ERMERSHAUSEN

Warum ist die ehemalige Ermershäuser Schule Geschichte

Mit schwerem Gerät wurde die ehemalige Schule in Ermershausen Anfang Dezember abgerissen. Auf knapp der Hälfte der Fläche sollen dringend benötigte Mietwohnungen entstehen. Foto: Beate Dahinten

Ermershausen als Schulstandort – das ist nun endgültig Geschichte. Das jüngste der drei ehemaligen Schulgebäude stand bereits seit 15 Jahren leer. Anfang Dezember wurde es abgerissen. Auf knapp der Hälfte der Fläche sollen dringend benötigte Mietwohnungen entstehen. Doch das wird schwieriger als gedacht.

Die Reaktion der direkten Nachbarn auf den Abriss fällt unterschiedlich aus. „Teils, teils“, antwortet Otmar Steuter auf die Frage, ob er dem Gebäude nachtrauert. „Es war ein markanter Punkt im Ort, andererseits haben wir jetzt freie Sicht. Es hält sich die Waage.“ Zwar lebt Steuter mit seiner Frau Lydia im früheren Lehrerwohnhaus und hat auch jahrzehntelang unterrichtet, aber nie in Ermershausen. Von 1963 bis 1972 war er im benachbarten Birkenfeld eingesetzt, bis 2003 dann in Maroldsweisach.

Für Brigitte Lüdecke hingegen ging mehr verloren als ein vertrauter Anblick. „Mir hat mein Herz wehgetan“, beschreibt sie ihr Empfinden, als sie die Abbrucharbeiten beobachtete. Die waschechte Ermershäuserin verbindet mit dem Gebäude viele Erinnerungen, vor allem an ihre eigene Schulzeit. Am 30. Dezember 1962 war die Schule eingeweiht worden. Und als im Februar 1963 der Schulbetrieb aufgenommen wurde, ist Brigitte Franz als Neunjährige „mit eingezogen“. Sie gehörte zu den Grundschulkindern, die zuvor jahrgangsübergreifend in der sogenannten kleinen Schule unterrichtet worden waren. Dieses Haus an der Ecke der Hauptstraße und der Straße nach Birkenfeld wurde danach verkauft und diente bis 1994 als Poststelle. Es wurde bereits vor einigen Jahren abgerissen. Die Fünft- bis Achtklässler hatten im Rathaus die Schulbank gedrückt, dort, wo heute der Gemeinderat tagt. „Die neue Schule war für uns ein Highlight“, erinnert sich Brigitte Lüdecke. Ab 1967 bildete Ermershausen einen kleinen Schulverband mit Birkenfeld, einige Jahre später folgte die Eingliederung in den Schulverband Maroldsweisach. Zwei Grundschulklassen gab es danach jedes Schuljahr in Ermershausen. Dass Familie Lüdecke inzwischen neben der Schule gebaut hatte, erwies sich als praktisch: „Unsere Kinder konnten über den Hof zur Schule laufen.“ Mit dem Schuljahr 2003/04 jedoch endete auch dieses Ermershäuser Schulkapitel, die Grundschüler aus Ermershausen, Birkenfeld und Dippach werden seither ebenso wie die älteren Schüler in Maroldsweisach unterrichtet. In den folgenden Jahren kümmerte sich Brigitte Lüdecke als Hausmeisterin um das leer stehende Gebäude.

Mit dem Verkauf in private Hände im Jahr 2011 verband die Gemeinde die Hoffnung, dass dem Mangel an Mietwohnungen im Ort begegnet wird. Denn viele junge Leute wollten im Ort bleiben, aber noch nicht bauen. Sechs Wohnungen planten die neuen Eigentümer in der ehemaligen Schule. Die Umsetzung allerdings geriet in einem sehr frühen Stadium ins Stocken und das Schulhaus wurde zur Bauruine.

Daher reifte seitens der Gemeinde der Gedanke, selbst aktiv zu werden, und im April 2019 wurde die Rückübertragung beim Notar vollzogen. Die Überlegungen sahen vor, das Schulhaus abzureißen und das 3000 Quadratmeter große Areal neu überplanen: zwei kleine Bauplätze und eine etwa 1400 Quadratmeter große Fläche für den Bau von vier bis fünf Mietwohnungen. Insgesamt 92 000 Euro sind für Rückkauf, Abriss und Überplanung in den Haushalt 2019 eingestellt worden, der größte Posten bei den Investitionen.

