Haßfurt

Meinung: Novemberpogrome 1938: Von wegen die Unschuld vom Lande

Viele Grabsteine bedeuten: Hier lebten einst viele Menschen. Der jüdische Friedhof in Kleinsteinach ist Zeuge einer reichen Kultur, die der Nationalsozialismus ausgelöscht hat. Er bleibt aber als Mahnmal gegen Rassismus erhalten. Foto: Archiv LRA Haßberge

Vor zweieinhalb Jahren ist sie gestorben. Vielleicht ist es gut, dass sie die jüngste Entwicklung im Lande nicht mehr mitbekommen hat: die Verschärfung des Antisemitismus, die im Anschlag von Halle einen traurigen Höhepunkt gefunden hat. Jahrzehntelang hatte Cordula Kappner das jüdische Leben im Landkreis Haßberge erforscht, sie spürte insbesondere den Schicksalen der von den Nationalsozialisten Verfolgten, Vertriebenen, Gefolterten und Ermordeten nach. Wo andere sich lange Schatten wünschten, beleuchtete sie, wie die Terrorherrschaft dem Judentum in der Heimat ein grausames Ende setzte.

Den "alten Schmarrn" endlich vergessen?

Die für dieses Engagement vielfach ausgezeichnete Kappner war sich bewusst, dass ihre Nachforschungen durchaus unbequem waren. Ihre akribischen Recherchen in einzelnen Ortschaften führten zu Begegnungen mit Tätern und Mitläufern von einst, die den Deckmantel des Schweigens über ihrer Schuld und Scham löchrig werden sahen. Dass sie in manchem Dorf, wo früher eine Synagoge oder jüdische Schule gestanden hatte, auch bei der Lokalpolitik ein rotes Tuch war, darüber war sich die gelernte Bibliothekarin im Klaren: Gerade in späteren Jahren, als immer mehr Zeitzeugen verstorben waren, musste sie sich immer öfter anhören, dass es doch Zeit sei, den „alten Schmarrn endlich zu vergessen“.

Gegen dieses Verdrängen der Vergangenheit kämpfte Cordula Kappner bis zuletzt unerschütterlich an. Dass sich seit ihrem Tod aber ein neuer brauner Sumpf im Lande ausbreitet, das hätte Kappner wohl bis ins Mark erschüttert.

Cordula Kappner erforschte über Jahrzehnte hinweg das jüdische Leben im Haßbergkreis und die Schicksale der von den Nazi... Foto: Müller

An diesem Wochenende jähren sich zum 81. Mal die Novemberpogrome von 1938, die von den Nazis organisierten Gewaltexzesse gegen Juden. War das Gedenken an die „Kristallnacht“ in früheren Jahren allzu oft eher lästige Pflichtveranstaltung, so hat der Jahrestag nun wieder bitteren Bezug zur Realität.

Pogrom - Sinnbild für das Versagen eines Volkes

Denn die Novemberpogrome führen vor Augen, was geschehen kann, wenn eine Gesellschaft nichts gegen Rassismus unternimmt. Der Terror von 1938 ist nichts weniger als das Versagen eines ganzen Volks. Ohne die für die Nazis erfolgreiche Reichspogromnacht hätte es den Holocaust nie gegeben. Dass die Bevölkerung in Teilen mitmachte, in der Masse aber die Übergriffe stillschweigend duldete, gab dem Regime die Gewissheit, von nun an freie Hand für jedwede Behandlung aller Gegner zu haben.

Das Fernsehen wird an diesem Wochenende wie jedes Jahr historische Aufnahmen von der Reichskristallnacht zeigen: Wütende SA-Horden, gedemütigte Juden, brennende Synagogen, eingeschlagene Schaufenster – es werden Bilder aus großen Städten sein. Man könnte meinen, auf dem Lande hätte man damit nichts zu tun gehabt. Aber genau das ist falsch – und dafür ist der heutige Landkreis Haßberge Musterbeispiel.

SA-Schlägertrupps und einheimische Fanatiker

Hier gab es nämlich bis zur braunen Machtübernahme ein reiches jüdisches Leben, es gab zahlreiche Synagogen, jüdische Schulen und Ritualbäder und nicht zuletzt jüdische Friedhöfe. Man könnte auch sagen, die Juden hier schlicht Bürger, die in manchen Punkten andere Vorstellungen und Gepflogenheiten hatten als ihre Nachbarn, mehr aber nicht. Doch ab dem Morgen des 10. November 1938 wurden auch hier die Ortschaften von den Pogromen erfasst. SA-Schlägertrupps aus Schweinfurt, Coburg und Bamberg oder Haßfurt machten sich in Dörfern mit jüdischer Bevölkerung zu schaffen, Unterstützung fanden sie bei fanatischen Einheimischen. Juden wurden verhaftet, geschlagen, verhöhnt, ihr Hab und Gut endete in Trümmern. All dies markierte wie anderswo den Anfang der systematischen Verbrechen, denen in der Folge ganze Familien zum Opfer fallen würden. Das jüdische Leben in der Region ist bis heute praktisch erloschen, eben weil sich der braune Spuk nicht nur in Berlin oder Nürnberg abspielte, sondern überall.

