HASSFURT (MW)

Unter Drogen einfach nichts mehr auf die Reihe gebracht

Wenn man tief im Drogensumpf steckt, bekommt man oft einfachste Dinge nicht mehr auf die Reihe. Das zeigte auch die Verhandlung vor dem Jugendrichter des Amtsgerichts. Ein 21-Jähriger, momentan eine Drogentherapie in Schloss Eichelsdorf, musste vor dem Kadi erscheinen, weil er viermal beim Schwarzfahren in der Münchner U-Bahn erwischt worden war. Das Verfahren wurde auf Anregung von Jugendgerichtshelfer Franz Heinrich eingestellt, als Auflage muss der junge Mann 100 Euro bezahlen. Eine Rechtsreferendarin verlas im Auftrag der Bamberger Staatsanwaltschaft die Anklageschrift. In der strafrechtlichen Terminologie nennt man das Schwarzfahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln „Erschleichen von Leistungen“. Erstmalig ertappte man den Angeklagten am 9. Dezember 2014, das letzte Mal fast ein Jahr später am 13. November 2015. Insgesamt sind vier Fälle aktenkundig, was aber nur die Spitze des Eisbergs ist. Die Fahrten erfolgten zumeist in der Münchner Innenstadt. Der dabei entstandene Schaden betrug 10,70 Euro. Auf die Frage von Jugendrichter Martin Kober, ob er sich zur Sache äußern wolle, gestand der Heranwachsende die Taten, ohne irgendwie um den heißen Brei herumzureden. Auch die Suche nach dem Motiv dauerte nicht lange. Der Schwarzfahrer gab an, damals unter Drogen gestanden und dadurch „die Realität nur verschwommen“ wahrgenommen zu haben.

Da es sich um eine Verhandlung vor dem Jugendgericht handelte, beleuchtete Sozialpädagoge Heinrich den persönlichen schulischen und beruflichen Werdegang des Beschuldigten. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in der Oberpfalz, litt er unter innerfamiliären Spannungen und Brüchen. Vor allem die Trennung seiner Eltern, die er als Achtjähriger miterlebte, machte ihm schwer zu schaffen. Er verblieb bei seiner Mutter, die bald einen neuen Lebensgefährten fand. Als der Jugendliche zu dem Stiefvater eine enge emotionale Bindung aufbaute, schien alles gut zu werden. Doch nachdem die Beziehung seiner Mutter mit ihrem neuen Lebensgefährten abrupt den Bach runterging, brach für die Jungen wieder eine Welt zusammen.

Dermaßen traumatisiert, schlitterte er schon frühzeitig mit zwölf Jahren ins Drogenmilieu. Nach der Schule sah es so aus, als ob er doch noch die Kurve kriegt, denn er startete eine Lehre bei BMW in München. Doch mitsamt seiner Freundin landete er alsbald erneut in Rauschgiftkreisen. Wie er damals drauf war, lässt sich unschwer daran erkennen, dass der Arbeitgeber die Tickets des Münchner Verkehrs-Verbandes erstattet hätte, wären sie ihm vorgelegt worden. Aber der Ex-Junkie brachte in seinem Zustand nicht mal die einfachsten Dinge auf die Reihe.

Seit dem 5. September letzten Jahres befindet sich der Mann nun in stationärer Therapie. Die stationäre Maßnahme in Schloss Eichelsdorf wird noch etwa vier Monate dauern. Der Vorsitzende und die Vertreterin der Anklage stimmten dem Vorschlag des Pädagogen zu und stellten das Verfahren gegen die oben genannte Geldauflage ein. Über die 100 Euro darf sich der Jugendhilfefonds Haßberge freuen.

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