Von Campern, Anglern und Kajakfahrern

Leonie (11 Jahre) und Curtis (4 Jahre) aus Berlin sind bei ihrem Opa Reiner Greich in Unterhohenried zu Besuch und machen am Kleidersee erste Übungsfahrten mit dem Kajak. Foto: Michaela Salfer

Der Kleidersee. Für mich als nicht Einheimische ist es zunächst gar nicht so einfach, dieses kleine, unterfränkische Idyll zu finden. Doch nach kurzer Zeit werde ich südlich von Augsfeld fündig und treffe am Ufer zwischen Schilf und Bäumen Reiner Greich aus Unterhohenried. Er genießt mit seinen Enkeln Leonie (11 Jahre) und Curtis (4 Jahre) aus Berlin den sonnigen Tag am See und zeigt ihnen, wie man Kajak fährt. „Früher war ich oft hier“, erzählt er. „Aber heute ist es das erste Mal seit zwölf Jahren, dass es mich wieder an den See verschlagen hat.“ Viel hat sich verändert, sagt er. Früher gab es deutlich weniger Schattenplätze und der Eingangsbereich zum See war breiter. Dafür sei das Flair heute deutlich naturbelassener. Curtis paddelt mit Schwimmflügeln im Wasser, umrundet seine Schwester, die stolz auf dem Kajak thront und erklärt eifrig: „In Berlin haben wir auch Seen, aber so einen nicht!“ Und Leonie fügt hinzu: „Hier kann man Kajak fahren!“ Ein seichterer Einstieg ins Wasser wäre toll, sagt der Opa. „Man könnte zum Beispiel Sand aufschütten, das wäre dann auch kinderfreundlicher. Aber sonst finde ich es hier genau wie früher wunderschön.“

Ein paar Meter weiter begegne ich einer Haßfurter Familie, die es sich mit Gaskocher und Picknickdecke gemütlich gemacht hat. Daniel, Melli und Tochter Laila fahren jedes Mal an einen anderen See, wenn ihnen der Sinn nach Wasser, frischer Luft und Freizeit steht. „Eine Rutsche wäre genial“, sagt die Zehnjährige.

Ein kleiner Pfad führt zu einer Bucht, an der keine Menschenseele zu sehen ist. Überhaupt fällt auf: Es ist relativ wenig los, jeder findet ein privates, ruhiges Fleckchen für sich. Auch mein Hund ist vom Kleidersee mehr als angetan und springt eifrig ins kühle Nass. Kurz darauf entdeckt er Markus Hofmann, der entspannt mit dem Blick zum Wasser im Gras liegt, meinen Vierbeiner und mich begrüßt und bereitwillig erzählt: „Eigentlich arbeite ich gerade. Ich bin auf dem Weg von einer Baustelle zur anderen, aber da dachte ich mir, dass man bei so schönem Wetter doch einen Abstecher zu einem See machen muss. Hier war ich noch nie, aber es ist wirklich traumhaft schön“, sagt der 41-Jährige, der sich ein wenig wundert, dass das Ufer nicht völlig überlaufen ist. Immerhin finde man nicht oft ein solch sauberes, aber natürliches Gewässer, in dem man baden kann.

Mein Weg führt weiter durch Bäume und Gras und plötzlich stehe ich auf einer saftig grünen, gemähten Wiese. Ich bin auf dem Vereinsgelände des Surfclubs Haßberge gelandet. Obwohl das Gelände den Mitgliedern vorbehalten ist, werde ich freundlich empfangen. Ein Familienvater zeigt mir die Surfbretter und erklärt: „Jeder kann hierher kommen und einmal reinschnuppern. Surfen kann jeder lernen. Der Kleidersee ist perfekt für Anfänger geeignet, denn hier gibt es keine großen Wellen.“ Außerdem wird das Wasser des Sees regelmäßig geprüft, so dass keinerlei Gesundheitsrisiken bestehen. Sein Sohn Fabio saß bereits vergangenes Jahr auf dem Surfbrett und hat erste Erfahrungen auf dem Wasser gesammelt. „Das ist echt anstrengend“, erzählt mir der Vierjährige. „Aber es macht Spaß!“

„Ich habe die ganze Entwicklung des Sees mit verfolgt“, erklärt uns ein anderes Surfclubmitglied. Der Pflanzen- und Tierbestand habe sich im Laufe der Jahre verändert. So findet sich zum Beispiel auf der Rückseite einer der beiden Inseln ein wahres Eldorado für Biber. „Ich bin wirklich zufrieden mit der Lage unseres Clubs. Der See ist einmalig und zum Surfen optimal geeignet. Wenn wir jetzt noch schaffen würden, ein paar Störche hier nisten zu lassen, dann wäre dieser Platz in meinen Augen perfekt.“

