Hofheim

Wie Hofheims Bürgermeister auch im Ausland berühmt wurde

Wolfgang Borst hat eigene Konzepte entwickelt, um dem demographischen Wandel die Stirn zu bieten. Darüber, wie das funktioniert, referiert er im In- und Ausland.
Das Ziel von Hofheims Bürgermeister Wolfgang Borst ist eine Stadt mit möglichst wenig Leerständen und einer lebendigen Innenstadt.
Das Ziel von Hofheims Bürgermeister Wolfgang Borst ist eine Stadt mit möglichst wenig Leerständen und einer lebendigen Innenstadt. Foto: Peter Schmieder

Wer in einer Stadt mit gut 5000 Einwohnern zum Bürgermeister gewählt wird, gehört zur Lokalprominenz, doch eine große überregionale Bekanntheit bringt dieser Posten üblicherweise nicht mit sich. Anders ist das bei Wolfgang Borst. Mit seinem Kampf gegen den demographischen Wandel hat es das Hofheimer Stadtoberhaupt geschafft, dass auch Menschen außerhalb des Landkreises Haßberge mehr über seine Methoden wissen wollen. Kürzlich reiste er deshalb als Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung nach Frankreich - nicht seine erste Vortragsreise und wohl auch nicht die letzte.

"Ich werde seit Jahren angefragt", erzählt Borst. Unter anderem hat der CSU-Politiker schon Schulungen zu dem Thema beim Bayerischen Gemeindetag gehalten, ebenso ein Seminar an der TU München. Dazwischen reist er immer wieder zu Vorträgen oder empfängt Besucher, die sich die Situation in Hofheim vor Ort ansehen wollen. Erst diese Woche war das ZDF in Hofheim, um Fernsehbeiträge über ihn und seine Aktivitäten zur Hofheimer Innenentwicklung zu drehen. "Das Thema Landflucht ist ein europaweites Thema", begründet Borst das große Interesse auch aus dem Ausland.

Erfolgreiche Innenentwicklung: Wolfgang Borst ist in ganz Europa als Referent gefragt, wenn es um den Kampf gegen den demographischen Wandel geht.
Erfolgreiche Innenentwicklung: Wolfgang Borst ist in ganz Europa als Referent gefragt, wenn es um den Kampf gegen den demographischen Wandel geht. Foto: Peter Schmieder

Doch warum gelingt in Hofheim und den anderen Kommunen der Gemeinde-Allianz Hofheimer Land das, woran viele andere Orte scheitern? "Wir haben ein klares Konzept", sagt der Bürgermeister. Das Motto sei: "Nicht nur sagen, sondern auch machen." Wichtig ist ihm vor allem, die Orte lebendig zu erhalten. Und der Erfolg gibt dem Kommunalpolitiker Recht: Zwar gab es auch im Hofheimer Land in den letzten Jahrzehnten einen leichten Bevölkerungsrückgang, aber bei weitem nicht so stark, wie er noch vor 20 Jahren prognostiziert wurde. Und: Seit dem Jahr 2010 gab es keinen Bevölkerungsschwund mehr. "Dann haben die Maßnahmen gegriffen", sagt der Bürgermeister. Soll heißen: Es gibt so viele Zuzüge, dass dadurch der Rückgang der Bevölkerung, der durch Sterbefälle und niedrige Geburtenzahlen entsteht, kompensiert wird.

Wichtig sei dafür unter anderem, dass für eine gute Internetanbindung gesorgt wird. Denn für viele Familien sei ein Leben im ländlichen Raum nur mit einem Heimarbeitsplatz möglich, was ohne schnelles Internet nicht funktionieren kann. Ein anderer Teil von Borsts Konzept ist eine strikte Weigerung, Baugebiete auszuweisen. Denn: Warum soll sich die Bevölkerung auf eine immer größere Fläche verteilen, wenn die Zahl der Menschen nicht steigt? Viel wichtiger sei es, Leerstände in den Ortskernen zu bekämpfen. Denn sobald zu viele Gebäude leer stehen, wirkt eine Stadt oder ein Dorf schnell wie ein toter, ungastlicher Ort. Gerade Leerstandsreihen dürfen nicht einreißen, ist der Bürgermeister überzeugt. Doch wie gelingt ihm das, woran viele seiner Amtskollegen scheitern?

Auseinandersetzungen mit den Bürgern

Es ist ein Szenario, das man in vielen Bürgerversammlungen auch in den verschiedenen Kommunen des Landkreises Haßberge beobachten kann: Die Bevölkerung fordert ein Baugebiet und droht, sonst wegzuziehen. Wenn der Bürgermeister dann auf die vielen Leerstände im Ort verweist, die er erst mal besetzen möchte, bevor er Neubauten auf der grünen Wiese zulässt, wird er von einer wütenden Menge niedergebrüllt. Auch diese Situation habe er selbst schon erlebt, bestätigt Wolfgang Borst. "Die sagen dir schon, dass du vorsätzlich ihren Ort kaputtmachst." Um das durchzustehen, sei eines wichtig: "Man muss selbst davon überzeugt sein."

