„Kein harmloses regenwaldschützendes Getränk“

Alkoholikern hilft nur Abstinenz, sagt Berhold Schmitt, Experte beim Kreuzbund. Foto: Caritas

Alkohol ist in unserem Alltag allgegenwärtig, aber eine Akzeptanz von Alkoholismus als Krankheit gebe es kaum, sagt Berthold Schmitt (Ebern), der Regionssprecher Main-Rhön des Kreuzbundes im Diözesanverband Würzburg. Der Kreuzbund ist der Fachverband der Deutschen Caritas, der Alkohol- und Medikamentenabhängigen und ihren Angehörigen Hilfe anbietet. Die Heimatzeitung hat mit Schmitt über das Problem Alkoholsucht gesprochen.

Ht: Herr Schmitt, können Sie uns schildern, in welcher Verfassung ein Betroffener normalerweise ist, wenn er sich an den Kreuzbund wendet? Sind es oftmals auch die Angehörigen, die bei Ihnen Rat suchen?

Berthold Schmitt: Der Betroffene hat entweder aus seinem sozialen Umfeld die Auflage bekommen, etwas zu ändern. Oder aber er hat selbst seinen Kontrollverlust und seine Abhängigkeit mit all den negativen Folgen realisiert.

Angehörige stehen oft an dem Scheideweg, ihr Leben ohne den Betroffenen selbst zu gestalten, oder sie möchten ihm letztmalig helfen. Angehörige suchen häufig zuerst Hilfe beim Kreuzbund. In einigen Fällen kommt der Partner dann dazu. Vorteil ist, dass Angehörige und Betroffene die gleiche Gruppe besuchen.

Würden Sie aufgrund Ihrer Erfahrung sagen, dass es einen typischen Weg in den Alkoholismus gibt? Gibt es einen typischen Weg für Männer und einen anderen typischen Weg für Frauen?

Typisch ist immer, dass der Suchtstoff Alkohol eine gewisse Zeit ein Hilfsmittel ist, um Situationen zu bewältigen. Frauen trinken häufiger alleine, Männer in Gemeinschaft – aber zu diesem Zeitpunkt ist es oft schon Sucht. Männer können ihre Sucht in der Öffentlichkeit besser ausleben als Frauen. Das Toleranzverhalten der Gesellschaft ist bei ihnen höher.

Glauben Sie, dass die Menschen, die Sie vom Kreuzbund kennen, keine Alkoholprobleme bekommen hätten, wenn ihre Mitmenschen stärker auf die Signale geachtet und schneller gehandelt hätten?

Nein, vielmehr hätte der Betroffene selbst früher schädliche Signale für sein Leben erkennen müssen. Eine endsprechende Handlungsweise ohne das Hilfsmittel Alkohol wäre die richtige Reaktion gewesen.

Es gibt den Begriff Co-Abhängigkeit, der beschreibt, dass enge Angehörige mithelfen, die Alkoholsucht ihrer Betroffenen zu verheimlichen. Wie hilflos sind denn Ehepartner und vor allem auch Kinder von Alkoholikern?

Die Hilflosigkeit ist unbeschreiblich groß. Co-Abhängigkeit bedeutet ja, dass der Alkoholkonsum des einen Teils das Leben des anderen in der gleichen Weise verändert. Besonders Kinder haben keine Möglichkeit, sich zu schützen. Sie sind die großen Leidtragenden.

Der Konsum von Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert. Wir haben wie selbstverständlich eine Weinkönigin und auch einen Bierprinzen. Eine Marihuana-Prinzessin wäre hingegen undenkbar. Wir problematisch ist diese weite Akzeptanz von Alkohol für das Thema Sucht?

Sie ermöglichen es dem Süchtigen lange Zeit, genau diese Akzeptanz als Entschuldigung vor sich herzutragen.

Wie ist Ihre Einschätzung: Wer alkoholkrank ist, muss – um seine Sucht zu bewältigen – auf jeden weiteren Konsum von Alkohol verzichten? Oder kann er seinen Konsum kontrolliert reduzieren?

Die Abstinenz ist die Voraussetzung für ein zufriedenes Leben. Alle Versuche mit kontrolliertem Trinken sind fehlgeschlagen. Kontrolliertes Trinken kann in Ausnahmefällen nur der Einstig in eine Abstinenz sein.

Was würden Sie sich von der Politik zur Prävention von Alkoholismus wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass man Alkohol nicht als harmloses regenwaldschützendes Getränk darstellt. Alkoholwerbung sollte genauso wie Zigarettenwerbung eingeschränkt werden. Die Aussage von Politikern, Bier sei ein Grundnahrungsmittel, ist erschreckend. Für einen Alkoholiker ist das Grund, weiterzumachen.

Ich wünsche mir einen bewussteren Umgang der Bevölkerung mit Alkohol. Alkohol gehört derzeit noch selbstverständlich zum täglichen Leben, etwa bei Feiern und Festlichkeiten. Dies bedeutet nicht, das generell auf Alkohol verzichtet werden soll. Ob aber zum Beispiel auf einem Kindergartenfest Alkohol wirklich sein muss, ist doch fraglich. Andererseits werden Alkoholiker als willensschwach stigmatisiert. Die Akzeptanz von Alkoholismus als Krankheit ist dagegen kaum anzutreffen.

Wie kann der Kreuzbund helfen?

Die Kreuzbund-Gruppen bieten Suchtkranken und Angehörigen Hilfe. Die Teilnehmenden einer Gruppe motivieren durch Vorbild und das gemeinsame Gespräch, Suchtprobleme in den Griff zu bekommen. Betroffene erhalten Informationen über Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten. Ziel ist es, wieder ein zufriedenes Leben zu führen, ohne Suchtmittel. Nebenbei gesagt: Diskretion ist in den Gruppen oberstes Gebot. Der Kreuzbund ist ein wichtiger Partner in der Suchthilfe. Wir begleiten Hilfesuchende während ihres Weges zur Abstinenz. Wir sehen unsere Aufgabe auch darin, öffentlich zu informieren und aufzuklären, um die Gefahren von Suchtmittelmissbrauch und Abhängigkeit zu vermeiden und zu mindern.

Aus Ihrer Erfahrung: Wo beginnt der Punkt, an dem ich meinen Alkoholkonsum kritisch hinterfragen muss?

Wenn der Konsum täglich und in steigender Menge erfolgt, wenn ich von außen angesprochen werde, vom Partner oder Freunden. Wenn ich mit dem Suchtmittel etwas erreichen will. Zum Beispiel, dass es mir besser geht. Nach dem Essen einen Verdauungsschnaps: Genau das ist falsch. Der Schnaps hemmt die Verdauung, es werden nur die Nerven gelähmt.

Wo ist der Wendepunkt beim Trinken, an dem ich erkennen muss, dass ich ein Problem habe, das einer Lösung bedarf?

Diesen Punkt können selbst Alkoholiker nicht exakt beschreiben. Es ist ein schleichender Prozess, das macht es so gefährlich. Oft ist dieser Wendepunkt schon erreicht oder überschritten, wenn ich selbst feststelle, ich sollte ein bisschen weniger trinken.

Woran merke ich, dass ich aus eigener Kraft meine Sucht nicht mehr bewältigen kann?

Jeder Alkoholiker hat Dutzende Male versucht, den Konsum einzuschränken oder damit aufzuhören. Ohne Hilfe von außen durch professionelle Helfer, Suchtberatung der Caritas oder Diakonie, erreichen nur wenige ein suchtmittelfreies Leben. Der Kreuzbund kann sie dabei begleiten und unterstützen.

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