HOFHEIM

„Oppenheimer Wein ist giftig“

Vom Judentörle zum Faschingswagen – kleiner Abriss der Geschichte der jüdischen Bürger in Hofheim
„Oppenheimer Wein ist giftig“

Als die königlich-bayerische Staatsregierung am 10. November 1861 das Emanzipationsgesetz für die jüdische Minderheit in Bayern verabschiedete, wohnte in der Kleinstadt Hofheim in Unterfranken keiner aus dieser Minderheit. Die „43 Köpfe“, die nach einer regierungsamtlichen Zählung im Jahr 1699 dort wohnten und wahrscheinlich das sogenannte „Judentörle“ neben dem Kapellentor benutzten oder benutzen mussten, hatten die Stadt schon längst verlassen. Wann und wohin sie gegangen sind, liegt im Dunkeln. Das Emanzipationsgesetz gestand den jüdischen Einwohnern die vollen Bürgerrechte zu. Juden waren jetzt deutsche Staatsbürger, die eine eigene Religion hatten. Juden konnten wählen und gewählt werden, sie gingen zum Militärdienst und hatten nun vor allem das Recht, den Wohnort frei wählen zu können, was das Judenedikt von 1813 verwehrt hatte.

Hofheim zählte im Jahr 1867 sieben jüdische Einwohner, 1910 waren es 59. Danach ging die Zahl kontinuierlich zurück. Die neuen Bürger Hofheims kamen damals aus den umliegenden Dörfern: Aidhausen (Frankenberger, Stern), Burgpreppach (Friedmann), Friesenhausen (Silbermann), Kleinsteinach (Schloß), Kraisdorf (Strauß), Lendershausen (Reus) und Schweinshaupten (Rosenbach). Juda Schuster, der in Hofheim die Korbfabrik besaß, war aus Sterbfritz in Hessen zugezogen und erhielt im Jahr 1900 auf Antrag die bayerische Staatsangehörigkeit. 1920 wurde die israelitische Kultusgemeinde Lendershausen aufgelöst und der Kultusgemeinde Hofheim angeschlossen.

Zeitströmungen ließen auch Hofheim nicht unberührt. Im Jahr 1881 griffen antisemitische Unruhen, die ihre Wurzeln in Berlin und dem Hofprediger Stöcker hatten, über Burgpreppach nach Hofheim über. Bei den Familien Fleischmann und Friedmann wurden die Fensterscheiben eingeworfen.

Die jüdischen Familien, in der Mehrheit Kaufleute, nahmen am gesellschaftlichen Leben ihrer Stadt regen Anteil. Mitglieder der Familien Reus und Schönthal spielten in der Theatergruppe des Turnvereins mit. Familie Schuster, eine gesellige und wohlhabende Familie, nahm oft an den Festen teil. Elisabeth Schmidt, Ehefrau des Hofheimer Tierarztes, hat sich erinnert, dass in einem Jahr das Geschwisterpaar Schuster (Regina und Sigmund) das Prinzenpaar im Fasching war. Und Ricka Schuster, die Ehefrau von Juda Schuster, engagierte sich am 9. November 1914 für das Schicken von Hilfspaketen an die Soldaten im Feld.

Fünf jüdische Soldaten aus Hofheim fielen im Ersten Weltkrieg. Dies waren Max Reuss, Julius Rosenbach, Moritz Schuster sowie die Lehrer an der Präparandenschule in Burgpreppach, Jakob und Max Strauß. Ungeachtet der vaterländischen Gesinnung stellte das Bezirksamt Hofheim im August 1922 eine Liste vorwiegend jüdischer Bürger auf, die bei Unruhen besonders zu bewachen waren. Sechs Hofheimer Juden standen auf der Liste. Am 14. März 1933 wurde die Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 begann die Diskriminierung und Ausgrenzung der jüdischen Bürger in Deutschland. Sie erreichte auch die 34 jüdischen Einwohner in Hofheim.

Veränderte Stimmung

Karoline Valtenmeier erinnert sich: „1932/33 trat eine Änderung in der Stimmung gegenüber den jüdischen Familien ein. Schuld daran trug meines Erachtens nach ein Auftritt der 'Miß Ellent'. Sie brachte den Stein ins Rollen. Ich sehe sie noch heute vor mir. Sie trug ein schwarzes, enges, hochgeschlossenes Kleid, bis zur Taille geknöpft. Sie war etwa 25 bis 38 Jahre alt. Der Tanzsaal von Weisseel war voller Menschen. Sie kam herein unter einem Triumphbogen, den junge Mädchen trugen. Sie sprach zwei Stunden ununterbrochen. Der Inhalt ihrer Rede richtete sich vor allem gegen die Juden. Einwände jüdischer Männer, die auch gekommen waren, sie hätten im Ersten Weltkrieg auch gekämpft, spielten keine Rolle. Einige Zeit später hatte 'Miß Ellent' einen zweiten Auftritt in Hofheim. Sie übernachtete sogar hier. Juden waren nicht mehr zugelassen.“ Bereits im März 1933 wurden die ersten jüdischen Männer verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert.

