KREIS HASSBERGE

Stromtrasse rückt näher

Auch der zweite Entwurf des Netzentwicklungsplans 2025 enthält die in der Region heftig umstrittene Stromleitung von Schalkau nach Grafenrheinfeld. Der Bundestag entscheidet Ende des Jahres über den Bau.
Keine Frage: Freileitungen zerschneiden Landschaften, wie es diese Stromtrasse zwischen Steinsfeld und Oberschwappach veranschaulicht.
Keine Frage: Freileitungen zerschneiden Landschaften, wie es diese Stromtrasse zwischen Steinsfeld und Oberschwappach veranschaulicht. Foto: René Ruprecht

Alles Murren gegen die von Netzbetreibern geplante zusätzliche Stromtrasse P44 hat vorerst nicht gefruchtet. In dem jüngst von Stromnetzbetreibern veröffentlichten zweiten, überarbeiteten Entwurf des Netzentwicklungsplans (NEP) Strom 2025 ist die Trasse von Schalkau in Thüringen nach Grafenrheinfeld ebenso enthalten, wie die Alternative P44mod, die den Ausbau einer bestehenden Stromtrasse von Schalkau nach Ludersheim bei Altdorf in Mittelfranken vorsieht (siehe Grafik).

Gegen das Vorhaben P44 regt sich seit dessen Bekanntwerden Widerstand innerhalb eines Korridors, der quasi den kompletten Naturpark Haßberge sowie Teile des Landkreises Coburg umfasst, und weiter durch den Haßbergkreis, das Maintal entlang bis in den Raum Schweinfurt führt. Innerhalb dieses Territoriums würden neue Strommasten errichtet werden – sollte P44 tatsächlich umgesetzt werden. Mit Beifall begrüßt das Projekt, das das Landschaftsbild erheblich beeinträchtigen würde, innerhalb des betroffenen Bereichs wohl niemand. Die große Mehrheit der Einwohner lehnt die Trasse ganz klar ab. Dasselbe gilt fraktionsübergreifend für die Lokalpolitik.

„Von Coburg bis Schweinfurt ist die politischer Meinung in dieser Sache ganz klar“, meint der Maroldsweisacher Bürgermeister Wolfram Thein, dessen Gemeinde aller Voraussicht nach zu den „Opfern“ einer Wirklichkeit gewordenen Stromtrasse P44 zählen würde. Trotz des auf den ersten Blick ernüchternden zweiten Entwurfs zum NEP 2025 wehrt sich Thein auf Nachfrage dieser Redaktion gegen den Einwand, der bisherige Widerstand habe offensichtlich nichts gebracht. Er stellt er fest: „Letztendlich entscheidet der Bundestag darüber.“

Damit hat er völlig Recht. Endgültig festgelegt ist bei den Stromtrassenplänen noch lange nichts. Der aktuelle Stand des Netzentwicklungsplans spiegelt lediglich die Vorschläge der Übertragungsnetzbetreiber (50Hertz, Amprion, TenneT, TransnetBW) wider, wie sie sich den durch die Energiewende notwendig gewordenen Netzausbau in Deutschland wünschen. Hierzu haben sie eigenen Angaben nach über 15 600 Anmerkungen und Stellungnahmen – von Verbänden, Bürgern und politischen Verbünden – berücksichtigt, die nach dem ersten Entwurf des NEP 2025 eingegangen waren. Eine beeindruckende Zahl, wenngleich diese laut Bundesnetzagentur deutlich unter der Zahl vergangener Jahre liegt, und neben dem NEP für Stromtrassen im Landesinneren auch die Pläne für Offshore-Anlagen zum Anschluss von Windkraftanlagen auf dem Meer beinhaltet.

Gut 5600 der deutschlandweit eingegangenen Stellungnahmen zum NEP 2025 beziehen sich auf P44 und P44mod, berichtet Markus Lieberknecht, Pressesprecher des Netzbetreibers TenneT in Bayreuth. Dies deutet auf die Brisanz hin, die in dem Vorhaben aus Sicht der Betroffenen steckt. Die Politik hat dies seit Längerem erkannt. Deshalb wurden die Netzbetreiber überhaupt erst angehalten, parallel zu P44 die Alternative Lösung P44mod zu entwickeln, die ab der thüringisch-bayerischen Landesgrenze bei Schalkau den Ausbau einer Bestandstrasse bis Ludersheim vorsieht. Diese umschifft zwar das gefährlichste Riff, den P44 aus Sicht der Netzbetreiber aufweist, nämlich den heftig umstrittenen Neubau riesiger Strommasten, die die Landschaft durchpflügen. Doch die Trasse P44mod ist 50 Kilometer länger als die Neubau-Variante.

Maroldsweisach Bürgermeister Thein wirft den Netzbetreibern deshalb vor, mit P44mod lediglich alibimäßig eine Alternative vorgelegt zu haben, die eigentlich nur unterstreichen soll, dass P44 unausweichlich ist. Weitere Alternativen, so Thein, seien bislang nicht ernsthaft berücksichtigt worden. Er hofft, dass Politiker des Bundestags dies ebenfalls erkennen und die Vorlage weiterer Ersatzvorschläge zu P44 verlangen.

Wie realistisch dies ist, lässt sich heute schwer beurteilen. Die Bundesnetzagentur wird in den kommenden Wochen den überarbeiteten NEP 2025 „sorgfältig prüfen“, wie sie mitteilt. Anschließend wird diese ihre Ergebnisse vorlegen, die jedoch ebenfalls nur vorläufig sind. Voraussichtlich im Sommer dieses Jahres startet dann eine zweite Konsultationsrunde, an deren Ende im vierten Quartal 2016 die „abschließende Bestätigung“ des NEP Strom 2025 erfolgen soll, wie die Netzagentur es vorsieht.

Dann folgt ein Bundestagsbeschluss zum Bundesbedarfsplangesetz. Erst anschließend kommt es zum sogenannten Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren, schildert TenneT-Pressesprecher Lieberknecht das Prozedere. In diesem Stadium wird der Netzbetreiber mit den Menschen, Verbänden und Politikern in den vom etwaigen Trassenbau betroffenen Landstrichen „natürlich austauschen“ – und nach Lösungen suchen. Dass dies kein leichtes Unterfangen werden könnte, dürfte jedem klar sein. Deshalb erscheint es nicht unlogisch, dass der NEP zur Inbetriebnahme von P44 von vornherein die Jahre 2024/25 anvisiert und keinen früheren Zeitpunkt.

Es wird viel Überzeugungskraft brauchen, die Menschen vor Ort von der Notwendigkeit einer zusätzlichen Stromtrasse zu überzeugen. Denn: „Wir haben nichts vom Stromtransport durch unseren Landkreis“, sagt etwa Bürgermeister Thein. Stattdessen sei es für die Gemeinden und den Landkreis „nicht wünschenswert“, dass der Naturpark Haßberge von einer Stromtrasse durchschnitten wird. Der in den vergangenen Jahren mit viel Aufwand betriebene Landschaftsschutz sowie der Ausbau des sanften Tourismus, mit Burgenwinkel und naturnahen Aussichten, ist mit Strommasten wohl kaum in Einklang zu bringen.

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