HOFHEIM

Krippenkinder fordern Retter heraus

Fotoserie

Brandschutzübung Kindergarten St. Joseph

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Die Hände des Nachbarn fest umklammert rennen die Kinder in Zweierreihen aus St. Joseph. Vom Hofheimer Kindergarten verfolgt sie das Tuten des Feueralarms die wenigen Meter hinüber in den Nachbargarten, in dem die Kinder sich sammeln. Kindergartenleiterin Carola Caupert-Müller zählt mit den anderen Erzieherinnen die Kinder durch – alle da. Zumindest alle Kinder. Praktikantin Kathrin-Ann Schenk fehlt. Sie muss noch im Haus sein.

Dann wird es mit einem Mal laut. Mit Blaulicht und Martinshorn biegen zwei Fahrzeuge der Hofheimer Feuerwehr um die Ecke. Kinder halten sich die Ohren zu. Kommandant Karlheinz Vollert springt aus dem Einsatzleitwagen und spurtet zur Kindergartenleiterin. Von ihr erfährt er von der vermissten Praktikantin. Im Zimmer der Frösche-Gruppe soll sie zuletzt gewesen sein. Vollert gibt seiner Mannschaft Befehle. Kurz nach halb neun am Freitagmorgen läuft die Rettungsaktion am Hofheimer Kindergarten. Zwei Feuerwehrmänner mit schwerem Atemschutz gehen ins Haus. Der Schlauch, den sie mitführen, bleibt leer. Es ist nur eine Brandschutzübung.

Drei Minuten hatte es gedauert, bis nach dem Anruf von Carola Caupert-Müller bei der Feuerwehr diese vor Ort war. Eine realistische Zeit. Und, so ein Erkenntnis der Übung, gerade genug Zeit, damit Kinder und Erzieherinnen den Kindergarten verlassen können. „Ich war gerade mit dem Telefonieren fertig, da ward ihr schon alle draußen“, lobt die Kindergartenleiterin später die Kinder. „Das war ganz schön klasse.“

Besondere Herausforderungen

Das ist sehr wichtig. Denn: Sollte es wirklich brennen im Kindergarten, dann ist das schnelle Verlassen des Gebäudes lebensnotwendig. Dies gilt auch für die Kleinsten der Einrichtung, die Krippenkinder. 16 Kinder zwischen einem Jahr und drei Jahren besuchen St. Joseph zur Zeit. Auf sie müssen die Erzieherinnen beim Verlassen des Hauses besonders achten: Sie können nicht oder kaum laufen, „zu ihnen kann ich notfalls nicht sagen 'Lauft raus!', sie würden einfach stehen bleiben“, erläutert Caupert-Müller. Die Rettung von Krippenkindern stellt Kindergartenpersonal und Feuerwehrleute vor besondere Herausforderungen. Um solche Abläufe zu proben, üben Feuerwehren regelmäßig in Kindergärten.

Nachdem die Rettung gut geklappt hat, dürfen die Kinder des Hofheimer Kindergartens zurück ins Haus. Sie beobachten die Feuerwehrleute, wie sie im Ernstfall vorgehen. Kommandant Vollert erklärt ihnen, worauf sie unbedingt achten müssen: Immer am Boden bewegen, weil dort die Sicht und Luft am besten ist. Wenn es brennt, immer so schnell wie möglich raus ins Freie. Und nie irgendwo verstecken. Die Kinder sehen, dass die beiden Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken, die zischend die Pressluft aus den Flaschen auf ihrem Rücken einatmen vielleicht bedrohlich aussehen, ihnen im Ernstfall aber helfen werden.

Als die Atemschutzträger die vermisste Praktikantin auf einer Trage heraustragen, klatschen die Kinder Beifall. Sie war übrigens nicht im Frösche-Zimmer gewesen. Sie lag in der Turnhalle, zusammengekauert unter einer Sportmatte. Die Feuerwehrmänner hatten Raum für Raum absuchen müssen. Es war wie im Echtfall: Vermisste sind oft nicht dort, wo man sie vermutet. Kinder schon gar nicht.

