HAßFURT

„Todesurteil“ für den Bürgermeister

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Per Computer wurden anonyme Schreiben an Haßfurter Politiker verfasst, in denen ihnen gedroht wird. Foto: Silas Stein (dpa)

Im Namen des Volkes“ steht über dem Brief, unterzeichnet ist das per Computer erstellte Schreiben mit „National Sozialistischer Untergrund“. Dazwischen: Eine Ansammlung von fremdenfeindlichen und antisemitischen Parolen, die in der unverhohlenen Drohung gipfeln: „Volksverräter. . . Sie werden mit dem Tode bestraft!“

„Da denkt man an seine Familie“

Als Bürgermeister hat man ein dickes Fell, aber als er diese Zeilen las, blieb Günther Werner, Bürgermeister der Kreisstadt Haßfurt, nicht gelassen. „Es ist nicht so, dass ich für mich persönlich Angst verspüre. Aber unweigerlich denkt man da an seine Familie. Man kann ja einfach nicht einschätzen, wie ernst man so etwas nehmen muss.“

Sehr ernst, meint die Polizei. Die Staatsschutzabteilung der Kriminalpolizei in Schweinfurt ermittelt, das Landeskriminalamt ist mit dem Fall befasst, wie die Pressestelle des Präsidiums in Würzburg bestätigt hat. Und dies unter anderem auch, weil der „Fall Werner“ eben kein Einzelfall ist. Denn neben dem Haßfurter Bürgermeister, der der Wählergemeinschaft angehört, haben mindestens acht Mitglieder des Stadtrates, quer durch alle Fraktionen, gleichlautende Briefe erhalten.

Sie landeten in per Hand beschrifteten Kuverts in den privaten Briefkästen der Politiker. Auch das spricht für die kriminelle Energie und Ortskenntnis des Täters: Nicht von allen Mitgliedern des Stadtrates sind die Privatadressen ohne Weiteres zu finden.

Erinnerung an Fall in Schweinfurt

Das erinnert an einen Fall im November 2017 in der Haßfurter Nachbarstadt Schweinfurt. Alle 44 Mitglieder des Schweinfurter Stadtrates hatten privat Post bekommen: „Aufforderung zur Ausreise“ stand über dem maschinell erstellten Schreiben, das offenbar bewusst einen amtlichen Anschein haben sollte wie das „Urteil“ in Haßfurt.

Ähnlichkeiten in der Typografie

In Schweinfurt bezog sich der Verfasser wie in Haßfurt auf die Hilfe für Flüchtlinge; er schrieb von „ausländischen Parasiten“, „Judenpack“ und drohte: „Abschaum wie sie sollte man sofort an die Wand stellen oder in eine Gaskammer stecken. . . . Auf unserer Liste stehen sie ganz oben. Wir kriegen dich.“

Anders als der Brief in Haßfurt war der in Schweinfurt nicht unterschrieben, in vielem aber gleichen sich die beiden Schreiben bis hin zur Typografie. Beide Briefe ähneln sich durch Fehler in der Rechtschreibung und durch die Wortwahl, die dem rechten Spektrum zuzuordnen ist, auch wenn das für die Polizei (noch) nicht eindeutig ist. Das mit dem „National Sozialistischen Untergrund“ freilich ist eindeutig der Fantasie des Verfassers entsprungen.

Volksverhetzung und Bedrohung

Klar ist der Zusammenhang mit der Unterbringung von Flüchtlingen. Der Unbekannte in Haßfurt schreibt von „Überfremdung“, die „Beihilfe zum Völkermord“ sei. Der Satz, Bürgermeister und Stadtrat würden „Terroristen“ unterstützen, indem sie sie „im Pfarrhaus der Gemeinde“ unterbringen, bezieht sich konkret auf das Kirchenasyl, das die evangelische Pfarrerin Doris Otminghaus im März 2017 von der Abschiebung bedrohten Flüchtlingen gewährt hatte. Der Fall hatte landesweit Aufsehen erregt, und auch die Pfarrerin sah sich Anfeindungen ausgesetzt. Später wurde sie für ihre Zivilcourage mit dem Pro-Asyl-Menschenrechtspreis geehrt.

Die Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung und Bedrohung gegen unbekannt. Einen konkreten Verdacht habe man noch nicht, so ein Sprecher.

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