Hofheim

Weil's um die Wurscht geht

50 Jahre Metzgerei Helfrich: Sie hat als einzige Metzgerei mit Sitz in der Stadt überlebt. Der Geschmack der Kunden veränderte sich in dieser Zeit ebenso, wie der Fleischkonsum. Doch es gibt Renner an der Theke, die immer gehen. Hirn ist dagegen kaum noch gefragt.
Nachschub für die Hofheimer Kirchweih: Metzger Klaus Helfrich macht täglich frische Bratwürste. Von Vorratshaltung hält er nicht viel. Er produziert frische Ware nach dem Bedarf der Vereine, die die Grills bedienen. Foto: Michael Mößlein

Kein Mensch hat jemals gezählt, wie viele Bratwürste während der Hofheimer Werbewoche und an der Kirchweih auf dem Rost des Hofheimer Fanfaren- und Spielmannszugs landen. 5000, oder 10 000? Das ist völlig wurscht.

Auch Klaus Helfrich weiß das nicht genau. Dabei hatten er und seine Mitarbeiter jede Bratwurst in der Hand. Die Hofheimer Metzgerei beliefert die Spielleute seit Jahren, nicht nur zur Kirchweih. Als letzte verbliebene Metzgerei mit Sitz in der Stadt feiert sie in dieser Woche ihr 50-jähriges Bestehen.

An ihrer Firmengeschichte lässt sich ablesen, wie sich das Geschäft der Fleischereien im Lauf der Jahre verändert hat. Bevor Klaus Helfrichs Vater Kurt im Jahr 1966 nach Hofheim gezogen ist und eine Metzgerei eröffnet hat, hatte er in Ermershausen eine Gastwirtschaft und nebenbei Wurst und Fleisch verkauft. Damals ein typisches Geschäftsmodell, das es heute nur noch selten gibt.

Eine von vier Metzgereien hat überlebt

Mit dem neuesten Gerät bereitet Erika Helfrich Schnitzel zu. Foto: Michael Mößlein

In Hofheim hat Kurt Helfrich mit seiner Frau Anni in der Hauptstraße eine alte Hufschmiede abreißen lassen. An deren Stelle wurde die Metzgerei gebaut, erzählt sein Sohn Klaus. „Damals haben die Hofheimer meinem Vater wenig Chancen als Metzger eingeräumt“, sagt der 47-Jährige. Es gab schon drei etablierte Metzgereien in der Kreisstadt. Von ihnen existiert heute keine mehr.

Überlebt hat die Metzgerei Helfrich. „In der ersten Woche schlachtete mein Vater sechs Schweine, in der zweiten Woche waren es schon acht“, erinnert sich der jetzige Geschäftsinhaber. „Eigentlich war mein Vater mit Leib und Seele Viehhändler. Die Metzgerei wurde erst nach und nach sein Hauptstandbein.“ 1978 kaufte Kurt Helfrich ein Nachbargrundstück und erweiterte die Metzgerei.

Dabei konnte er sich damals noch nicht mal sicher sein, dass sein Sohn Klaus die Metzgerei tatsächlich übernimmt. Dieser ging noch in die Grundschule. Doch die Rechnung ging auf. 1985 begann Klaus seine Lehre als Metzger. Sieben Jahre später legte er seine Meisterprüfung ab. Das Geschäft behielt sein Vater dennoch weiter in eigenen Händen. 1996 verpachtete Kurt Helfrich die Metzgerei an seinen Sohn. Drei Jahre später starb der Senior im Alter von 76 Jahren.

Klaus Helfrich und seine Frau Erika (44) investierten in ihre Metzgerei. 2005 bauten sie den Laden um und vergrößerten den Keller. 2009 rissen sie die Produktionsgebäude im rückwärtigen Bereich des Anwesens ab und bauten sie neu. Bis heute hat Klaus Helfrich es nicht bereut, dass er selbst schlachtet. 30 Schweine und zwei Jungbullen verarbeitet die Metzgerei normalerweise pro Woche.

