MAROLDSWEISACH

Spuren der RAF im Haßgau und im Grabfeld

Am 12. November 1977 – vor 30 Jahren – erhängte sich Ingrid Schubert in ihrer Zelle im Gefängnis München-Stadelheim. Sie gehörte zur ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF), wurde in Ebern geboren und wuchs in Maroldsweisach auf. Sie wurde nur 33 Jahre alt. Eine Spurensuche.
Ingrid Schubert, RAF-Terroristin der ersten Stunde, erhängte sich vor 30 Jahren am 12. November 1977 in ihrer Zelle in M... Foto: FOTO dpa

Kaum jemand kann sich in Maroldsweisach an Ingrid Schubert erinnern. „Ach Gott“, sagt Altbürgermeister Ottomar Welz, „das ist doch so lange her“. Er weiß, dass sie in Maroldsweisach im Kernort gewohnt und dort ihre ersten Lebensjahre verbracht hat. Anfang der 50er Jahre sei sie aber mit ihren Eltern weggezogen. „Ich glaube nach Düsseldorf“, meinte er, „weil der Vater dort eine Arbeit bekommen hat.“

Sicher ist sich Welz: „Verwandtschaft von ihr gibt es hier keine, sie war ja mit ihren Eltern nur ein paar Jahre da.“ Welz vermutet, dass ihre Eltern aufgrund des Krieges nach Maroldsweisach geflüchtet sind, denn geboren wurde Ingrid Schubert im Jahre 1944 in Ebern. „Ich kann mich an ein kleines, hübsches Mädchen erinnern“, sagt Zeitzeuge Ottomar Welz, mehr Erinnerung habe er nicht.

Weiter bekannt von Ingrid Schubert ist, dass sie in Berlin Medizin studiert hat. Im März 1970 hatte sie sogar an der Freien Universität Berlin mit der Note gut abgeschlossen, doch da hatte sie sich wohl schon längst von einem bürgerlichen Leben verabschiedet. Im Mai 1970 nahm sie maßgeblich an der Befreiung von Andreas Baader teil, der wegen eines Kaufhaus-Brandanschlages in Frankfurt verhaftet worden war. Weil dabei ein Mann durch eine Schusswaffe schwer verletzt wurde, gilt dieses Ereignis gemeinhin als die Geburtsstunde der RAF. Im Sommer 1970 ließ sich Schubert mit etwa 20 anderen in einem Camp der Al Fatah in Jordanien militärisch ausbilden. Sie trug RAF-intern die Decknamen Irene und Nina.

Nur noch von kurzer Dauer war daraufhin ihr Leben in der Freiheit. Im September 1970 steuerte sie einen Fluchtwagen bei einem Banküberfall auf eine Sparkasse in Berlin. Ihr wurde nachgewiesen, dass sie noch an mindestens zwei weiteren Banküberfällen beteiligt war. Im Oktober 1970 wurde Schubert schließlich zusammen mit Horst Mahler, Brigitte Asdonk und Irene Goergens in Berlin verhaftet. Im April 1971 wurde sie wegen der Baader-Befreiung, Mordversuchs und mehrerer Banküberfälle zu 13 Jahren Haft verurteilt.

Von 1973 bis 1977 war sie zusammen mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe, Irmgard Möller und Brigitte Mohnhaupt im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart inhaftiert und nahm an mehreren Hungerstreiks teil. Im Deutschen Herbst versuchte die zweite Generation der RAF vergeblich, Schubert und andere aus der Haft freizupressen. Kurz nach dem Tod der RAF-Spitze in der so genannten Todesnacht von Stammheim starb Ingrid Schubert am 12. November 1977 in der JVA München-Stadelheim ebenfalls durch Suizid. Sie erhängte sich in ihrer Zelle.

Im Oktober 1986 taucht ihr Name noch einmal im Zusammenhang mit der RAF auf: Zum Anschlag auf Gerold von Braunmühl, Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, bekennt sich das „Kommando Ingrid Schubert“. Gerold von Braunmühl wurde vor seinem Wohnsitz in Bonn von zwei Personen erschossen.

