FATSCHENBRUNN

Ötzis Proviant wird Kulturerbe

Aus spätreifen, großen Birnensorten entstehen in Fatschenbrunn die sogenannten Hutzeln. Foto: Sabine Weinbeer

Franz Hümmer besitzt 80 Birnbäume und betreibt eine traditionelle Därre. Weit über hundert Birnbäume gibt es in der kleinen Fatschenbrunner Flur, darunter Arten, die nur in diesem Oberauracher Gemeindeteil existieren. Hier hat sich auch eine besondere Art des Anbaus in Relikten erhalten, nämlich das Baumfeld und eine uralte Art der Obstverarbeitung, das Hutzeln. Diese gleichnamige Fatschenbrunner Spezialität ist ein hervorragender Energielieferant, der über zehn Jahre haltbar ist. Für die Därre geeignet sind „eher große und späte“ Sorten und Früchte, die von guter Qualität sein sollten.

Der Freistaat Bayern hat nun das Hutzeln geadelt, so eine Mitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst. Diese Mischung aus alter Handwerkstechnik und Brauchtum wird in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das gab jetzt Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle nach der Ministerratssitzung bekannt. Das Fatschenbrunner Hutzeln ist eine von zwölf kulturellen Ausdrucksformen, die das Leben und die Gesellschaft überregional prägen und mit der Aufnahme besonders gewürdigt werden sollen.

„Mit ihrem Engagement und ihrem Enthusiasmus füllen die Menschen Traditionen und Bräuche mit Leben, geben sie an nachfolgende Generationen weiter und garantieren so den Erhalt unseres immateriellen Kulturerbes. Die Neuaufnahmen in das Bayerische Landesverzeichnis spiegeln dabei die vielfältige Bandbreite der immateriellen Schätze im Freistaat wider“, betonte der Minister.

Die Mitteilung des Ministeriums beschreibt die Fatschenbrunner Tradition, wie sie die Runde in München überzeugte: „Das traditionelle Dörren von Obst erfolgt im Steigerwald mittels holzbefeuerter Öfen auf sogenannten Därren. Verbunden ist diese seit vielen Generationen überlieferte handwerkliche Technik mit der Baumfelderwirtschaft, bei der auch die Flächen unter den Obstbäumen (Birne, Apfel, Zwetsche, Kirsche) landwirtschaftlich genutzt werden. Die seit Generationen bestehende Herstellung von Dörrobst und Baumfelderwirtschaft verbindet ein Wissen im Umgang mit der Natur mit tradierten Fähigkeiten der Lebensmittelkonservierung.“

„Gerade in Bayern genießen die Pflege und der Erhalt immaterieller kultureller Ausdrucksformen einen besonders hohen Stellenwert. Die Vielzahl an Bewerbungen um die Aufnahme in das Landes- und Bundesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes zeigt, wie breit die vielfältigen Bräuche, Rituale, Feste und sonstigen Ausdrucksformen im Bewusstsein der Bevölkerung verankert sind“, so Minister Spaenle.

Den Antrag auf Aufnahme in das immaterielle Kulturerbe hatte der „Verein zur Förderung der Fatschenbrunner Hutzeln- und Baumfelderkultur“ gestellt. Spiritus rector der Vereinigung ist Franz Hümmer, der heute noch nach der alten Tradition aus den Birnen die Spezialität herstellt und einen Großteil seiner Freizeit in die Birnen und das Endprodukt Hutzel investiert.

Hümmer ist von dem Produkt so überzeugt, dass er sich gut vorstellen könnte, zum Thema Hutzeln in Fatschenbrunn ein Leuchtturmprojekt für den Steigerwald im Landkreis Haßberge zu errichten. Die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe könnte diesem Vorhaben einen zusätzlichen Schub verleihen, ist Franz Hümmer überzeugt und freut sich deshalb ungemein über diese Anerkennung.

Hutzeln – vom Notvorrat zur Delikatesse für Kenner

Auszug aus der Fatschenbrunner Website zu den Hutzeln: Trocknung ist eine der ältesten Konservierungsmethoden der Menschheit. Schon in Ötzis Rucksack wurde Trockenobst gefunden. Ob der Ur-Fatschi auch schon welches dabei hatte, als er sein Steinbeil verlor, ist leider nicht bekannt.