Nach der Übung, als die acht Männer und die eine Frau der Hofheimer Wehr im Kindergarten beim Frühstück sitzen, ist ihr Chef zufrieden. „Das hat einwandfrei geklappt. Wir wissen jetzt, wie schnell auch die Krippenkinder den Kindergarten verlassen können.“ Im neuen Hofheimer Kindergarten, der nach den Sommerferien 2013 bezogen werden soll, wird es zwei Gruppen mit Krippenkindern geben.

Für Kindergärten allgemein und speziell für solche mit Krippen, gelten als Sonderbauten strenge Vorgaben für den Brandschutz. Notfallpläne legen fest, wo Fluchtwege verlaufen, wer vom Personal den Notruf absetzt und wer mit den Kindern ins Freie eilt. Daneben gelten Vorschriften des baulichen Brandschutzes. Kreisbaumeister Herbert Schäfer fasst die wichtigsten Punkte zusammen: Alle Bereiche müssen ebenerdig sein, jeder Hauptraum muss einen direkten Ausgang ins Freie haben, eventuell muss es sogar möglich sein, dass Kinderbetten direkt an Fenster oder Türen geschoben werden können. „Der große Unterschied ist einfach der, dass Kleinkinder nicht laufen und sich nicht selbst retten können“, sagt Schäfer. „Sie müssen herausgetragen werden.“ Dies müsse bei der Planung von Rettungswegen berücksichtigt werden.

Mittlerweile haben viele Kindergärten Krippenplätze. Vielerorts wird das Angebot weiter ausgebaut. Im Königsberger Kindergarten „Die Arche“ waren zusätzliche Notausgänge nötig, um vom Krippenbereich aus direkt ins Freie zu gelangen, berichtet Kindergartenleiterin Gerda Benkert. Brandschutzübungen mit der Feuerwehr fänden regelmäßig statt. Das Gleiche gilt für die Kindertagesstätte Maroldsweisach. Diese besuchen bereits 23 Krippenkinder unter drei Jahre. „Wir haben gemerkt, dass es im Ernstfall wichtig ist, Wagen zu haben, um Kinder, die nicht laufen können, schnell rauszufahren“, sagt die Leiterin, Elisabeth Endreß. Noch eine Erkenntnis: Zwei Erzieherinnen pro Gruppe mit je zwölf Kindern sind im Notfall schon knapp. Falls jemand ausfällt, dann könnte es haarig werden, schnell genug Personal für die Rettung zu haben. Endreß: „Übungen mit Personal und Feuerwehr sind wichtig. Jede Erzieherin muss wissen, wo Fluchtwege und Feuerlöscher sind.“

Zehn Monate alt ist das jüngste Kind, das den Caritas-Kindergarten „Die kleinen Füchse“ in Burgpreppach besucht. „Wir wissen, dass Brandschutzübungen sehr wichtig sind“, meint Leiterin Nadine Worobkewicz. Nach dem fertiggestellten Umbau des Kindergartens soll es deshalb eine Übung mit der Feuerwehr geben. Noch sei nichts Konkretes geplant. Allerdings: Das Personal kenne seine Aufgaben für den Notfall genau. Die Caritas-Kinderkrippe der Gemeinde Riedbach in Kleinsteinach plant bereits eine Übung. Auch hier ist das jüngste Kind unter einem Jahr. Die baulichen Voraussetzungen für eine Kinderkrippe sind nach dem Umbau alle erfüllt, erklärt die Leiterin, Nadja Kraus. Beispielsweise gebe es eine Rampe für Kinderwagen.

Kreisbrandrat Ralf Dressel kann nur unterstreichen, dass Kinderkrippen die Feuerwehren im Ernstfall besonders fordern. „Die jüngsten Kinder reagieren im Brandfall ganz anders als die älteren. Sie verstecken sich gerne. Da muss alles durchsucht werden, jeder Schrank, jede Nische“, so der Feuerwehrchef im Landkreis.

Allein deshalb bleibt zu hoffen, dass die Hofheimer Kindergartenkinder das Lied, das sie den Feuerwehrleuten am Freitagmorgen zum Dank nach der Übung gesungen haben, nie selbst erleben: „Was machen die Hofheimer Feuerwehrleute, wenn es lichterloh brennt? Menschen retten, Häuser löschen.“


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