HAßFURT

„Meine Rolle ist die untere“

Regisseurin Nina Lorenz hält den Text in der Hand, während die Schauspieler Ursula Gumbsch und Benjamin Bochmann sich auf der Bühne im Bett tummeln.
Regisseurin Nina Lorenz hält den Text in der Hand, während die Schauspieler Ursula Gumbsch und Benjamin Bochmann sich auf der Bühne im Bett tummeln. Foto: Peter Schmieder

Ein Bett, eine Bettdecke, und etwas, das sich darunter zu bewegen scheint. Zwei Stimmen, eine weibliche und eine männliche, sind zu hören. Die beiden scheinen die Situation sichtlich zu genießen. Dann hebt sich die Decke und die Gesichter der zwei Leichtbekleideten kommen zum Vorschein.

Das Bett steht nicht in einem Schlafzimmer, sondern auf der Theaterbühne im Gewölbekeller der Haßfurter Stadthalle. Und die beiden, die sich darin tummeln, sind kein echtes Liebespaar, sondern die Schauspieler Ursula Gumbsch und Benjamin Bochmann. Auf einem Stuhl im Zuschauerraum sitzt die Frau, der ich heute bei ihrer Arbeit über die Schulter schaue: Regisseurin Nina Lorenz.

„Wenn ich malen könnte, würde ich malen“, sagt Lorenz über ihr Verständnis von Kreativität. Was sie damit sagen will ist, dass es ihr beim Theater um die Komposition eines Gesamtkunstwerks geht. Die Leistung der einzelnen Schauspieler, die Requisiten, das Bühnenbild, die Kostüme, die Musik, die Beleuchtung – Als Regisseurin kann sie das alles zusammenführen.

1961 geboren begann sie sich schon früh für das Theater zu interessieren. Sie spielte in der Schultheatergruppe und bewarb sich später an drei verschiedenen Schauspielschulen, allerdings ohne Erfolg. „Dann habe ich erkannt: Meine Rolle ist die untere“, sagt sie. Also nicht die, die auf der Bühne steht, sondern unten im Zuschauerraum.

Nina Lorenz studierte Theaterwissenschaften und Germanistik in Erlangen und Berlin. Schon zu dieser Zeit war sie Regieassistentin und inszenierte Stücke mit dem Erlanger Studententheater. Auf der Bühne standen vor allem ihre Studienkollegen aus der Theaterwissenschaft. „Die wollten alle Schauspieler werden“, sagt sie. Für das Studium habe sich kaum einer wirklich interessiert, für die meisten war es eher eine Station auf dem Weg zum Schauspielprofi. Interesse zeigten sie hingegen an allen Projekten, bei denen sie auftreten konnten. „So hatte ich immer einen Pool von Leuten, die auf die Bühne wollten“, sagt Nina Lorenz.

Als Regieassistentin war sie unter anderem an den Stadttheatern Essen, Tübingen, Konstanz und Wilhelmshaven. Später war sie auch Dramaturgin und Regisseurin am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg, auch parallel zu ihrer Arbeit mit der Haßfurter Theaterwerkstatt, die sie 1999 gegründet hatte.

Diese verdankt ihr Bestehen auch der Haßfurter Frauenbeauftragten Monika Strätz-Stopfer. Nachdem Nina Lorenz nach der Geburt ihrer Tochter im Jahr 1996 zunächst für zwei Jahre eine berufliche Pause eingelegt hatte, schlug ihr Strätz-Stopfer vor, Theaterworkshops zu geben. Daraus entstanden die Inszenierungen der Stücke „Sekretärinnen“ und „Die Präsidentinnen“. Dann öffnete sich das Theater auch für männliche Schauspieler. „Wir sind immer auf der Suche nach Stücken, die sonst nicht überall zu sehen sind“, sagt Nina Lorenz. „Es gibt immer einen Pool von Stücken, die man gern mal machen würde“, meint sie.

