HASSFURT

Maria (75) liest Punkte und hört die Uhrzeit

Maria Söldner liebt Blumen, liest und backt gerne. Als Telefonistin und Stenotypistin arbeitete sie 37 Jahre lang im Landratsamt. Und unerschütterlich ist ihr Humor, mit dem die 75-Jährige ihr Handicap annimmt – blind zu sein.
Trotz ihres Handicaps, der Vollblindheit, hat Maria Söldner ihren Humor bewahrt. Die 75-Jährige hegt und pflegt leidenschaftlich ihre Orchideen neben weiteren Pflanzenarten in ihrer Wohnung und auf dem Balkon.

Am 20. April 1942 erblickte Maria Söldner in Haßfurt das Licht der Welt. Während ein 50-jähriges Jubiläum viel Freude und Geschenke mit sich bringt, ist für die Kreisstädterin ein halbes Jahrzehnt aber mit ihrem persönlichen Schicksalsschlag verbunden, der ihr Leben komplett veränderte. Die heute 75-jährige Maria erblindete im Jahre 1967.

Schon als kleines Kind im Alter von drei Jahren wurden massive Sehstörungen diagnostiziert. Maria sah noch alle Farben, aber nur noch grobe Umrisse. Die Erkrankung entwickelte sich konstant 22 Jahre lang bis zur vollen Blindheit. „Normal schreiben und lesen konnte ich nicht. Gesichter habe ich zwar nicht erkannt, aber an den Klamotten habe ich die Personen schon erkannt“, so die ehrgeizige blinde Maria.

Für Notizen, Telefonnummern, aber auch schöne Sätze aus Büchern bevorzugt Maria Söldner ihre Blindenstenomaschine/Punktschriftmaschine aus dem Jahr 1956 vor der Schreibtafel mit Kugelgriffel, weil „ich mit der Hand wesentlich langsamer schreibe“, so die blinde 75-Jährige.

Nach dem Besuch der Blinden(volks)schule in Würzburg absolvierte die Haßfurterin anschließend die Handelsschule für Blinde in Nürnberg (1956 bis 59) mit einer berufsspezifischen Ausbildung zur Telefonistin und Stenotypistin. Im Alter von 17 Jahren startete die baldige Vollblinde im Landratsamt Haßberge als Schreibkraft durch.

Selbst nach dem Eintritt der Vollblindheit, dem vollständigen Fehlen der Lichtwahrnehmung im Alter von 25 Jahren, arbeitete Maria weiter bis Dezember 1996 für das Landratsamt, also insgesamt 37 Jahre. Auch wenn die Blindenstenomaschine nahezu von Diktiergeräten im Jahre 1964 ersetzt worden ist, hat die blinde Schreibkraft „natürlich auch mit einer ganz normalen Schreibmaschine geschrieben, sonst hätte es ja niemand lesen können. Ich habe gerne geschrieben, der Kontakt zu den netten Arbeitskollegen war auch schön“, erinnert sich die strahlende Rentnerin, die mit 54 Jahren die Berufswelt beendete.

Ihre Eltern, Karl und Katharina aus Trossenfurt und Tretzendorf, zogen nach Haßfurt in ein kleines „Eisenbahnhäusle“ am Wildbad, weil der Vater bei der Eisenbahn arbeitete. Maria wuchs mit acht Geschwistern auf.

Während das blinde Familienmitglied von der Großfamilie zu Hause unterstützt wurde, war Maria mit ihrer ersten eigenen Wohnung im Jahre 1989 überwiegend auf sich alleine gestellt. „Ich musste einfach zurechtkommen“, so die ehrgeizige Blinde, weil die Orientierung in der Wohnung mit Hilfe der Ohren und Händen „überhaupt kein Problem ist, und nicht einmal mit dem Einzug war.“

Der Alltag von Maria gestaltet sich vergleichsweise nicht viel anders als bei sehenden Rentnern. Maria kocht und backt leidenschaftlich, nur die Lebensmittel lässt sie sich von einem Supermarkt aus Haßfurt liefern. Im häuslichen Bereich helfen natürlich auch Bekannte sowie die Ambulante Pflegestation „Lebenswelt“, beispielsweise bei schriftlichen Sachen für die Behörden. Zum Einkaufen geht es aber auch mal in Begleitung, vor allem wenn es um Kleider oder Sachen für die Wohnung geht.