Dieses Wissen muss hier und heute Anlass sein, auch vor unserer Haustür genau hinzusehen, wenn Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, einer Behinderung oder aus welchen Gründen auch immer ausgegrenzt oder zur Zielscheibe erklärt werden. Solches Tun zu verhindern, ist oberste Pflicht der Demokratie und Verpflichtung für jeden Bürger. Insofern ist das Erinnern an 1938 wichtiger denn je: Niemand soll später sagen können, er habe nicht gewusst, wohin es führen kann, wenn er wegschaut oder mithetzt. Da geht es um alle Menschen, es spielt keine Rolle, dass heute in unseren Gefilden kaum noch Juden leben.

Tolerierter Rassismus ist das Ende der Demokratie

Wer immer noch nicht begreifen will, dass Rassismus bekämpft gehört, dem sei gesagt: Eine Demokratie, die es nicht für wichtig erachtet, einen bestimmten Teil ihrer Bevölkerung zu schützen, hört auf, Demokratie zu sein. Ist dies erst einmal geschehen, gibt es niemanden mehr, der sich sicher sein kann, nicht ins Fadenkreuz des Systems zu geraten, egal was er denkt, glaubt oder tut.

In der ersten Version dieses Kommentars hatte der Autor fälschlicherweise behauptet, in Kleinsteinach seien in der Reichspogromnacht die jüdische Schule und die Synagoge abgebrannt. Bernd Brünner vom Museum Jüdische Lebenswege in Kleinsteinach hat die Redaktion inzwischen darauf hingewiesen, dass dies nicht den Tatsachen entspricht: Die Synagoge sei erst im Jahr 1953 durch einen Blitzschlag schwer beschädigt und ein Jahr später aufgrund ihrer Baufälligkeit abgebrochen worden. Die jüdischen Schule habe niemals gebrannt, das Gebäude mit einer Gedenktafel an der Außenwand bestehe heute noch. Was in der Pogromnacht in Kleinsteinach gebrannt habe, sei ein größerer Teil des Inventars der Synagoge gewesen, den die Nazis zuvor rausgeräumt und dann neben der Synagoge angezündet hatten. Da die Synagoge unmittelbar neben einem christlichen Haus stand, wagten es die Nazis laut Bernd Brünner nicht, die Synagoge anzuzünden.

Am Samstag in Haßfurt: Freundeskreis Asyl will Zeichen gegen Rassismus setzen
Der Freundeskreis Asyl möchte sich aktiv und vor allem sichtbar gegen die Entwicklung von rassistischem, antisemitischem, antidemokratischem und rechtsextremen Gedankengut stellen und sich eindeutig gegen Rassismus, Antisemitismus und rechtsextremes Denken positionieren, teilt die Organisation in einer Pressemitteilung mit.
Aus diesem Grund wird am Samstag, 9. November, um 17 Uhr auf dem Haßfurter Marktplatz eine öffentliche Zusammenkunft unter der Überschrift „Aufstehen – Standhaft sein!“ stattfinden. Der Freundeskreis hofft nach eigenen Angaben darauf, von möglichst vielen zivilgesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Gruppen getragen und unterstützt zu werden, heißt es weiter in der Verlautbarung. Der Freundeskreis Asyl möchte dabei kurz an das Jahr 1938 erinnern, heutige Ängste benennen und darauf besinnen, dass man die Kraft hat, dem etwas entgegenzusetzen.
Die Zusammenkunft beginnt laut Freundeskreis Asyl am Marktplatz mit der Einleitung durch Dr. Chris Bendig und Katharina Schmidt (Vorstand Freundeskreis Asyl). Es folgt ein Gedicht gegen Fremdenfeindlichkeit. Pfarrerin Ottminghaus wird den christlichen Bezug herstellen. Nach dem Gang zur Synagoge folgt ein Text zur Zerstörung der Synagoge in Haßfurt, vorgetragen von Heinrich Balling. Dort werden dann Kerzen entzündet und gemeinsam gebetet.
 
 
 

 

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