An den Surfclub grenzt ein weitläufiger Campingplatz an. Großfamilie Weißenborn kommt seit fünf Jahren hier her und schlägt ihr Domizil von März bis Oktober am Kleidersee auf. Ein Teil der Familie stammt direkt aus der Gegend. „Das ist ungemein praktisch. Ich kann sogar von hieraus zur Arbeit fahren, wir haben unsere eigenen Sanitäranlagen dabei“, sagt der Familienvater. Hier einzuschlafen und aufzuwachen sei unbeschreiblich. Für 150 Euro im Jahr sei das mehr als in Ordnung zumal es am Kleidersee nicht – wie an anderen Campingplätzen – Zeitvorgaben zur Nachtruhe gibt. „Alle kennen sich und es ist gar kein Problem, nach 22 Uhr noch vor dem Wohnwagen zu sitzen und sich zu unterhalten.“

Auch Tochter Lina gefällt es, ihre Ferien am See zu verbringen. Die Achtjährige zeigt mir, wie man die trendigen Rainbow-Loom-Armbänder aus bunten Gummis bastelt, von denen unzählige Exemplare die Arme der anderen Familienmitglieder zieren. Auch der zweite Teil der Familie genießt den Nachmittag. „Wir kommen schon seit fünf Jahren extra aus Ilmenau hier her. Zwar diesmal nur für zwei Tage, aber es lohnt sich.“

Die letzte Bekanntschaft, die ich an diesem Tag mache, entführt mich in die Welt des Angelns. Peter und Manuela Chaluka sind mit Tochter Vanessa aus dem etwa 70 Kilometer entfernten Uehlfeld an den See gekommen und haben ihre Zelte aufgeschlagen. Bekannte haben sie vor acht Jahren auf die Idee gebracht, mehrmals im Jahr am Kleidersee zu angeln. Zuvor waren Chalukas eher auf der iberischen Halbinsel unterwegs. „Hier ist es besser als in Spanien“, findet die zwölfjährige Tochter, und ich ahne noch nicht, dass sie mich für die nächste Stunde in eine Welt entführen wird, die so gar nicht dem eher langweiligen Klischee des Angelns entspricht. Welse, Karpfen und viele andere Fischarten hat Familie Chaluka schon im Kleidersee entdeckt. Papa Peter zeigt mir stolz ein Foto, das er am Vortag aufgenommen hat: Ein riesiger Graskarpfen, den Vanessa eigenhändig geangelt hat. Die Tochter winkt bescheiden ab: „Ach, hier gibt es jede Menge Fische, das Angeln erspart einem den Weg ins Fitnessstudio und außerdem war ich ja schon mit drei Monaten dabei, als meine Eltern angeln waren. Ich bin praktisch damit groß geworden.“ Am See treffe man als langjähriger Gast schnell bekannte Gesichter. „Jeder kennt sich. Und wenn nicht, dann lernt man sich kennen. Es ist toll, dass man hier in so guter Nachbarschaft Urlaub machen kann“, erzählt Manuela Chaluka. „Man kann hier nicht nur für wenig Geld in Ruhe angeln und die freie Zeit genießen. Samstags kommt der Bäcker direkt hierher gefahren und auch ein Eisauto haben wir schon entdeckt.“ Sie kennt Besucher, die extra von Köln bis nach Franken fahren, um im Kleidersee zu angeln. Und auch der Betreiber komme immer wieder vorbei, frage, wie es einem geht, oder ob die Fische gerade gut anbeißen. Man findet hier quasi ein zweites Zuhause.

In Vanessa habe ich den wohl größten Fan des Sees gefunden. Sie zeigt mir den Weg durch das Dickicht, entlang von Kuhweiden und versorgt mich mit Insiderinformationen. „Manchmal hört man nachts eine Kuh muhen, da kann es schon einmal sein, dass man davon aufwacht. Und vom Wasser aus sieht man auch die Schiffe, die auf dem Main fahren. Jede kleine Bucht hat ihren eigenen Namen.“ Ein paar ihrer Klassenkameraden können nicht verstehen, wieso sie es am Kleidersee so schön findet. „Aber ich liebe die Natur und diesen See. Ich kann, wenn ich die Angel ausgeworfen habe, mit anderen spielen, mich unterhalten, essen oder auch mal schlafen. Wenn ein Fisch anbeißt, dann bekomme ich das durch ein Signal mitgeteilt“, erklärt das Mädchen. Seit dem Hochwasser im vergangenen Jahr gebe es zwar weniger Fische und sie seien kleiner als vorher. Aber ansonsten hat das Areal kaum Schaden genommen.

Am Ende dieses Tages mache ich mich mit meinem Hund müde aber glücklich auf den Heimweg. Ich habe interessante Menschen kennen gelernt und ein neues Fleckchen des Landkreises Haßberge für mich entdeckt. Eines ist sicher: Dies wird nicht mein letzter Besuch am Kleidersee gewesen sein.

Auch Hunde haben ihren Spaß am Kleidersee. Foto: Michaela Salfer
Dicker Fisch: Vanessa Chaluka hat einen kapitalen Graskarpfen aus dem Kleidersee gezogen. Foto: Michaela Salfer
Sauber und aufgeräumt: Das Gelände des Surfclubs Haßberge am Ufer des Kleidersees. Foto: Michaela Salfer

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