„Solange ich selbst schlachte, weiß ich immer, woher das Fleisch kommt“, sagt der Metzger. Die Schweine beispielsweise kommen von seinem Schwager aus Goßmannsdorf. „Da kann ich mich darauf verlassen, dass alles frisch ist und dass die Qualität stimmt.“

Gut gelaunt stehen Silke Höhn-Schüßler, Erika Helfrich mit Tim, Anni Helfrich und Petra Wagenhäuser hinter der Theke des alten Ladens. Foto: Helfrich

Erika Helfrich koordiniert das Geschäft und die 20 Mitarbeiter. Sie kümmert sich um den Laden und um den Partyservice, den die Metzgerei anbietet. „Angebote wie fertige Menüs oder den Partybereich gab es früher bei Metzgereien nicht“, sagt sie. Überhaupt habe sich viel verändert, meint ihr Mann. Früher habe quasi fast jede Metzgerei auch geschlachtet. Heute sei es eine Minderheit.

Zudem ist die Zahl der Metzgereien deutlich zurückgegangen. Alfred Kaiser aus Aidhausen, Obermeister der Fleischerinnung Haßberge, berichtet, dass sich die Zahl der Metzgereien in seiner Innung in den vergangenen Jahren halbiert hat, auf 13. Nicht alle Metzgereien im Haßbergkreis sind in der Innung vertreten, doch dürften es hier keine 20 Metzgereien mehr geben, schätzt Kaiser. Dass eine Metzgerei neu eröffnet, habe es seit 20 Jahren nicht mehr gegeben.

Fast jeder Supermarkt und viele Discounter bieten Frischfleisch an. Oft haben sie auch eine Metzgereifiliale. Während Obermeister Kaiser von einem Preisdruck spricht, den die Massenware auf die eingesessenen Metzgereien erzeugen, sehen Erika und Klaus Helfrich in der Konkurrenz keine unmittelbare Gefahr. „Wir sind gut ausgelastet“, sagt der Hofheimer Metzger. So plant er weiter, keine Filialen zu eröffnen. Supermärkte würden deshalb immer wieder anfragen, sagt er. „Doch ich möchte lieber unabhängig bleiben.“

Schon in jungen Jahren half Klaus Helfrich in der Metzgerei mit. Foto: Helfrich

Die Zahl ihrer Produkte hat sich in den 50 Jahren, die es die Metzgerei gibt, mehr als verdoppelt, erklärt Erika Helfrich. Kurzbratartikel, die nur in die Bratröhre geschoben werden müssen, sind heute sehr gefragt. Der Sonntagsbraten für zehn Mann dagegen wird seltener verkauft. Im Trend liegt mageres Fleisch, „es wird überhaupt viel weniger Fett produziert“, sagt Metzger Helfrich. Selbst Zuchtschweine setzten heute weniger Hüftgold an. Innereien würden kaum noch nachgefragt – „früher haben wir ganze Hirne verkauft“. Die Angst vor BSE und Fleischskandale haben Spuren hinterlassen. Immer mehr Menschen ernährten sich flexitarisch, erklärt Erika Helfrich, sie verzichteten zwei-, dreimal in der Woche auf Fleisch.

Ihnen bietet der Metzger vegetarische Bratwürste und Bolognese-Sauce ohne Fleisch an. Es gibt aber auch Renner an der Fleischtheke, die immer gehen: Bratwürste, Fleischwurst und Leberkäse. Auch Fleischsalat verkaufen sie „überdurchschnittlich viel“, berichten die Helfrichs.

Falsches Bild vom Beruf des Metzgers

In den modernen Betriebsräumen schneidet Uwe Geyer Fleisch. Foto: Michael Mößlein

Obwohl moderne Maschinen und Geräte und die Aufgabenvielfalt die Arbeit des Metzgers leichter und interessanter gemacht haben, nennt Helfrich die Sorge, geeignetes Personal zu finden, „unser einziges Problem“. Als er selbst vor gut 30 Jahren seine Lehre begonnen hat, waren sie 33 Metzgerlehrlinge – allein im Landkreis Haßberge. Heute sind es in der ganzen Region Main-Rhön unter zehn. In vielen Köpfen geistere das falsche Bild herum, Metzger hätten nur mit Blut und Innereien zu tun. Dabei sei Schlachten nur eine von vielen Fachrichtungen im Metzgerhandwerk. Auch Verkäuferinnen für den Laden finden sich nur schwer, ergänzt Erika Helfrich. Dabei sei der Job gut, wenn Frauen nur Teilzeit arbeiten, oder nach der Kinderpause ins Berufsleben wiedereinsteigen möchten.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Metzgerei Helfrich auch in der dritten Generation in Familienhand bleibt. Sohn Tim hat nach Abschluss eines Studiums Ende 2015 im elterlichen Betrieb als Lehrling begonnen – und ist laut seinen Eltern begeistert.

 

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