1936 wurde Röschen Reuss, die in Hofheim als erste eine Bank geführt hatte, öffentlich gedemütigt, weil sie nicht zur Wahl gegangen war. Agnes Seit aus Hofheim erinnert sich: „Es war an einem Dienstag, dem Säules-Markt in Hofheim. 'Ich habe nie gewählt', sagte Röschen Reuss immer und ging auch nicht zu dieser Wahl. An diesem Tag kam ein Bauer mit einem Wagen und lud Röschen Reuss auf. Hinten auf dem Rücken hing ein Schild mit der Aufschrift: 'Ich bin eine Volksverräterin'. Die Frau vom Truchseß in Wetzhausen war vor diesem Vorfall von Haus zu Haus gegangen, um die Leute auf das bevorstehende Spektakel hinzuweisen. Wir Kinder sahen, wie Röschen Reuss aufgeladen wurde. Es war morgens und auf dem Wagen war vorher frischer Mist gefahren worden. Die Jauche lief noch aus dem Wagen. Bei Uhls Haus stand der Bonze aus Wetzhausen mit seinen Leuten und ergötzte sich an dem Anblick. Ein Musikzug der Hitlerjugend ging mit Musik dem Wagen voran.“

1937 rollte die Gestapostelle Würzburg den Kindermord von Manau vom 17. März 1929 wieder auf. Festnahmen jüdischer Männer Hofheims erfolgten. Die Männer mussten aber mangels Beweisen wieder entlassen werden. 1938 kam mit dem Novemberpogrom, der sogenannten „Kristallnacht“, der vorläufige Höhepunkt von Diskriminierung, Verhaftung und Zwangsarbeit.

Im „Stürmer“ angeprangert

1939 wurde im Hetzblatt „Der Stürmer“ ein Hofheimer angeprangert: „Der Spediteur Stephan Valtenmeier von Hofheim in Mainfranken stellte zum Transport der toten Jüdin Rosenbach seinen Futterwagen zur Verfügung.“

Gesetze und Verordnungen schränkten das Leben und den jüdischen Alltag ein. Nach und nach verließen die jüdischen Einwohner die Stadt und zogen in andere deutsche Städte, wo sie sich sicher glaubten. Oder sie emigrierten in die Nachbarländer, wo sie später die Verfolgung einholte. Einigen gelang die Emigration in die USA. Anna Hirt erinnert sich: „Mein Vater kaufte von Familie Schloß vor deren Auswanderung in die USA Möbel und Inventar und gab ihnen das Geld für die Ausreise.“ Das Ehepaar Sigmund und Selma Schuster emigrierte auch in die USA.

Regina Schuster, die mit dem kaufmännischen Leiter der Korbfabrik Julius Schönthal verheiratet war, zog nach Bamberg. Weil die Stimmung in Hofheim so antisemitisch war, hatte man 1933 den Firmensitz nach Bamberg verlegt. Julius und Regina Schönthal wurden 1941 aus Bamberg in das Ghetto Riga deportiert. Ihre beiden Söhne emigrierten nach Südafrika und Großbritannien. Martin Schönthal, ein „feindlicher Ausländer“, wurde im Juli 1940 mit anderen jüdischen Flüchtlingen interniert und mit dem Schiff „Dunera“ nach Australien gebracht.

Die Familie David und Irma Sündermann, die am Markt ein Schuhgeschäft besessen hatte, zog nach Berlin, wo David Sündermann starb. Seine Frau wurde mit dem zwölfjährigen Sohn Heinz nach Warschau deportiert, wo sie verschollen sind.

Julius Mayer kam nach Kriegsende als Soldat der US-Armee mit seinem Bruder nach Deutschland. Seine Eltern waren in Luxemburg nach dem deutschen Überfall im Mai 1940 gefasst und im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden.

Nach Kriegsende kehrte nur eine Familie in ihr Haus in Hofheim zurück. Kommentar der damaligen Hausbewohner: „Die Araber hätten sie auch ruhig umbringen können.“

Nach dem verlorenen Krieg gab es wieder gesellschaftliches Leben, es gab wieder Fasching und Faschingsumzüge. Am Faschingsdienstag, 2. März 1954, wurde heimlich ein in Lendershausen aufgebauter Faschingswagen an den Hofheimer Faschingszug angehängt. Thomas Dietzel erinnert sich an den sinngemäßen Wortlaut, wie er ihm erzählt wurde: „Oppenheimer (benannt nach dem Weinort im Rheinland, Anmerkung der Redaktion) Wein stinkt und ist giftig.“ Die antisemitische Aufschrift richtete sich gegen die zurückgekehrte Familie. Die örtliche Zeitung, der „Bote vom Haßgau“, hat in seiner Ausgabe am 3. März nicht über den Zug berichtet.

Noch in den 50er Jahren war „Itzig“ ein Schimpfwort unter den Hofheimer Kindern. Sie benutzten es arglos, ohne um seine Herkunft aus der Nazipropaganda zu wissen. Und ein Zeitzeuge ließ nach dem Krieg wissen: „Keiner sprach über die Vorgänge. Aber jeder wusste Bescheid. Auch, wer die Denunzianten waren.“

Ein anderer Zeitzeuge berichtete Folgendes: „Für die Stadt Hofheim hatte der Lehrer Beck eine Kartei angelegt, in der für jeden Einwohner eine Karte mit Angaben über sein politisches Verhalten bis in alle Einzelheiten vorhanden war. Kurz bevor die Amerikaner einmarschierten, ließ er sie von zwei Jungen zu einem verlässlichen Nazi nach Lendershausen bringen und dort vergraben. Als die Amerikaner einmarschiert waren, erzählten die beiden Schüler davon. So kam die Kartei wieder ans Licht und wurde angeblich der Besatzungsmacht übergeben.“

Indes: Die Synagoge mit dem heute efeubewachsenen jüdischen Ritualbad (Mikwe) steht in der Kirchgasse 11 und erinnert an die jüdischen Bürger. Am 1. Januar 2011 feierte Hofheim das 150. Gründungsjahr des Turnvereins Lendershausen/Hofheim. Zu den Gründungsmitgliedern hatten 1861 in Lendershausen gehört: die jüdischen Bürger Seligmann Seligstein, H. Friedmann, M. Reus, M. L. Grausmann, S. Fleischmann, Israel G. Seligstein, Samuel Stern, G. Massmann, Seligmann M(ass)mann.

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