Sand am Main

Warum die Sander wegen des Granulat-Verbots nicht durchdrehen

Der einzige Kunstrasenplatz im Kreis Haßberge liegt in Sand. Dem Granulat auf diesem Platz droht ein Verbot durch die EU. Bürgermeister Ruß will aber den Ball flach halten.
Jedes Jahr werden im Durchschnitt 335 Kilogramm von diesem Gummigranulat auf dem Kunstrasenplatz in Sand nachgefüllt. Foto: Wolfgang Sandler

Die EU-Kommission will gegen die Verschmutzung der Umwelt durch Mikroplastik vorgehen. Dadurch sind auch die Kunstrasenplätze in die Diskussion geraten. Diese Plätze sind zumeist mit Gummigranulat gefüllt. Das Granulat richtet die künstlichen Grashalme auf, sorgt für eine federnde Wirkung und schützt die Sportler vor Verletzungen. Durch den Wind und die Schuhe der Fußballspieler könnte dieses Granulat, das als Mikroplastik eingestuft ist, abgetragen und in der Umwelt verbreitet werden.

Die Jugend aus einem weiten Umfeld nutzt den Platz

Der einzige Kunstrasenplatz im Landkreis Haßberge ist in Sand. Der Nutzen dieses Platzes beschränkt sich nicht nur auf die Gemeinde Sand und ihre Vereine, sondern ist landkreisweit. Auf diesem Platz treiben zum Beispiel Jugendliche auch aus Haßfurt, Zeil, Eltmann, Knetzgau, Wonfurt, Oberaurach, Ebelsbach und Stettfeld Sport. Zudem wurde wegen dieses Platzes der DFB-Jugend-Stützpunkt nach Sand verlegt. Dieser Platz könnte aber 2022 geschlossen werden, wenn die EU-Kommission tatsächlich beschließen sollte, ihr angedachtes Verbot gnadenlos und ohne Rücksicht auf irgendwelche Übergangsfristen durchzuziehen.

Bürgermeister Bernhard Ruß überprüft das Granulat auf dem Kunstrasenplatz in Sand. Foto: Wolfgang Sandler

Bernhard Ruß, als Bürgermeister von Sand quasi "Chef" über den Kunstrasenplatz,  lässt sich davon nicht ins Bockshorn jagen. Zunächst stellt Ruß im Gespräch mit dieser Redaktion fest, dass die EU-Behörde ja erst einmal überprüfe, ob das Granulat überhaupt verboten werden soll. Ruß zitiert in dem Zusammenhang den Deutschen Fußball-Bund (DFB), nach dessen Angaben in Deutschland 6000 Kunstrasenplätze von einem solchen Vorgehen betroffen sein würden. In Bayern seien 349 Kunstrasenplätze für den Spielbetrieb zugelassen, 51 in Unterfranken, im Landkreis Haßberge nur einer, nämlich in Sand.

"Wir beobachten das Ganze mit Interesse und bleiben am Ball."
Bernhard Ruß, Bürgermeister

"Wer die EU kennt", so Ruß, "weiß, dass einige Zeit ins Land gehen kann, bis ein solches Vorgehen umgesetzt wird." Zudem zeigt sich der Sander Bürgermeister davon überzeugt, dass Politik und DFB ihren Einfluss geltend machen würden, um zumindest für eine angemessene Übergangsfrist zu sorgen. "Erst mal gelassen bleiben", sagt der Bürgermeister, der dieses Thema am Dienstag, 30. Juli, auch im Gemeinderat besprechen will. Was aber nicht heißen soll, dass die Poblematik in der Korbmachergemeinde nicht ernst genommen werde. "Wir beobachten das Ganze mit Interesse und bleiben am Ball", schmunzelt Ruß, "nehmen das nicht auf die leichte Schulter. Aber wir drehen deswegen nicht gleich durch."

