Kreis Haßberge

Kommentar: Ein realistisches Bild von der Wirklichkeit

Stellen die Medien die Welt schlechter dar, als sie eigentlich ist? Ja, das tun sie, aber das lässt sich auch kaum verhindern. Und dafür gibt es gute Gründe.
Schlechtes Wetter, dunkle Wolken. Oft wird den Medien vorgeworfen, ein zu düsteres Bild von der Welt zu zeichnen.
Schlechtes Wetter, dunkle Wolken. Oft wird den Medien vorgeworfen, ein zu düsteres Bild von der Welt zu zeichnen. Foto: René Ruprecht

Häufiger werden Medien mit dem Vorwurf konfrontiert: Ihr berichtet nur über das Schlechte, ihr macht den Leuten Angst. Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet wird gerne vorgehalten, eine düstere Welt zu zeigen, viel schlechter, als sie eigentlich ist. Und das nicht erst seit Beginn der Corona-Krise. Auch die Lokalredaktion im Landkreis Haßberge bekommt öfters die Beschwerde zu hören, wir würden lieber über das berichten, was schief läuft, als über all das Gute, das eben auch passiert.

Das Gefühl ist nachvollziehbar, es geht aber von einer falschen Voraussetzung aus. Ja, die Aufgabe der Medien ist es, die Menschen zu informieren, und das sollte auch möglichst unaufgeregt und sachlich passieren, ohne den Menschen Angst zu machen. Aber kein Medium kann ungefiltert die ganze Welt abbilden, hier müssen die Journalisten letztlich filtern, was eine wichtige Information ist und was nicht. Dabei gilt in erster Linie: Es ist keine Nachricht, wenn alles ganz normal läuft.

Denken wir zum Beispiel an die Anzeigetafeln am Bahnhof. Darauf steht manchmal "Circa 10 Minuten verspätung", "Wagenreihung geändert", "Zug fällt aus" oder "Zug fährt heute von Gleis 5". Was es dagegen nicht zu sehen gibt, ist das Spruchband: "Der Zug fährt pünktlich vom richtigen Gleis in der richtigen Wagenreihung." Auch das kommt vor, ist aber auf der Anzeigetafel keine Erwähnung wert. Eine Nachricht ist es dann, wenn etwas vom Plan abweicht, nicht, wenn alles so läuft, wie es laufen soll.

Das gleiche gilt in noch größerem Maße für Fernsehen und Zeitungen. Wenn ein Zug entgleist und bei dem Unfall mehrere Menschen sterben oder verletzt werden, dann ist das eine Nachricht. Dass so ein Unfall aber nur alle paar Jahre vorkommt und dass die Bahn im gleichen Zeitraum Millionen von Passagieren – ob mit oder ohne Verspätung – sicher an ihr Ziel gebracht hat, ist der Normalfall, der nicht erwähnt werden muss, weil es doch sowieso jeder weiß. Es gibt Journalisten, die da ganz radikal sind: Wenn in einem Satz ein Wort wie "natürlich" oder "selbstverständlich" nicht störend wirken würde, dann hat der ganze Satz in einer Nachricht nichts zu suchen. Ein Ereignis ist nur dann eine Nachricht, wenn es von der Norm abweicht, und eine Abweichung ist eben meistens eine Abweichung zum Negativen.

Vielleicht ist es aber gerade in Zeiten wie diesen doch einmal sinnvoll, daran zu erinnern, dass natürlich – ja, ausnahmsweise darf auch dieses Wort einmal stehenbleiben – auch viele gute Dinge auf der Welt passieren, die nicht ihren Weg in die Zeitung finden, weil "positiv" eben oft gleichbedeutend ist mit: Alles ist nach Plan gelaufen und damit ist es keine Nachricht. Das gilt auch im Lokalteil: Jedem Polizeibericht über einen Verkehrsunfall stehen tausende von Autofahrten gegenüber, bei denen die Insassen sicher ans Ziel gekommen sind. Jeder Meldung über einen neuen Corona-Fall stehen tausende von Menschen gegenüber, die sich nicht infiziert haben.

Können Medien jemals ein realistisches Bild der Welt zeichnen? Nein. Aber wenn wir alle diesen Gedanken im Hinterkopf behalten, können wir vielleicht auch Zeitung lesen oder den Fernseher einschalten, ohne den falschen Eindruck zu bekommen, dass unsere Welt ein düsterer Ort ist – denn das ist sie nicht.

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