicht begangen hat, da er die Schmerzen nicht mehr erträgt? Auch Erinnerungen an die Kindheit werden wach. An den liebevollen Umgang ihrer Eltern miteinander und mit ihren Kindern. Sollten das wirklich Menschen sein, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben?

Alles gelogen?

Mit großem Einsatz brachte Monika Schraut die innere Zerrissenheit ihrer Figur auf die Bühne: Auf der einen Seite der Glaube an die Hexerei und das Gefühl, jeder Zweifel an den Worten des Bischofs sei ein Verbrechen gegen Gott, auf der anderen Seite die Liebe zu ihrer Familie. Ausrufe wie „Soll das denn alles Lüge gewesen sein?“ oder „Der Teufel spricht aus dir! Jedes Wort ist Lüge!“ zeigten eine große Verzweiflung.

Martina Angebrand und Heinz Martin unterstrichen mit ihrem Saxophon-Spiel die düstere Stimmung. Dafür hatten sie passenderweise ein Lied aus der Feder von Friedrich Spee ausgewählt, jenes Jesuiten, der als bedeutendster Kritiker des Hexenwahns in die Geschichte einging. Sehr passend war mit der Anna-Kapelle, einer kleinen Kapelle neben der Zeiler Stadtpfarrkirche, auch der Ort der Aufführung gewählt.

Ursprünglich hatte Tanja Kinkel das Stück für die 1000-Jahr-Feier des Bistums Bamberg im Jahr 2007 geschrieben. Zu diesem hatte das E.T.A.-Hoffmann-Theater mehrere Kurz-Dramen aufgeführt, die Ereignisse aus verschiedenen Epochen der Bamberger Geschichte zeigten – jedes davon von einem anderen Bamberger Schriftsteller verfasst. Neben Kinkel, die vor allem für ihre historischen Romane bekannt ist, gehörte unter anderem Kinderbuchautor Paul Maar zu den Verfassern. Bereits 2015 hatte Monika Schraut das Stück nach Zeil geholt, nun führte sie es zum Anlass des Stadtjubiläums nochmals auf.

Ein Blick ins Verlies

Vor der Aufführung in der Kapelle hielt Christa Dölker im Veranstaltungsraum des Hexenturms einen Vortrag über die Hexenverfolgung und ihre Ursachen, sowie über das Konzept des Dokumentationszentrums. Dieses befindet sich an dem Ort, an dem früher das Zeiler Hexengefängnis war – Besucher können einen Blick in das Verlies werfen. Dölker gehört zum Hexenbeirat, der sich aus verschiedenen Personen zusammensetzt, die sich mit diesem Kapitel der Zeiler Geschichte beschäftigen; von Stadtführern bis zu den Mitarbeitern des Dokuzentrums.

Im Anschluss an die Aufführung ging es weiter zum Rathaus, wo eine Gesprächsrunde zu dem Thema stattfand. Hier stellte sich unter anderem Monika Schraut den Fragen der Besucher, am Samstagabend war außerdem die Autorin Tanja Kinkel dabei.

In der Diskussion bezeichneten einige Zuschauer die Rolle der Kirche als scheinheilig. „Ich habe immer noch ein Problem mit der katholischen Kirche“, sagte eine Besucherin, worauf allerdings schnell der Hinweis folgte, dass auch in evangelischen Gebieten Hexenprozesse stattfanden.

Lehren aus der Geschichte

Monika Schraut berichtete, als sie das Stück seinerzeit in Bamberg gesehen habe, sei sie „tief bewegt und erschüttert“ gewesen. Tatsächlich sei es auch nach Proben und Aufführungen für sie selbst schwierig, wieder „rauszukommen“. Sie brauche immer etwas Zeit, um wieder „ins Leben zurückzufinden“. Auch einigen Zuschauern war anzumerken, dass ihnen die Aufführung sichtlich nahe gegangen war. Monika Schraut berichtete, sie wolle mit ihren Aufführungen auch dazu auffordern, aus der Geschichte zu lernen.

Tanja Kinkel, die der Zeilerin die Aufführungsrechte kostenlos zur Verfügung gestellt hatte, lobte ihrerseits die gekonnte Umsetzung durch die Schauspielerin. Im Bezug auf Lehren aus der Hexenverfolgung verwies die Autorin auf aktuelle Ereignisse und meinte: „Wir sind nicht aufgeklärter, wir haben nur eine andere Art gefunden, Sündenböcke zu suchen.“

Die Nonne Anna Maria Junius (Monika Schraut) liest den Brief, den ihr Vater im Hexengefängnis geschrieben hat. Foto: Peter schmieder

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