Haßfurt

Warum die Medikamente immer knapper werden

Lieferengpässe stellen seit Jahren ein zunehmendes Problem für die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Arzneimitteln dar, sagt Apothekersprecher Stephan Schmitt.
Eine Frau hält eine Aspirinpille zwischen den Zähnen. Ob Schmerzmittel wie Ibuprofen 800 und Aspirin 500 oder Blutdrucksenker wie Ramipril – bei vielen Arzneimitteln bestehen derzeit bundesweit Lieferengpässe. Foto: dpa

Es gibt rund 50 000 Medikamente auf dem deutschen Markt. Immer häufiger hören aber die Kunden, die in der Apotheke ein Rezept einlösen oder ein rezeptfreies Medikament kaufen wollen, die Auskunft: "Zurzeit nicht lieferbar." Menschen, die an Bluthochdruck, Asthma oder Gicht leiden oder einfach Schmerzmittel beziehungsweise Antibiotika benötigen, müssen mit Schwierigkeiten bei der Beschaffung rechnen. Nicht nur Patienten, auch Ärzte und Kliniken spüren die Engpässe. Die Ursachen sind kompliziert. Im Gespräch mit dieser Redaktion versucht Stephan Schmitt, Sprecher der Apotheker im Landkreis Haßberge, die Hintergründe für diese Versorgungsschwierigkeiten zu erklären.

Die günstigsten Anbieter erhalten den Zuschlag

"Die Anzahl der Rabattarzneimittel hat sich von 4,7 (2017) auf 9,3 (2018) Millionen Packungen verdoppelt", so Schmitt. Rabattarzneimittel sind Medikamente, die von Krankenkassen in sogenannte Rabattverträge aufgenommen wurden. Das heißt, Krankenkassen schreiben jedes Jahr Wirkstoffe aus und nur die günstigsten Anbieter erhalten dafür den Zuschlag. Was zur Folge hat, dass Unternehmen, die den Zuschlag eben nicht bekommen, häufig aus der Produktion dieses Wirkstoff aussteigen, da alles andere für sie unwirtschaftlich wäre. Die Konsequenz, so Schmitt: "Für den ausgeschriebenen Wirkstoff bleiben nur noch sehr wenige Hersteller übrig. Mögliche Engpässe, zum Beispiel aufgrund von Produktionsfehlern, können dann nicht mehr aufgefangen werden." Betroffen sei jedes 50. Rabattarzneimittel.

"Besonders schwierig ist die Situation bei einigen Antidepressiva, weil der Wirkstoff nicht lieferbar ist."
Stephan Schmitt, Apotheker

"Die Patienten können es nicht verstehen", erläutert Stephan Schmitt, "und viele sind besorgt, dass ihre wichtigen Medikamente nicht lieferbar sind. Dies betrifft zum Beispiel Psychopharmaka, Schmerzmittel wie Ibuprophen, Blutdrucksenker, andere Herz-Kreislauf-Medikamente, Asthmamittel, Antibiotika und Schilddrüsenpräparate sowie onkologische Medikamente. Besonders schwierig", so Schmitt, "ist die Situation bei einigen Antidepressiva, weil der Wirkstoff nicht lieferbar ist." Gerade bei Patienten, die auf psychiatrische Hilfe durch Medikamente angewiesen seien, sorgen Lieferengpässe oder der Wechsel zu Medikamenten anderer Anbieter häufig für Irritationen. Diese Patienten seien nach Einschätzung der Apothekergenossenschaft sehr sensibel und reagierten häufig mit Verunsicherung, wenn ihre Tabletten auf einmal eine andere Form oder Farbe hätten. Dies könne sogar dazu führen, dass die Patienten die Medikamente nicht mehr einnähmen oder falsch dosierten.

Mehrarbeit für die Apotheker

Die Apotheker wenden, so ihr Sprecher, einiges ihrer Arbeitszeit allein dafür auf, bei Engpässen gemeinsam mit Ärzten, Großhändlern und Patienten nach Lösungen zu suchen. "Wir nutzen alle Vertriebswege, die uns zur Verfügung stehen, um die Medikamente schnellstmöglich wieder zu bekommen. Bei manchen Arzneimitteln bekommt die Apotheke dann zum Beispiel nur drei Stück im Monat", erläutert Schmitt die schwer verständliche Situation, "da nicht mehr verfügbar ist." Um keine Apotheke zu bevorzugen oder zu benachteiligen, werde eben jeder Apotheke wenigstens eine geringe Marge zugeteilt.

