Schon früh gut motorisiert

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war der Steinbruchbetrieb Ankenbrand in Eltmann weit überdurchschnittlich mobil

Als 1886 Gottlieb Daimler und CarI Friedrich Benz sich an das Steuer ihrer Motorkutsche setzten, wobei das erste Auto seine Abstammung von einer Pferdedroschke nicht verleugnen konnte, konnte man nicht ahnen, dass innerhalb weniger Jahrzehnte der Besitz eins solchen Vehikels zum Statussymbol der Reichen werden würde. Das Auto war aber auch schon damals nicht nur Statussymbol, gerade Ärzte, Händler und Handwerker waren für das neue Verkehrsmittel dankbar.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren die Automobile schon so verbreitet, dass in München ein cleverer Rechtspraktikant namens Dachs – seinen Vornamen Georg hat er verschwiegen – auf die Idee kam, für das Königreich Bayern ein Buch mit einem Verzeichnis der Kraftfahrzeugbesitzer herauszugeben. Das Buch, 465 Seiten stark und in Leinen gebunden, kam 1913 heraus. Benutzerfreundlich sind die runden Registertasten, geordnet nach Kreisen (Regierungsbezirken). Das Buch entsprach sicher einem Bedürfnis, liest es sich doch wie ein Honoratiorenverzeichnis. Besonders amüsant lesen sich die Ausführungen des Herausgebers, die sich auf die Verkehrserziehung beziehen. Unter anderem lässt er wissen: „Für einen vorsichtigen, gewiegten Fahrer gibt es bekanntlich nur eine furchtbare Gefahr: das ist die Unfähigkeit oder ein Fahrfehler des begegnenden Kraftwagenlenkers.“

Vor dem Ersten Weltkrieg war jedes Auto weitgehend eine Handanfertigung und im Verhältnis zu den Durchschnittseinkommen unerschwinglich teuer. Wer ein Fahrzeug sich leisten konnte, hatte von Haus aus ein gutes Einkommen. Streckenweise liest sich das Anschriftenverzeichnis der Kraftfahrzeugbesitzer wie ein Adelskalender oder eine Fabrikantenliste.

Die Motorisierung nach der Jahrhundertwende erforderte es, 1906 im Deutschen Reich einheitliche Kraftfahrzeugkennzeichen auszugeben. Mit der Einführung der Kraftfahrzeugkennzeichen wurde auch der Rechtsverkehr verbindlich.

Die vier Königreiche erhielten römische Ziffern, entsprechend der Größe der Bundesstaaten: Preußen also die Nummer I, Bayern die II, Württemberg die III (mit Buchstaben zum Beispiel III T = Mergentheim) und Sachsen die I-V für die fünf Kreishauptmannschaften (ohne Buchstaben). Die übrigen Länder erhielten nur Buchstaben. Fahrzeuge des königlichen Hofs waren in allen Bundesstaaten nur durch eine Krone gekennzeichnet. Von 1910 bis 1919 hatten im Königreich Bayern Militärfahrzeuge das Kennzeichen II M. Diese Sonder-Kennzeichen galten bis zum Ende der Monarchie 1918/20, die privaten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Im Dritten Reich gab es Sondernummern wie RP (= Reichspost) und nach der Wiederaufrüstung wie WH (= Wehrmacht Heer), WL (= Wehrmacht Luftwaffe) und SS (in Runen geschrieben). Die Wehrmacht mit ihrem riesigen Kraftfahrzeugbestand hatte im Zweiten Weltkrieg sechsstellige Ziffern, was bis zum „Endsieg“ und danach 999 999 Zulassungen erlaubt hätte. Das Kennzeichen „SS“ gab es schon zu Kaiserzeiten, es bezeichnete ganz harmlos das Fürstentum Schwarzburg-Sonderhausen, das nach dem Zusammenschluss zum Freistaat Thüringen 1920 das Kennzeichen „T“ (ab 1922 "Th") erhielt.

Die Nummer I A (= Berlin) wurde ein fester Begriff, es gab sogar einen Film „I A in Oberbayern“. Konsequent war das Kennzeichen II A für München, II B war Oberbayern. Die übrigen Kreise (Regierungsbezirke) hatten Buchstaben, die nichts mit dem Namen des Kreises zu tun hatten, zum Beispiel stand II H für Oberfranken. Nur beim Kreis Unterfranken stimmten der Name und das Kennzeichen überein: II U.

Interessant ist, dass vor dem Ersten Weltkrieg für ganz Unterfranken nur 999 Nummern vorgesehen waren, was bedeutet, dass die einzelnen Nummern nur dreistellig waren. Wie aber ein Nachtrag bei Dachs zeigt, hat man für weitere Fahrzeuge in Bad Kissingen bereits 1913 vierstellige Nummern ausgegeben. In den folgenden Jahren reichten auch 9999 Nummern für Unterfranken nicht mehr aus. Zuletzt gab es fünfstellige Nummern, theoretisch für 99 999 Fahrzeuge.

