KREIS HASSBERGE

Vom Feldweg zur Datenautobahn

Hochkarätige Vertreter aus Politik und Wirtschaft diskutieren in Haßfurt über die Wege zum digitalen ländlichen Raum. Vom Interesse der hiesigen Unternehmer war Landrat Wilhelm Schneider enttäuscht.
Auf der Datenautobahn.
Auf der Datenautobahn.

Es klingt durchaus ein bisschen nach schöner neuer Welt, was das Publikum beim Infotag „Der digitale ländliche Raum“ in Haßfurt zu hören bekam: Die Industrie 4.0 vernetzt die gesamte Wirtschaft, Handy-Apps helfen dem Landwirt bei Ernte und Tierhaltung und E-Government im Rathaus bringt den Stadtrat ins Wohnzimmer. Die Chancen, die die technische Entwicklung für Wirtschaft und Bevölkerung mit sich bringt, sind vielfältig, so die einhellige Meinung unter den hochkarätigen Referenten aus Politik und IT-Wirtschaft. Diese haben in Fachvorträgen wichtige Impulse für die Digitalisierung im ländlichen Raum gesetzt und klargemacht: Der digitale Wandel ist mittlerweile keine Zukunftsmusik mehr, sondern alltägliche Realität.

Kaum Vertreter der regionalen Wirtschaft

Einzig die wesentliche Zielgruppe der Veranstaltung, Vertreter der lokalen Wirtschaft, sah Landrat Wilhelm Schneider zu seiner Enttäuschung stark unterrepräsentiert, wie er sagte. Denn gerade für sie hätten die besprochenen Themen durchaus anregend sein können, um für den digitalen Wandel gerüstet zu sein. Schließlich ist eine Breitbandanbindung für die Wirtschaft schon lange kein Standortvorteil mehr, sondern eine unabdingbare Grundausstattung. Die Versorgung mit schnellem Internet gehöre genauso zur Daseinsvorsorge „wie die Versorgung mit Wasser und Strom“, sagte Landrat Schneider.

Die Datenautobahn ist trotzdem noch längst nicht bei allen angekommen. Mit rund 1,5 Milliarden Euro fördert der Freistaat den Ausbau des schnellen Internets. Bis 2017 will Bayern flächendeckend mit schnellem Internet versorgt sein. Das bekräftigte die Initiatorin des Infotages, Dorothee Bär, und verwies auf die in der bayerischen Verfassung festgeschriebene Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in urbanem und ländlichem Umfeld.

Die internetaffine Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hatte passend zum Thema einen eigenen Twitter-Hashtag für die Veranstaltung ausgerufen. Unter „#dilara“ – eine Abkürzung für „Digitaler ländlicher Raum“ – konnten die Zuschauer noch während der Vorträge im sozialen Netzwerk das Gesagte kommentieren. So wurde beispielsweise Bärs Aussage, dass eine Breitbandleitung mit 50 Megabit pro Sekunde „der Feldweg der Digitalisierung“ sei, direkt von einem Zuschauer auf Twitter verewigt.

Breitbandausbau reicht nicht

Aber die Verkabelung des ländlichen Raumes alleine macht die Digitalisierung noch lange nicht zur Erfolgsgeschichte. Dorothee Bär appellierte an die Gäste, zu überlegen wie jeder die Digitalisierung am besten für sich nutzen kann: „Was machen wir dann mit dem schnellen Internet? Welche Inhalte wollen wir?“

Anregungen für mögliche Inhalte, davon konnten die Referenten viele geben. So waren mit Isa Sonnenfeld und Eva Maria Kirschsieper Vertreter der Internetriesen Twitter und Facebook vor Ort, die die Bedeutung ihrer Netzwerke gerade im ländlichen Raum herausstellten. Außerdem berichtete Christian Geiger, der in Ulm mit „Ulm 2.0“ ein erfolgreiches Pilotprojekt zur digitalisierten Verwaltung mitverantwortet, von seinen Erfahrungen mit digitaler Bürgerbeteiligung. So können Bürger auf einer Karte direkt einsehen, in welcher Kita noch Plätze frei sind oder sich durch einen optisch dargestellten Haushaltsplan klicken, um auf einen Blick zu sehen, wofür wie viel Geld ausgegeben wird.

Das Denken verändern

Für die meiste Euphorie, sowie für ebenso viel Skepsis, dürfte Professor Wolfgang Henseler gesorgt haben. Der Produktgestalter arbeitet für die Sensory Minds GmbH, ein „Designstudio für Neue Medien und innovative Technologien“, wie es auf der Internetseite der Firma heißt. Wolfgang Henseler forderte vom Publikum nicht weniger, als das Denken zu verändern. „Wir stecken mitten in einem gesellschaftlichen Wandel“ und darauf müsse die Wirtschaft reagieren. In Zukunft stünden nicht Produkte im Mittelpunkt sondern Problemlösungen. Dazu hatte Wolfgang Henseler auch direkt die passenden Beispiele parat: Ein Weinregal, das selbstständig Wein nachbestellt, sobald dieser zur Neige geht. Ein System das dem Nutzer sagt, wann er neue Schuhe braucht. Oder ein kleiner Knopf, mit dem sich typische Haushaltsprodukte direkt nach Hause ordern lassen. Allesamt Erfindungen der großen Online-Händler, die immer wieder im Kreuzfeuer regionaler Einzelhändler stehen und vom massenhaften Datensammeln leben. Dementsprechend fällt die Kritik aus dem Zuschauerraum aus. Für Wolfgang Henseler sind die Daten der Nutzer „das Öl der Zukunft“, für viele Zuschauer immer noch schützenswerte Privatsphäre.

Auch das Ehrenamt wird digital

Ein Beispiel, das die großen Chancen der Vernetzung für das menschliche Miteinander zeigt, konnte die Vertreterin von der Digitalisierungsinitiative „D21“, Lena-Sophie Müller, anbringen: „Be My Eyes“. Dabei handelt es sich um eine Art digitales Ehrenamt, bei dem Menschen aus aller Welt Blinden als Alltagshelfer zur Seite stehen – verbunden über das Smartphone. Auch im großen Internet sind es oft die kleinen Dinge, die begeistern. Für viele Leute können solche Projekte aber nicht mehr sein, als ein träumerischer Blick in die Zukunft. Denn vorerst heißt es zu oft noch: Kabel verlegen.


Lesen Sie hier einen Kommentar zur Infoveranstaltung "Der digitale ländliche Raum".

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