Sogar der Brexit wirkt sich negativ aus

Die Ursachen für die Lieferengpässe sieht Stephan Schmitt – der Sprecher der Apotheken im Kreis Haßberge geht da völlig d’accord mit der Apothekergenossenschaft – schwerpunktmäßig in Sparmaßnahmen und Kostendruck im Gesundheitswesen. "Und das, obwohl die Rücklagen der Gesetzlichen Krankenkassen und des Gesundheitsfonds derzeit rund 31 Milliarden Euro betragen." Ferner seien die Engpässe eben auch auf die genannten Rabattverträge zurückzuführen. Manche Arzneimittel, so Schmitt, seien zudem in Deutschland sehr günstig, was hohe Exportquoten beispielsweise nach Großbritannien oder in die USA zur Folge habe. Solche Exportgeschäfte mit Arzneimitteln können ebenfalls Ursache von Lieferengpässen sein. Eine ähnliche Entwicklung löse die Erwartung des Brexit aus. In Großbritannien bevorrateten sich zurzeit die Bürger umfangreich mit Medikamenten, weil in dem Land eine Knappheit nach dem Austritt aus der EU befürchtet wird.

Kostendruck auch bei lebenswichtigen Medikamenten

Vor allem entstehen solche Medikamentenengpässe aber, weil der starke Kostendruck, so Schmitt, dazu führe, dass selbst lebenswichtige Medikamente möglichst kostengünstig angeboten werden müssen. Das verleite viele Pharmahersteller schließlich dazu, die Wirkstoffe im Ausland zu produzieren. Stephan Schmitt sieht hier das Hauptproblem. Laut Schmitt führe die globalisierte Wirkstoffherstellung in asiatischen Ländern wie Indien oder China dazu, dass es in Europa zu Engpässen kommt.

Besonders, wenn die großen Hersteller an einer Hand abzählbar seien. Wenn bei der Arzneistoff-Herstellung im Ausland etwas schiefgehe, und das sei schon öfter vorgekommen, würden alle nachfolgenden Produzenten an der Weiterverarbeitung der Stoffe zu fertigen Medikamenten gehindert. So habe die "Wirtschaftswoche" bereits im Jahr 2018 vom US-Werk eines deutschen Pharmaunternehmens berichtet, das wegen eines Defekts kein Ibuprofen herstellen konnte.

Anfällig für politische und wirtschaftliche oder sonstige Krisen

In Ländern wie China oder Indien komme es manchmal zu Störungen in der Produktion, so Schmitt, die zum Ausfall ganzer Produkt-Chargen führten. Wenn es nur ein Werk gebe, das weltweit den betreffenden Wirkstoff herstellt, sei das Dilemma da. Es fehlen Produktionskapazitäten. "Außerdem werden Transportwege zunehmend anfällig für politische und wirtschaftliche oder sonstige Krisen", sagt der Apothekersprecher. Hersteller folgten immer mehr der Praxis "just in time" zu produzieren, also keine Vorräte mehr auf Lager vorzuhalten.

"Für Patienten dürfen durch Lieferengpässe keine höheren Aufzahlungen wegen Festbeträgen und Zuzahlungen entstehen."
Stephan Schmitt, Apotheker

Als Lösung kommt für den Apotheker Schmitt, der die "Löwen-Apotheke" in Haßfurt, die "Haßgau-Apotheke" in Hofheim und die "Marien-Apotheke" in Eltmann betreibt, vor allem eine Produktion von Wirkstoffen und Arzneimitteln unter hohen Umweltschutz- und Sozialstandards wieder verstärkt in der EU in Frage. "Einige Unternehmen haben das inzwischen sogar schon eingesehen und bewegen sich in die richtige Richtung." Das Thema sei inzwischen auch in der Politik angekommen. Hier sei es unabdingbar, die Mehrfachvergaben von Rabattverträgen mit mehreren Wirkstoffherstellern vorzuschreiben. "Für Patienten dürfen durch Lieferengpässe keine höheren Aufzahlungen wegen Festbeträgen und Zuzahlungen entstehen. Apotheken brauchen definierte Spielräume beim Management von Lieferengpässen und Rechtssicherheit vor Retaxationen. Die Exporte von versorgungsrelevanten Arzneimitteln sollten bei Lieferengpässen beschränkt werden können." 

Apotheker Stephan Schmitt, Sprecher der Apotheker im Kreis Haßberge, zur Medikamentenknappheit mit dem durchaus von Lieferengpässen betroffenen Medikament Candesartan Foto: Wolfgang Sandler

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