Seehofer fordert Übergangsfristen

Bisher jedoch sei weder über ein Verbot entschieden, noch seien Übergangsfristen geklärt worden. Bundesinnenminister Horst Seehofer habe sich bereits für eine Frist von sechs Jahren stark gemacht. Das Umweltministerium, so Ruß, halte die Aufregung ebenfalls für verfrüht. Es stehe noch längst nicht fest, habe das Ministerium auf seiner Homepage verlautbart, ob die EU-Kommission überhaupt ein Verbot vorschlagen werde. Die Europäische Chemikalienagentur, so Ruß, sei noch in einer frühen Phase der Meinungsbildung. Auch stehe nicht der Kunstrasen selbst auf dem Prüfstand, sondern eben nur das Granulat. Und dafür gebe es bereits Alternativen.

Das Granulat richtet auf einem Kunstrasenplatz - hier in Sand - die künstlichen Grashalme auf, sorgt für eine federnde Wirkung und schützt die Sportler vor Verletzungen. Foto: Wolfgang Sandler

Bernhard Ruß sieht die ganze Sache recht pragmatisch. "Kunstrasenplätze sind auch einem gewissen Verschleiß unterworfen. Das heißt, nach einiger Zeit ist der Rasen ohnehin abgespielt. Dann müssen wir sowieso etwas anderes machen. Deshalb sollten wir erst einmal abwarten, was bei der Angelegenheit rauskommt." Wenn es dann in einigen Jahren soweit sei, dass man den Platz ohnehin sanieren müsse, werde man sehen, was nach dem Stand der Technik machbar ist. "Über das Gummigranulat wird  schon immer diskutiert." Grund dafür seien angebliche Gummiausdünstungen gewesen, die man in Sand jedoch nie festgestellt habe. "Jetzt ist die Industrie gefordert", so Ruß, "entsprechende Lösungen zu entwickeln." Wenn Alternativmaterial in größeren Mengen benötigt und hergestellt werde, würde auch dessen Preis sinken, wie zum Beispiel für Kork, das schon heute in manchen Plätzen zum Einsatz komme. Es stelle sich jedoch auch hier die Frage, ob dieses Material das richtige sei.

"Der niedrige Verbrauch in Sand ist der guten Pflege durch die Platzwarte zu verdanken."
Bernhard Ruß, Bürgermeister

Die Gemeinde habe inzwischen auch eine Stellungnahme des Architekten eingeholt, der damals den Platz konzipiert hatte. Dieser sehe derzeit ebenfalls noch keinen Handlungsbedarf. Das Problem bei den Kunstrasenplätzen sei der Verlust an Granulat, das so in die Umwelt gelange. Die Platzwarte müssten Jahr für Jahr Granulat nachlegen, weil das Material vom Spielfeld gewaschen, geweht oder auch getragen werde, wenn es an Hosen, Trikots und an den Schuhen haften bleibt. Um welche Menge an "infill" es sich dabei jedes Jahr handelt, hänge von verschiedenen Faktoren ab. Der Kunstrasenplatz in Sand wurde seit der Inbetriebnahme im November 2014 bis 2018 mit 1000 Kilogramm Granulat befüllt. In den Jahren 2018 und 2019 wurden 500 Kilogramm nachgefüllt. Dies entspreche, so Bernhard Ruß, einem jährlichen Verbrauch von 335 Kilogramm  in viereinhalb Jahren. "Ein wichtiges Kriterium für den Verbrauch von Granulat ist das Abziehen des Platzes und das gleichmäßige Verteilen. Der niedrige Verbrauch in Sand ist somit der guten Pflege durch die Platzwarte Günter und später Matthias Flachsenberger zu verdanken", zollt der Bürgermeister seinen Mitarbeitern ein großes Lob.

Noch ist nichts entschieden

"Noch ist nichts entschieden", sagt Bürgermeister Ruß, bis zum 20. September sammle die Europäische Chemikalienagentur noch Informationen zum Thema Einstreumaterial. "Anschließend beraten die Experten. Ein Jahr danach könnte es eine Stellungnahme geben, die nach nochmaliger Kommentierungs- und Prüfungsphase an die EU-Kommission gereicht wird. Bis die Mitgliedstaaten über Vorschläge entscheiden", so Ruß, "bleibt vermutlich noch viel Zeit, die Plätze auf andere Materialien umzurüsten. Wir kümmern uns drum, machen, was machbar, vernünftig und vertretbar ist."

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