Die Pflegerin Christa Lübke aus Holzhausen ist immer wieder erstaunt, wie „selbstständig Maria ist. Das können sich die Normalsehenden gar nicht vorstellen“.

Die willensstarke Haßfurterin ist mit ihrer Krankheit aufgewachsen, aber dass die Selbstständigkeit neben ihrer Philosophie „niemals aufgeben“ auch der Technik zu verdanken ist, ist kein Geheimnis: „Jetzt gibt es allerweil schon viel, das hat es früher alles nicht gegeben.“

Maria hat viele sprechende Geräte, darunter auch eine Küchenwaage, Fieberthermometer, Innen- und Außenthermometer sowie eine Uhr: „Meine Besucher sind immer erschrocken, wenn auf einmal die Uhr einen ,Guten Morgen' mit der aktuellen Uhrzeit wünschte“, so die humorvolle 75-jährige, weil das „Lachen das A und O ist, und dass man zurechtkommt und nichts negativ sieht“.

Der Blick durch das „blinde Heim“ erstaunt die sehenden Augen: Über 30 Blumentöpfe sind in der 68 Quadratmeter großen Drei-Zimmer-Wohnung und auf dem Balkon verteilt. Maria hegt und pflegt schon immer Orchideen. Zum großen „Grüner-Daumen-Bestand“ gehören auch Amaryllis, Weihnachtskakteen, Balkon- und Sommerblumen – und die Pfefferminze „habe ich hauptsächlich wegen dem Duft“.

Nicht zu vergessen ist ihre sprechende Farberkennungsmaschine, die Maria nicht nur für ihre Blumenwelt einsetzt, sondern auch für Klamotten.

Mit der Blindenschrift stehen die meisten Normalsehenden auf dem Schlauch, nicht aber Maria Söldner, die seit Wochen den Fortsetzungsroman „Das Lied von Eis und Feuer“ eifrig liest. Foto: René Ruprecht

„Auch wenn ich viel zu Hause bin, habe ich schöne Hobbys. Ich lese gern, verbringe viel Zeit mit meinen Pflanzen und Blumen, koch und backe gerne, hier und da spiele ich auch mal Keyboard höre gerne klassische Musik.“ Der musikalische Favorit ist die Wiener Klassik von Mozart, Beethoven und Haydn.

Maria hat niemals in ihrem Rentnerdasein aufgegeben, als blinder Mensch die Lebenszeit zu genießen: „Was soll ich denn machen, da verdummt man ja, wenn man keine Interessen hat und sich nicht beschäftigt.“ Neben Hörbüchern, darunter „Der Spion von Peißenberg“, liest Maria aktuell einen Fortsetzungsroman „Das Lied von Eis und Feuer“, weil „es hochinteressant ist. Ich bin froh, dass mir die Blindenbücherei Leipzig jede Woche ein Heft per Post schickt.“

Punktschriftbücher sind in der Regel teurer als normale Bücher, aber das wöchentliche Heft „für einen Euro, das ist geschenkt“, so die Leseratte auf ihrer Couch. Der Fernseher läuft auch hin und wieder: Neben Radiosendern stehen auch Nachrichten, Dokumentationen, aber auch Filme auf dem Programm.

Früher ging Maria auch alleine spazieren, seit 2010 ist es eher seltener geworden und nur noch in Begleitung, weil die blinde Rentnerin im Fuß- und Beinbereich eine große Entzündung erlitt und seitdem eine Beinprothese hat.

Mit der Frage nach einem Lebenspartner unterstrich die Blinde ihren Humor gänzlich: „Mich wollte doch niemand. Ich bin doch kein Dornröschen, wo der Prinz heimkommt“, so die lachende Maria, die niemals aufgibt, so gut wie ein Mensch mit gesunden Augen zu leben.

„Das können sich die Normalsehenden gar nicht vorstellen.“
Christa Lübke, Pflegerin von Maria Söldner
 

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