KÖNIGSBERG

Von der Sehnsucht nach Frieden

Völkerumspannende Kirchenmusik: Mit der Aufführung der „Misa Criolla“ des argentinischen Komponisten Ariel Ramírez setzt... Foto: Sabine Meißner

Die Erwartungen an das Weihnachtskonzert der „Kirchenmusik in den Haßbergen“ waren groß. Das zeigte sich am vierten Adventssonntag beim Betreten der voll besetzten Marienkirche. Nicht alltäglich war, was sich im ehrwürdigen Gotteshaus abspielte. Eine „Kreolische Messe“ stand auf dem Programm, kombiniert mit konventioneller Kirchenmusik aus Europa. „Misa Criolla“ des argentinischen Komponisten Ariel Ramírez, Weihnachtslieder von Eccard bis Cornelius, wie sie seit fünf Jahrhunderten in Deutschland gesungen werden, und Teile aus der Kantate „Navidad Nuestra“ des 2010 verstorbenen Ramirez – Gegensatz oder Gleichklang? Was erwartete die Besucher, die so zahlreich der Konzertankündigung gefolgt waren?

Dekanatskantor Matthias Göttemann hatte Chormitglieder seiner Kantorei mit denen seines Würzburger Oratorienchores zum 33-köpfigen Ensemble „Vokalissimo“ formiert. Die weiteren Künstler stammen aus Peru. Das Ensemble Sayari-Pankara musizierte unter Leitung von Juan Osorio rhythmische Varianten seiner lateinamerikanischen Heimat. Mit den Solisten Clementina Culzoni und José Miranda überbrachten sie auf bezaubernde Weise ihre Verbundenheit zum südamerikanischen Halbkontinent und gaben sogleich diesem Weihnachtskonzert einen völkerumspannenden Bogen.

„Paz a los hombres, es Navidad (Friede der Menschheit, es ist Weihnacht)“, sangen alle gemeinsam. Anfangs muteten die in spanischer Sprache intonierten Gesänge noch ein wenig fremd an. Sowohl Chor als auch Publikum brauchten wohl einige Augenblicke, um die an diesem Ort eher ungewohnten Rhythmen zu verinnerlichen. Vom rhythmischen Klatschen der Solistin angesteckt, verloren die Zuhörer ihre anfängliche Starre, klatschten im Takt, wiegten die Köpfe und brachten mehr noch als Göttemanns Dirigat den Chor auf Touren. Der steigerte sich und zeigte beim folgenden Weihnachtsliederblock mehrstimmiger a-cappella-Lieder, wie sensibel und eindrucksvoll er oft gehörte weihnachtliche Gesänge darbieten kann. Das allbekannte „Es ist ein Ros' entsprungen“ sang der Chor in Göttemanns Interpretation, nicht nur wegen des dramatischen Pianos in der vierten Strophe, so schön, wie selten gehört.

Das Hauptwerk des Abends war die kreolische Messe, die ihrem Namen nach verschiedene kulturelle und ethnische Mischgesellschaften vereint und mit Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei nicht nur dem Ritus einer Messe folgt, sondern inhaltlich mit einem zutiefst christlichen Hintergrund belegt ist.

Der Argentinier Ariel Ramírez komponierte das Werk 1964 und verband mit seiner Musik auf bis dahin ungekannte Weise europäische und traditionelle lateinamerikanische Kultur. In der „Misa Criolla“ trifft argentinische Sakralmusik des vorigen Jahrhunderts mit lateinamerikanischen und europäischen Elementen aufeinander.

Sie gilt in Lateinamerika als bedeutendstes Werk der Kirchenmusik, wenngleich sie wohl die Messe des einfachen Volkes ist. Eine Mischung aus Klage- und Hoffnungslied klingt aus ihr. Sie spricht die Sprache der Menschen, deren offizielle Landessprache ebenso wie die Ausübung der Religion seit der Kolonisation vor 500 Jahren europäisch geprägt ist. Lange Zeit hatten die ursprüngliche Kultur der Indios, ihre Lieder, Rhythmik und Gefühle in Gesellschaft und Kirche keinen Raum gefunden.

