HASSFURT

Labor sucht nach Gift in Blut und Urin

Angezapft: Dr. Jürgen Reimann (links) nimmt Horst Weber Blut ab, das das LGL auf mögliche Giftstoffe untersuchen wird.
Angezapft: Dr. Jürgen Reimann (links) nimmt Horst Weber Blut ab, das das LGL auf mögliche Giftstoffe untersuchen wird. Foto: Michael Mösslein

Am Donnerstagabend waren es gut fünfeinhalb Liter Blut aus Wonfurter Adern, die die Ärzte am Gesundheitsamt in Haßfurt an zwei Tagen abgezapft haben. Dieses stammt nicht von einem Menschen – das hätte wohl niemand überlebt. Es ist die Gesamtmenge, die über 70 Wonfurter, die im Umkreis des Recyclingunternehmens Loacker wohnen, am Mittwoch und Donnerstag am Gesundheitsamt stammt abgegeben haben, zusätzlich zu Urinproben. Das Blut wird natürlich fein säuberlich getrennt in Flaschen ins Labor zur Untersuchung auf mögliche Schadstoffe geschickt. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hatte das Humanbiomonitoring allen Loacker-Anwohnern angeboten.

Blutzapfen wie am Fließband

Zusätzlich zu zwei Ärzten des Gesundheitsamtes waren zwei Ärzte des Haßfurter Krankenhauses an den beiden Tagen quasi wie am Fließband damit beschäftigt, Venen anzustechen und über Kanülen Blut zu zapfen. Etwa 80 Milliliter pro Person. Zusätzlich benötigt das LGL zehn Milliliter Urin, das es in seinem Erlangener Labor untersuchen wird. In etwa sechs bis acht Wochen, vermutet Dr. Jürgen Reimann, der Leiter des Gesundheitsamtes Haßfurt, würden die Wonfurter, die sich untersuchen lassen – darunter 20 bis 25 Kinder –, die Ergebnisse erhalten. Die Befunde erhielten sie direkt vom LGL, das Gesundheitsamt ist am Biomonitoring nur insoweit beteiligt, als dass dort die Blut- und Urinproben genommen wurden.

Horst Weber (42) ist einer der Wonfurter, die sich entschlossen haben, das für sie kostenlose Angebot des LGL, sich untersuchen zu lassen, angenommen haben. Auch Webers Ehefrau lässt sich untersuchen. „Wir sind erst vor gut drei Jahren nach Wonfurt gekommen“, sagt er. Kaum seien sie dort in ihr Haus eingezogen, hätte ihr heute acht Jahre alter Sohn epileptische Anfälle bekommen. Sicherlich könne dies purer Zufall sein und müsse mit Loacker-Recycling vor Ort nicht zu tun haben, meint der Familienvater. Dennoch möchte er gerne wissen, welche Schadstoffe, sich in seinem Körper befinden.

Das LGL wird das Blut der Wonfurter laut eigener Ankündigung unter anderem auf Flammschutzmittel wie polybromierte Diphenylether (PBDE) testen, wie sie Computer, Fernseher und andere Elektrogeräte enthalten. PBDE kann laut LGL das Nerven- und Immunsystem schädigen sowie Schilddrüsen und Geschlechtsorgane. Daneben werden mögliche Belastungen des Bluts durch Arsen, Blei und PCB ermittelt. Allerdings, so stellt das LGL klar, könnten die nun laufenden Untersuchung von Blut- und Urinproben von Menschen aus Wonfurt nur die allgemeine Gefährdung darstellen – „nicht jedoch die reale Gefährdung im Umfeld der Recycling-Firma“.

Angebot gerne angenommen

Der Garten von Annemarie Vollert (62) ist nur etwa 500 Meter von Loacker entfernt. Kartoffeln und Gemüse, das sie und ihr Mann dort anbauen, würden sie regelmäßig verzehren, sagt die Wonfurterin. Die beiden sind nicht die einzigen Mitglieder ihrer Familie, die sich nun untersuchen lassen. „Als ich im Dezember von dem Angebot des LGL gehört habe, habe ich gleich gesagt: ,Das lassen wir machen‘“, berichtet Annemarie Vollert.

Sie findet es gut, dass nach den langen Monaten, in denen die möglichen Giftstoffe aus dem Loacker-Werk die Wonfurter beunruhigen, „überhaupt etwas getan wird“. Einen Wunsch teilt die 62-Jährige wohl mit allen, die in dieser Woche beim Gesundheitsamt Blut und Urin abgegeben haben: „Ich hoffe, dass bei der Untersuchung nichts rauskommt.“


Säuberlich getrennt: so gehen die Blut- und Urinproben ins Labor.
Säuberlich getrennt: so gehen die Blut- und Urinproben ins Labor.

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