Gerade läuft auf der Bühne im Gewölbekeller die Wiederaufnahmeprobe von „Dreier“, einer Tragikomödie von Jens Roselt. Wiederaufnahme, denn das Stück ist eine Kooperation mit dem Theater im Gärtnerviertel (TiG) in Bamberg. Dort spielten die Schauspieler das Stück, das in einem Schlafzimmer spielt, nicht in einem Theater, sondern in einem Bettengeschäft. Ursula Gumbsch spielt in der Geschichte eine Ehefrau, die ihren Mann (Stephan Bach) mit dessen bestem Freund (Benjamin Bochmann) betrügt. Alle drei Darsteller sind hauptberufliche Schauspieler. Das ist nicht immer so bei der Theaterwerkstatt. „Amateure und Profis arbeiten gewinnbringend zusammen“, beschreibt Nina Lorenz das Konzept. Es wechselt also von Stück zu Stück, ob Laien oder professionelle Schauspieler auf der Bühne stehen, oder ob Laien und Profis gemeinsam auftreten.

Für Gumbsch und Bochmann ist es das erste Mal, dass sie eine Bettszene spielen. „Es brauchte schon erst eine Annäherung“, berichtet Benjamin Bochmann. Für Schauspieler sei es immer wichtig, zwischen Rolle und Rollenträger zu unterscheiden, gerade bei solchen Szenen. „Aber wenn man gut geübt hat, dann ist das auch vor Publikum kein Problem“, bestätigen die Schauspieler.

Seit 2004 hat die Theaterwerkstatt mit dem Gewölbekeller einen eigenen Raum. „Der damalige Bürgermeister Rudi Eck hat sich sehr dafür eingesetzt“, freut sich Nina Lorenz. Auch die Zusammenarbeit mit dem Kulturamt, das dort ebenfalls Veranstaltungen anbietet, laufe sehr gut.

Heute, bei der Wiederaufnahmeprobe, spielen die Schauspieler das Stück einfach einmal durch, die Regisseurin hat kaum Anmerkungen mehr. Immerhin ist es nicht das erste Mal, dass sie dieses Stück spielen. Wäre es die erste Probe für ein neues Stück, würde es zunächst mit einer Leseprobe beginnen. Die Darsteller lesen gemeinsam das Stück, dann sprechen sie über die Figuren und den Hintergrund von Stück und Autor. Dann geht es los mit der richtigen Arbeit an den einzelnen Szenen. „Sechs bis acht Wochen lang proben wir jeden Tag“, sagt Nina Lorenz. „Wenn es nicht jeden Tag geht, dann dauert es eben entsprechend länger.“ Benjamin Bochmann spricht von einer reinen Probenzeit von rund 90 Stunden für ein Stück.

Und wie viel von einem Stück bleibt noch übrig, wenn Regisseur und Schauspieler es nach ihren Wünschen bearbeitet haben? „Man verändert natürlich Dinge, streicht und kürzt“, sagt Nina Lorenz. Natürlich stecke darin schon eine Art der Interpretation, die von der eigenen Sichtweise beeinflusst ist. „Man erkennt das Stück schon immer noch wieder, aber der Schwerpunkt ist immer ein anderer.“

• Aufführungen von „Dreier“ im Gewölbekeller: 22. und 29. April, jeweils um 20 Uhr. Kartenvorverkauf beim Haßfurter Tagblatt, Brückenstraße 14, Tel.09521/1714.

Schulterblick

Welche Fähigkeiten muss jemand mitbringen, um einen bestimmten Beruf zu ergreifen? Wie lange dauert die Ausbildung? Und welchen Herausforderungen hat er sich in seinem Berufsalltag zu stellen?

In der Serie Schulterblick begleitet ein Reporter des Haßfurter Tagblatts Menschen in ihrem Berufsalltag, um den Lesern einen Einblick zu vermitteln.

Noch ein Blick ins Buch, bevor es losgeht: Nina Lorenz bei der Theaterprobe im Gewölbekeller der Stadthalle.
Noch ein Blick ins Buch, bevor es losgeht: Nina Lorenz bei der Theaterprobe im Gewölbekeller der Stadthalle.

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