Schubert ist nicht die einzige Terroristin, die in der Region ihre Spuren hinterlassen hat. Auch Sieglinde Hofmann ist in Bad Königshofen aufgewachsen. Sie gehörte zu den führenden Köpfen der zweiten Generation der RAF. Maßgeblich beteiligt war sie unter anderem an der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im Herbst 1977.

Auch Andreas Baader kannte Bad Königshofen. In den 50er Jahren besuchte er dort das Gymnasium und wohnte im Melanchthon-Heim. Er soll ein intelligenter, aber frecher und aufsässiger Schüler gewesen sein. Nach der Grundschule habe er immer wieder die Schulen wechseln müssen. Auch in Bad Königshofen blieb es bei einem kurzen Gastspiel. Nach etwa einem Jahr verließ er das Gymnasium und kehrte später zurück zu seiner Mutter nach München. Dort endete seine Schullaufbahn: in der Oberstufe flog er von der Schule.

Andreas Baader besuchte in seiner Jugendzeit das Gymnasium Bad Königshofen und wohnte im früheren Melanchton-Heim. Foto: FOTO DPA

Sieglinde Hofmann ist in Bad Königshofen aufgewachsen, besuchte dort die Schule und absolvierte eine Ausbildung zur Arzthelferin. „Ein sehr intelligentes Mädchen“, erinnert sich ihre ehemalige Chefin Käte Hügelschäffer. „Klein, schmal, unscheinbar, sehr beliebt“, beschreibt Hartmut Knahn Sieglinde Hofmann. Er besuchte mit ihr Anfang der 60er Jahre einen Tanzkurs in Bad Königshofen. Nachdem sie ihre Ausbildung zur Arzthelferin abgeschlossen hatte, schloss sie eine weitere an. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Fürsorgerin, die sie mit dem Staatsexamen beendete.

Das Staatsexamen ermöglichte Sieglinde Hofmann die Chance, zu studieren. Sie ging an die Uni nach Heidelberg und schloss sich dem „Sozialistischen Patientenkollektiv“ (SPK) an, einer Gruppe um Dr. Wolfgang Huber, wissenschaftlicher Assistent an der psychiatrisch-neurologischen Universitätsklinik in Heidelberg. Etwa ein Dutzend aus dem Umfeld des SPK wechselte später zur RAF und wurde Teil der zweiten Generation. Darunter auch Sieglinde Hofmann. Während ihres Studiums in Heidelberg sei sie noch ein paar Mal in Bad Königshofen gewesen, sagt Hügelschäffer. Dann verschwand Sieglinde Hofmann im Untergrund.

Nach der Schleyer-Entführung taucht Sieglinde Hofmann zunächst im Nahen Osten unter. 1979 ist sie beteiligt am Anschlag auf NATO-Oberbefehlshaber Alexander Haig. Ein Jahr später wird sie in Paris verhaftet und zu 15 Jahren, 1995 noch einmal zu lebenslanger Haft verurteilt.

Sieglinde Hofmann (Polizeifoto von 1981) stammt aus Bad Königshofen und war an der Schleyer-Entführung beteiligt. Foto: FOTO DPA

Nach Bad Königshofen kehrte sie Anfang der 90er Jahre zurück, als Gefangene. „Sie wollte ihre Mutter besuchen, die zu uns ins Spital kam“, erinnert sich Roland Schunk, Spitalverwalter und Heimleiter im Julius- und Elisabethaspital in Bad Königshofen. Ursprünglich war geplant, Sieglinde Hofmann mit dem Auto nach Bad Königshofen zu bringen. Doch das wurde als zu gefährlich angesehen. So flog man sie mit dem Hubschrauber ein. Das Spital war streng bewacht. „Im und um das Haus waren Beamte von GSG 9 und Polizei“, so Schunk. Auch die Straße war zum Teil abgesperrt.

„Ich kannte Sieglinde schon als kleines Mädchen“, erinnert sich Schunk. „Sie war das Nesthäkchen der Familie, freundlich, liebenswert. Ich hätte mich gerne einmal mit ihr über die ganze Sache unterhalten“, sagt er. Doch nach wenigen Stunden war der Besuch beendet. Sieglinde Hofmann musste zurück ins Gefängnis. Erst Ende der 90er Jahre wird sie nach 19 Jahren Haft auf Bewährung entlassen. Heute soll sie im Rheinland leben.

 

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