HASSFURT

Loacker: Giftstaub lässt Menschen nicht los

Demonstration gegen Loacker in der Haßfurter Innenstadt.
Demonstration gegen Loacker in der Haßfurter Innenstadt. Foto: Mösslein

So laut war der Protest gegen Loacker noch nie: Geschätzte 350 Demonstranten haben am Dienstagnachmittag in Haßfurt ihrer Wut auf Loacker in Wonfurt sowie auf das Landratsamt Haßberge Luft gemacht – mit Trillerpfeifen, Rasseln, Trommeln, Liedern und Rufen. Doch erst, als sie vom Gries zum Landratsamt gezogen waren, erlebten sie den eigentlichen Paukenschlag: Stellvertretender Landrat Siegmund Kerker verkündete, dass das Verwaltungsgericht Würzburg die komplette Stilllegung des Recyclingbetriebs aufgehoben hat. Ab Mittwoch wird Loacker in Wonfurt wieder Kabelschrott verarbeiten. Die Elektroschrott-Schredder müssen allerdings weiter ruhen.

Demo Haßfurt

Per Eilentscheidung hat das Gericht am Dienstagnachmittag dem Widerspruch des Recyclingbetriebs stattgegeben. Wie angekündigt, hatte Loacker sich gegen die am Dienstag vergangener Woche vom Landratsamt Haßberge verfügte Einstellung der Kabelverarbeitung widersetzt. Eine Begründung für seine Entscheidung hat das Gericht noch nicht geliefert, erklärte stellvertretender Landrat Kerker den Demonstranten vor dem Landratsamt. Er vertrat Landrat Rudolf Handwerker, der im Urlaub ist.

Demo in Haßfurt
Demo in Haßfurt
Demonstration in Haßfurt

Buh-Rufe und gellende Trillerpfeifen schwollen zum akustischen Inferno an, als Kerker weiter verkündete, dass Loacker-Gesamtgeschäftsführer Michael Loacker unmittelbar nach der Gerichtsentscheidung, noch vor der Demonstration im Landratsamt angerufen und mitgeteilt hat, dass das Unternehmen keine Zeit verstreichen lassen will und bereits am heutigen Mittwoch die Verarbeitung von Elektrokabeln am Standort in Wonfurt wieder aufnehmen werde. Kerkers Beteuerung, dass das Landratsamt die Sorgen der Menschen weiter sehr ernst nehmen und alles unternehmen würde, um Gefahren durch Loacker abzuwehren, ging angesichts dieser Ansage fast unter.

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Demonstration Loacker

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Es war eine Kampfansage für die Bürgerinitiative (BI) „Lebenswertes Wonfurt“, die zur Demonstration aufgerufen hatte. „Geld regiert die Welt“, rief deren Sprecher Peter Werner der aufgebrachten Menge zu. Die Demonstranten waren nicht nur aus Wonfurt gekommen, sondern auch aus Nachbargemeinden, deren Bewohner sich durch den bei Loacker entstehenden Staub ebenfalls bedroht fühlen. „Wenn Herr Loacker glaubt, wir Franken sind nicht mobil, irrt er sich. Wir können auch Busse nach Götzis organisieren.“ In Götzis, im österreichischen Vorarlberg, hat Loacker seinen Hauptsitz.

Demo in Haßfurt
DEMO HAS
Demo in HAS
Demo HAS 3
Demonstration Haßfurt
Demo HAS2
Demo in HAS
Demo in Haßfurt

Die BI erneuerte während der Demo ihre Kernforderung: Loacker dürfe Menschen und Umwelt nicht gefährden. Dies müsste sichergestellt sein. So lange müsse der Betrieb ruhen. Weiter müssen Nachbargrundstücke auf dauerhafte Belastungen hin untersucht werden, Gemeinde und Landkreis sollen einen Untersuchungsausschuss mit BI-Beteiligung einrichten und politisch Verantwortliche der Gemeinde und des Landkreises notfalls ihre Konsequenzen ziehen – sprich: ihren Hut nehmen.

Die Demonstranten waren, angeführt von einem Streifenwagen der Polizei, vom Festplatz Gries am Main durch Haßfurts Innenstadt zum Landratsamt gezogen. Menschen allen Alters waren auf der Straße. Kleinkinder saßen bei Papas auf der Schulter, Trillerpfeifen wurden geplagt, bis die Backen glühten. Plakate und Transparente machten die Angst und die Wut der Loacker-Anrainer deutlich. „Wir wollen kein Gift“, stand auf einem Schild, „Dank Gift und Staub sind Häuser und Grundstücke nichts mehr wert“ auf einem anderen. „Wir wollen, dass Landrat Handwerker uns hört“, rief BI-Sprecher Werner durchs Megafon. Das war das zentrale Anliegen.

Sabine Krieg und Christine Fries von der Wonfurter Gruppe „Mütter gegen Giftstaub“ sagten, was viele Anwesende fühlten: „Die Messergebnisse schockieren uns.“ Sie forderten saubere Luft, sauberes Trinkwasser und unbelastete Gärten. Loacker dürfe erst dann wieder produzieren, wenn sichergestellt ist, dass kein Giftstaub mehr ins Freie gelangt. Das Landratsamt solle dies überwachen.

Simone Wagenhäuser aus Wonfurt erneuerte Vorwürfe gegen das Landratsamt: Zu lange sei trotz Anwohnerbeschwerden nichts passiert gegen den Staubaustritt. „Der Landrat behauptet immer noch, dass von den Stäuben keine Gefahr ausgeht“, rief sie. Die Menge reagierte mit besonders lauten Pfui-Rufen.

Der Wonfurter Diakon Michael Nowak nannte es einen „Riesenskandal“, dass Loacker nicht einmal einen Osterfrieden gewährt und die Produktion sofort nach dem Gerichtsentscheid wieder anfährt. Der Giftstaub verteile sich weit im Umland, so Nowak, „der Wonfurter Skandal betrifft den ganzen Landkreis“. Deshalb gelte der Aufruf an alle kirchlichen Gemeinden, sich am Protestläuten fünf vor zwölf zu beteiligen, das Nowak an diesem Mittwoch wieder aufnehmen möchte.

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