Für Bürgermeister Günter Pfeiffer war von vornherein klar, dass die Gemeinde den Bau der Mietwohnungen nicht selbst oder zumindest nicht ohne ausreichende Förderung stemmen kann. Inzwischen hat sich gezeigt: Dieser Teil des Vorhabens ist noch problematischer als gedacht. „Ich habe gemacht und getan“, sagt Pfeiffer, „aber einen Investor zu finden, ist schwierig bis unmöglich.“ Das sei eine Frage der Wirtschaftlichkeit, was er als Banker gut nachvollziehen kann. „Bei den geringen Mieten hier im ländlichen Raum ist das Projekt für einen privaten Investor nicht machbar, weil nicht rentabel.“ Einem Mietspiegel von vier bis fünf Euro je Quadratmeter stehen laut Pfeiffer Baukosten von weit über einer Million Euro gegenüber.

Dass die Gemeinde einspringt, könnte sich der Bürgermeister grundsätzlich vorstellen. Und es gibt sogar ein entsprechendes Förderprogramm. Der darin vorgesehene Fördersatz von 30 Prozent sei allerdings für Ermershausen genauso hoch wie beispielsweise für Nürnberg, gleiches gelte für die Baukosten. Nur seien in Nürnberg die Mieten höher. Außerdem: Wenn eine Kommune baut, seien die Kosten höher als bei einem privaten Bauprojekt. „Auch mit 30 Prozent Zuschuss ist das im ländlichen Raum nicht zu machen“, lautet Pfeiffers Fazit. Deshalb setzt er sich dafür ein, dass die Förderung für Vorhaben im ländlichen Raum erhöht wird. Überplant werde das Areal „auf jeden Fall“, betont Pfeiffer. Nach dem Abriss steht jetzt erst mal an, den Bauschutt zu untersuchen und abzutransportieren. Als nächstes werden die Fläche neu eingeteilt und die dann drei Grundstücke erschlossen. Dem Bürgermeister zufolge gibt es schon Anfragen für kleinere Bauplätze. Die Grundstücke im Baugebiet Belzig beginnen erst bei 900 Quadratmetern. Aufgegeben hat der Bürgermeister die Idee mit den Mietwohnungen noch nicht. Aber er will auch nichts übers Knie brechen. „Wir behalten die 1400 Quadratmeter für uns zurück. Und wenn die Rahmenbedingungen passen, gehen wir den nächsten Schritt.“

Der 4. bis 8. Schuljahrgang der Schule Ermershausen, aufgenommen im Jahre 1966 am Hintereingang der neuen Schule (4. hintere Reihe, von links) Rektor Rösch, Rosemarie Biengraf, Renate Dietz, Günter Wenzel, Werner Lutz, Günter Schüler, Udo Prediger, Adolf Thein, Rudolf Franz, Günter Schobig, Klaus Jurczek, Werner Brückner, Dieter Diez, Beate Hofmann, Maritta Lutz sowie (3. Reihe stehend, von links) Roswitha Dietz, Ingeborg Haßfurter, Annelie Prediger, Evelin Flohrschütz, Maria Schuhmann, Heidi Zabel, Elvira Flachsenberger, Getraud Reuter, Adelheid Flachsenberger, Juliane Oeser, Ilse Dellert, Inge Kirchner, Ulli Rösch (Lehrerin) und (2. Reihe sitzend, von links) Sybille Rothlauf, Berti Pfeiffer, Elisabeth Hohmann, Christel Höhn, Anita Pfeiffer, Marion Prediger, Ute Flachsenberger, Waltraud Biengraf, Herta Thein, Brigitte Franz, Dagmar Streckel, Marion Prediger, Birgit Stoll, Liane Flohrschütz und (1. Reihe sitzend, von links) Dieter Paskiw, Dieter Schüler, Walter Lutz, Ulli Dietz, Wolfgang Hain, Robert Höhn, Harald Och, Karl Wacker, Gerhard Schobig und Herbert Korn. Foto: Repro: Beate Dahinten

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