WONFURT

Radioaktiv verstrahltes Material bei Loacker?

Warnt vor Wechselwirkungen: Metalltoxikologe Peter Jennrich erklärte beim Infoabend im Wonfurt Pfarrsaal, dass sich Schwermetalle im menschlichen Körper anreichern und summieren können. Foto: Michael Mösslein

Die Bürgerinitiative (BI) „Lebenswertes Wonfurt“ wird im Lauf dieser Woche im Fall Loacker Anzeige erstatten wegen des Verdachts der „Vorteilsgewährung im Amt gegen Unbekannt“ und der „daraus entstandenen schweren Umweltverschmutzung und Gefährdung“ durch das Recyclingunternehmen. Dies kündigte die BI am Freitag während eines Infoabends im Pfarrsaal in Wonfurt an. Weiter veröffentlichte sie Hinweise, dass bei Loacker radioaktives verseuchtes Material angeliefert worden sein könnte.

Die angekündigte Anzeige würde sich gegen eine ganze Reihe von Behörden und deren Abteilungen richten. Neben dem Landratsamt Haßberge wären dies die Regierung von Unterfranken, das Wasserwirtschaftsamt Bad Kissingen, das Staatliche Bauamt Schweinfurt, das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) sowie die Gemeinde Wonfurt. Der Vorwurf der BI: Sie alle hätten dafür gesorgt, dass Loacker in Wonfurt jahrelang illegal Elektro- und Kabelschrott verarbeiten konnte – in einem Betrieb, der in dieser Form von den Aufsichtsbehörden nie hätte geduldet werden dürfen.

BI-Sprecher Peter Werner stellte eine Reihe Unterlagen vor, auf die die BI ihren Verdacht stützt. Es gebe noch mehr „Beweise“ für Verfehlungen der Behörden, erklärte er, diese wolle und könne die BI aber vor Erstatten der Anzeige nicht offenlegen. Aus Sicht der BI steht die Produktionshalle von Loacker zu nahe an der Staatsstraße 2275 (Wonfurt-Haßfurt). Gesetzlich gefordert – und im Jahr 2007 vom Staatlichen Straßenbauamt ausdrücklich auch so gefordert – wäre ein Mindestabstand von 20 Metern. Tatsächlich betrage der Abstand zwischen Halle und Straße nur 16,80 bis 17,30 Meter.

Vorwurf: Gutachter befangen

Ferner wirft die BI den Aufsichtsbehörden vor, dass Gutachter von TÜV Süd und Dekra verbotenerweise für Loacker Zertifikate als Entsorgungsfachbetrieb vergeben beziehungsweise Gutachten erstellt hätten, obwohl beide bereits Planung, Errichtung und Betrieb des Unternehmens unterstützt haben. „Es stellt sich hier auch die Frage der wirtschaftlichen Befangenheit“, meinte Werner. Das jüngste TÜV-Zertifikat für Loacker als anerkannter Entsorgungsfachbetrieb stammt vom Juli 2011 – zu einem Zeitpunkt, als dem Landratsamt Haßberge seit einem Monat Messergebnisse vorlagen, die auf einen extrem hohen Austritt von Giften bei Loacker hindeuten.

Bereits im Genehmigungsbescheid aus dem Jahr 2007 sei empfohlen worden, dass die Schrottverarbeitung bei Loacker möglichst als geschlossenes System ablaufen sollte. Diese Empfehlung sei in den Wind geschlagen worden, so die BI, obwohl das Landratsamt laut internem Vermerk von Beginn an die Gefahr erkannt habe, dass sich durch Staubverfrachtungen Schwermetalle in der Umgebung ablagern könnten. Weiter habe die Behörde die Anlagen nicht sorgfältig überwacht. So blieb die ungenehmigte Lagerung von Material (darunter vorgeschredderter Elektroschrott) im Freien auf dem Betriebsgelände ohne Folgen für Loacker.

Neu in der seit Monaten geführten Debatte um Loacker ist, dass seit Freitagabend auch die Frage im Raum steht, ob das Unternehmen radioaktiv verstrahltes Material verarbeitet hat – bewusst oder unbewusst. Die BI legte einen Auszug aus dem Jahresabschlussbericht 2010 des Unternehmens vor. Darin steht, dass „die Gefahr von unbeabsichtigter Weitergabe von radioaktiv verstrahltem Material“ durch „ständige Prüfung aller Eingänge“ reduziert würde. Dies war selbst dem im Pfarrsaal anwesenden Betriebsleiter von Loacker in Wonfurt neu, wie er öffentlich sagte. Er wisse nur von Stichproben mit Geigerzählern.

Gefährliche Wechselwirkungen

In einer Erklärung fordert die BI das Landratsamt auf, Loacker in Wonfurt unverzüglich per Anordnung erneut komplett stillzulegen. Ein unabhängiger Gutachter, der keiner Behörde angehört und nicht am Genehmigungsverfahren beteiligt war, solle prüfen, ob der Genehmigungsbescheid von 2007 überhaupt rechtsgültig ist. Und: Ein anerkannter, unabhängiger Toxikologe solle ein Gutachten zur Verseuchung von Wonfurt und umliegender Ortschaften erstellen. Das LfU und das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit lehnt die BI als Fachbehörden ab, da eine „objektive Beurteilung durch die Landesämter des Freistaates Bayern nicht zu erwarten“ sei. Hintergrund: Sollte es zu Schadensersatzforderungen erkrankter Bürger kommen, würden sich diese gegen den Freistaat richten. So sollte diesem jeder Einfluss auf Gutachter genommen werden, fordert die BI.

Während des Infoabends ging der Würzburger Arzt und Metalltoxikologe Peter Jennrich, der bei mindestens zwei Menschen aus Wonfurt Schwermetallvergiftungen festgestellt hat, der Frage nach, wie viel Gift ein Mensch verträgt. Am Beispiel von Blei, dem zweitschädlichsten Schwermetall, machte Jennrich deutlich, dass aus seiner Sicht – die auf mehrere medizinische Studien beruht – die größte Gefahr in den toxischen Wechselwirkungen besteht, die Einzelgifte im Körper auslösen. Hierzu müssten die jeweiligen Grenzwerte der einzelnen Metalle nicht einmal überschritten werden. Die Gefahr besteht in deren dauerhaften Aufnahme und Anreicherung im Menschen. Aus Vorsorge sollte deshalb auch von politisch Verantwortlichen alles unternommen werden, um eine Giftbelastung zu unterbinden.

Diakon Michael Nowak kündigte an, dass er Anzeige gegen Unbekannt erstatten werde, „wenn ich feststelle, ich bin vergiftet“. Möglichst viele Menschen sollten es ihm nachmachen, forderte der Kirchenvertreter auf, um ein deutliches Signal gegen Loacker zu setzen.

Die BI vermeldete, dass es Fortschritte gebe, was die Fahrt von Sonderbussen zur Loacker-Zentrale in Götzis (Österreich) angeht. Aus der dortigen Bürgerschaft gebe es mittlerweile Zusagen, eine solche Wonfurter Aktion zu unterstützen.

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