Um die Grundlage der Fatschenbrunner Hutzelkultur zu erklären, hier ein Hinweis auf einen Forschungsbericht von Dr. Thomas Gunzelmann, Hauptkonservator beim Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: „Die Baumfelderkultur – ein fast ausgestorbenes Element der fränkischen Kulturlandschaft, wo sich besonders in Fatschenbrunn dichtere Baumfeldrelikte erhalten haben.“

Diese teilweise noch erhaltenen alten Baumfelder sind ein landschaftshistorisch und ökologisch besonders wertvolles Gebiet. Auf den langen, schmalen und terrassierten Flurstücken haben sich Hunderte alter Obstbäume erhalten und prägen so die einzigartige Landschaft.

Diese auch als Stockfeldbau bezeichnete intensive Mehr-Etagen-Bewirtschaftungsform wurde bereits seit dem 15. Jahrhundert eingeführt. Für die stark wachsende Bevölkerung im 19. Jahrhundert (1855: 355 Einwohner) waren Trockenobst und Früchte ein lebenswichtiger Bestandteil der täglichen Ernährung.

Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Hutzelherstellung zur wichtigen Einnahmequelle für die Bauern: Fast Jeder Bauernhof hatte seine eigene Därre. Nach dem Krieg und bis in die 80er Jahre wurden die Hutzeln in großen Mengen aufgekauft und an die Lebkuchenhersteller und Großbäckereien geliefert.

Der Markt wurde aber zunehmend von Großproduzenten aus dem Ausland versorgt. Für die traditionell hergestellten Hutzeln blieb nur ein Nischen-Markt. Die Fatschenbrunner Hutzeln werden nach wie vor unter anderem in München auf dem Viktualienmarkt verkauft. Eine wachsende Zahl neuer Liebhaber wird über das Internet versorgt.

Auch die Gastronomie hat die Hutzel als Beilage zu Braten und als Dessert wiederentdeckt. Ausdauer-Sportler und Wanderer schätzen sie als schnellen Energielieferanten – Reinhold Messner hatte bei seiner Everest-Besteigung welche in der Hosentasche. Regierungen und Nichtregierungsorganisationen empfehlen Trockenobst als wichtigsten Bestandteil von Krisenproviant. Um diese Hutzeltradition zu erhalten und fortzuführen, haben die Fatschenbrunner angeregt, eine neue, zweckmäßige Gemeinschafts-Därre zu bauen.

Durch die Massenproduktion und den Qualitätsverfall in der Lebkuchenindustrie wurden jedoch keine Hutzeln mehr verwendet. Der Absatz ging rapide zurück. Die Hutzeln werden aber nach wie vor in München auf dem Viktualienmarkt angeboten.

Eine in letzter Zeit wachsende Anzahl neuer Liebhaber wird nun direkt über das Internet in ganz Deutschland versorgt. Die gehobene Gastronomie hat die Hutzel auch als Zutat für Braten und Desserts entdeckt.

Immaterielles Kulturerbe

Seit dem Jahr 2003 stellt die UNESCO kulturelle Ausdrucksformen in den Fokus der Öffentlichkeit – darunter der spanische Flamenco, die japanische Puppentheatertradition oder die iranische Teppich-Knüpfkunst. Überall auf der Welt sollen überliefertes Wissen und Können sowie Alltagskulturen als sogenanntes immaterielles Kulturerbe erhalten und gefördert werden. Im Zentrum stehen lebendige Traditionen und Riten, die einer Gemeinschaft ein Gefühl der Identität und der Kontinuität vermitteln, wie beispielsweise Musik, Tanz, Bräuche, Feste und herkömmliche Handwerkstechniken. Dementsprechend zeichnet sich das immaterielle Kulturerbe durch seine Vielfalt aus. Es wird von Generation zu Generation weitergegeben und unterliegt auch heute noch der steten Veränderung.
Viel Fingerspitzengefühl braucht man, um die perfekte Hutzel zu produzieren. Das erfahren interessierte Gäste von Franz Hümmer immer aus erster Hand. Foto: Sabine Weinbeer

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