Im Bereich des Bezirksamts Haßfurt waren 1913/14 fast 30 Kraftfahrzeuge gemeldet, ein erstaunlicher Grad der Motorisierung. Bei den Bezirksämtern Hammelburg und Mellrichstadt waren damals nämlich nur zwei beziehungsweise vier Kraftfahrzeuge gemeldet. Auch in der kreisfreien Stadt Kissingen gab es um 1913 nur 15 Kraftfahrzeuge, die Kfz-Dichte war somit nur die Hälfte der des Bezirksamts Haßfurt. Allerdings bestand die Hälfte der Kraftfahrzeuge aus KR, Motorrädern, wie man heute sagt. Weit überdurchschnittlich motorisiert war der Steinbruchbetrieb Ankenbrand in Eltmann mit einem Lkw und zwei Pkw. Und der praktische Arzt Dr. Ferdinand Albert hatte zwei Pkw und ein Motorrad. Auffällig ist die Zahl der motorisierten Beamten, auch wenn sie zum Teil nur ein Motorrad fuhren.

Dank des Fotoarchivs von Ludwig Leisentritt (Zeil), der für die Heimatzeitungen den umfangreichen Beitrag „Der holperige Siegeszug des Automobils in unserer Heimat“ geschrieben hat, können zwei Autos aus der Liste im Bild vorgestellt werden.

Im Bezirksamtsbereich Ebern war die Zahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge nur halb so hoch wie in Haßfurt, trotzdem im unterfränkischen Vergleich relativ stattlich. Eine Besonderheit fällt bei Ebern auf: Die damalige Zulassungsstelle hat mehrmals Nummern doppelt vergeben, allerdings nur dann, wenn es sich um einen Pkw und um ein Motorrad handelte.

Sozialtypisch ist, dass keiner der Adeligen – der heutige Landkreis Haßberge hat in Unterfranken die größte Dichte an Adeligen mit großer Familientradition – ein Kraftfahrzeug besaß. Man fuhr nach alter Tradition mit der Kutsche. Vielleicht sah man den Besitz eines Autos als Zeichen eines snobistischen Geschmacks von Emporkömmlingen.

Im Vergleich mit dem sonstigen örtlichen Unterfranken war auch der Bezirk Hofheim 1913 relativ gut motorisiert. Beim Bezirk Hofheim fällt auf, dass fast der gesamte Kfz-Bestand in Hofheim selbst stationiert war. Das flache Land war wenig motorisiert. Der praktische Arzt Dr. Diem, der mit einem Motorrad angefangen hat, hat im Berichtszeitraum sich auch noch einen Pkw zugelegt.

Rechtspraktikant Georg Dachs hat übersehen, dass es beim Bezirk Hofheim eine Exklave des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha mit Sitz in Königsberg gab. Wenn er vom Bezirksamt Hofheim den Kraftfahrzeugbestand sich hat geben lassen, hat dieses naturgemäß nicht über die benachbarte coburgische Enklave berichtet.

Bei der von der Reichsverwaltung 1906 geplanten Vergabe von Kennzeichen sollte das Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha das Kennzeichen KG (wie heute Bad Kissingen) erhalten. In Berlin schrieb man nämlich „Koburg“, während man im Herzogtum die etwas vornehmere Version mit C bevorzugte. Schließlich klingt Carl etwas gebildeter als Karl. Es war nicht festzustellen, ob die Reichsverwaltung auf Protest aus Coburg ihren Vorschlag änderte oder ob man im Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha einfach Kennzeichen mit CG ausgab. Als sich dann 1920 der Freistaat Coburg an Bayern anschloss, wurde er dem Regierungsbezirk Oberfranken angegliedert und bekam damit das Autokennzeichen II H. Die Coburgische Exklave Königsberg mit der Stadt Königsberg sowie den Gemeinden Altershausen, Dörflis, Erlsdorf, Hellingen, Kottenbrunn und Nassach wurde dem Bezirk Hofheim im Kreis Unterfranken zugeordnet und hatte damit das Autokennzeichen II U. Im Stadtarchiv Königsberg fand sich jedoch kein Foto mit einem Auto mit den Kennzeichen CG oder II U.

Oben: Das Kennzeichen II U 392 verrät, dass das Gefährt dem praktischen Arzt Dr. Ferdinand Albert gehört, der sich bei einem Umzug verpflichtet sah, als Arzt für „Kathreiners Malzkaffee“ zu werben; unten: auch dieser Wagen gehörte Dr. Ferdinand Albert.
Unikat: Der einzige Lastwagen im Bezirk Haßfurt mit dem Kennzeichen II U 408 gehörte weiland dem Steinbruchbesitzer Michael Ankenbrand in Eltmann. Der hatte sich nach der Aufschrift auf der Postkarte auf die Fertigung von Schleifsteinen aus dem feinkörnigen Sandstein spezialisiert. Foto: Archiv/Werner Eberth

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