Die „Misa Criolla“ wurde in München, in Mendoza und Washington, ja sogar im Petersdom in Rom aufgeführt. Nun erklang sie in der evangelischen Marienkirche im unterfränkischen Königsberg und wurde durch maßgebliche Mitwirkung der Musiker und Sänger mit lateinamerikanischen Wurzeln zu einem authentischen Ereignis. Ein ohnehin temperamentvoller Dirigent wirkte durch diese Rhythmen fast wie entfesselt und schuf bei aller Gegensätzlichkeit ein homogenes Klangerlebnis, in dem seine fränkischen Choristen sich von einer ganz anderen Seite zeigten.

Man sagt Musik nach, sie könne Grenzen überschreiten. Sicher ist wohl, dass Musik verbindet. Musik kann Botschaften überbringen, und gleich, welche Eigenschaften man der Sprache der Töne zuschreiben mag, sie erzielt Wirkung. Die „Kreolische Messe“ des Argentiniers Ramírez mit ihrer Sehnsucht nach Frieden wurde von den Ausführenden ebenso begeisternd wie berührend interpretiert. Diese Tonsprache verstehen die Menschen in den Haßbergen wie die Völker auf der ganzen Welt. Mit viel Applaus belohnten die Besucher in Königsberg das Experiment des Dekanatskantors.

„Misa Criolla“

Im Jahr 1964 komponierte der Argentinier Ariel Ramírez die „Misa Criolla“. Die Idee dazu entstand in den Jahren 1951/52, während deren er sich in Würzburg aufhielt. Er selbst schrieb später, „zwei Würzburger Ordensschwestern“ hätten ihn durch ihren Mut und die Barmherzigkeit dermaßen bewegt, dass er den Wunsch, ein religiöses Werk zu komponieren, verspürt habe.

Dank umfassender Recherchen von Brigitte List-Gessler aus Gerbrunn, Gästeführerin und Ehrenamtliche am Mainfränkischen Museum, wurden die beiden „Ordensschwestern“ gefunden. Es handele sich um Elisabeth und Regina Brückner. Sie hatten einige Zeit in Portugal gelebt und verstanden Spanisch. Ramírez erzählten sie von der Zeit während des Zweiten Weltkrieges, als sie nachts regelmäßig aufgesparte Essensreste zu einem Loch im Zaun eines Konzentrationslagers gebracht hatten. Der damals junge Komponist beschloss auf seiner Heimreise, während der Überfahrt von Europa nach Argentinien, eine Messe zu komponieren und diese den Schwestern zu widmen. Als „Ordensschwestern“ hatte er sie wohl gesehen, da beide Aufnahme im Mariannhiller Missionshaus in Würzburg gefunden hatten und dort im Schwesternhaus des Ordens bei der Arbeit halfen.

List-Gessler spürte die Familie dieser Schwestern auf. Ein Familiengrab auf dem Würzburger Hauptfriedhof, ein Adressbuch aus dem Jahr 1947 und der Würzburger Pater Wolfgang Zürrlein von den Mariannhiller Missionaren wiesen ihr den Weg. Sie fand heraus, dass spätestens ab 1943 Elisabeth Brückner in der Würzburger Salvatorstraße gewohnt hatte, später wohl auch deren Schwester. Weil ihr Wohnhaus nach dem Krieg von Amerikanern beschlagnahmt worden war, lebten sie im Schwesternhaus des besagten Ordens. Von 1946 bis 1960 gehörte Elisabeth Brückner dem Würzburger Stadtrat an. Ihre besondere Sorge galt damals dem Fürsorgewesen, den Wohnungsproblemen und den Aussiedlern. 1960 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Die „Misa Criolla“ wurde vor Papst Franziskus im Petersdom aufgeführt und dort von Fecundo Ramírez, dem Sohn des Komponisten, dirigiert. Radio Vatikan befand es für erwähnenswert, dass die Kreolische Messe den deutschen Schwestern gewidmet sei.

Brücke nach Südamerika: Die „kreolische Messe“ brachte musikalische Elemente von jenseits des Atlantiks in die Marienkir...
Klage und Hoffnung: Die „Misa Criolla“ spricht die Sprache der Menschen, deren Landessprache und Religionsausübung europ...

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