Ein Tipp, den er anderen Bürgermeistern gibt, die sich an seiner Strategie ein Beispiel nehmen wollen: "Fangt direkt nach der Wahl an." Denn es brauche einige Jahre, bis die Ergebnisse sichtbar sind. Wer erst zwei Jahre vor den nächsten Wahlen mit solchen Konzepten beginnt, riskiere, von einem Gegenkandidaten auseinandergenommen zu werden.

"Die Kommune muss auch unangenehm werden"

Doch es genügt nicht, die Weigerung zur Ausweisung von Neubaugebieten konsequent durchzuhalten. Wichtig ist auch, die Eigentümer leerstehender Gebäude zum Verkauf zu bewegen und bauwillige Familien davon zu überzeugen, statt eines Neubaus in der Siedlung lieber ein altes Haus zu sanieren. Wenn es darum geht, die Gebäude zu bekommen, betont der Bürgermeister: "Da muss man als Kommune auch unangenehm werden." So gibt es zum Beispiel Mahnungen, wenn die Gehsteige nicht geräumt werden, sowie Beiträge, die zu bezahlen sind. Die Eigentümer sollen spüren, dass ihnen auch durch ein ungenutztes Grundstück Kosten entstehen.

Familie Fallenbacher (Ehepaar Christina und Christoph mit den Kindern Sophie, Max und Charlotte) vor ihrem neuen Zuhause in Kleinmünster
Familie Fallenbacher (Ehepaar Christina und Christoph mit den Kindern Sophie, Max und Charlotte) vor ihrem neuen Zuhause in Kleinmünster Foto: Andreas Langer

Auf der anderen Seite gibt es für diejenigen, die sich für die Sanierung eines alten Hauses entscheiden, eine ganze Menge Unterstützung. Diese reicht von Fördermöglichkeiten bis zur Beratung und der Vermittlung zwischen Bauherren und Behörden. Profitiert hat davon unter anderem Familie Fallenbacher. Im Jahr 2012 kaufte das Ehepaar Christina und Christoph ein Haus mitten in Kleinmünster, einem Ortsteil der Gemeinde Riedbach, die zur Hofheimer Allianz gehört. Erste Ansprechpartnerin für sie war seinerzeit die damalige Riedbacher Bürgermeisterin Birgit Bayer. Diese habe sehr viel getan, um der Familie bei ihrem Projekt zu helfen; Fördermöglichkeiten aufgezeigt und den Kontakt mit Behörden und dem Denkmalamt übernommen. Das Ehepaar Fallenbacher beschreibt die Politikerin als "sehr aktiv".

Im Gegensatz zu manch anderem Bauwilligen mussten Christina und Christoph Fallenbacher nicht erst überzeugt werden, nicht in ein Neubaugebiet zu ziehen. "Wir haben uns schon im Altort gesehen", sagt Christoph. Sie wollten "am Dorfleben dran sein". Zwar hätten sie kurz mit dem Gedanken gespielt, doch "eine Siedlung war keine Alternative". Christina Fallenbacher stammt aus Kleinmünster, ihr Mann ist Haßfurter. Nachdem beide zum Studium die Heimat verlassen hatten, war es ihr Ziel, wieder zurückzukommen.

Vom alten Haus blieb nur der Fachwerkgiebel erhalten.
Vom alten Haus blieb nur der Fachwerkgiebel erhalten. Foto: Christoph Fallenbacher

So kamen sie auf die leerstehende Hofstelle in Kleinmünster. Die Vorbesitzerin war gestorben, ihre Kinder hatten sich bereits in anderen Orten ein Leben aufgebaut und kein Interesse mehr, dort einzuziehen. Nach dem Kauf des Grundstücks war zunächst das Ziel, das alte Haus zu erhalten. Mehrere Jahre dauerte die Planungsphase, dann stand fest: Es wäre doch zu aufwändig, das alte Haus zu erhalten. So kam es letztlich doch zu einem Neubau, in den jedoch der alte Fachwerkgiebel und das historische Hofportal integriert werden konnten, um das Ortsbild zu erhalten. Im März 2016 war das Haus dann soweit, dass die Familie einziehen konnte, Mitte des gleichen Jahres waren die letzten Arbeiten am Haus abgeschlossen. 2017 kam dann abschließend das restaurierte Hoftor wieder an seinen alten Platz. Heute wohnt das Ehepaar mit drei Kindern in dem Haus.

Neben dem Giebel sollte auch das alte Hoftor erhalten werden.
Neben dem Giebel sollte auch das alte Hoftor erhalten werden. Foto: Christoph Fallenbacher

"Sachen werden möglich gemacht. Es gibt Zugeständnisse, die das Ganze umsetzbar machen", lobt Christina Fallenbacher die Unterstützung durch Politiker, die die Orte lebendig halten wollen. Dem Hofheimer Bürgermeister und Allianzvorsitzenden Wolfgang Borst geht es auch darum, durch Förderung und Unterstützung dafür zu sorgen, dass eine Wiederbelebung eines Hauses im Ort nicht teurer kommt als ein vergleichbarer Neubau in einer Siedlung. Ob dieses Ziel im Fall der Familie Fallenbacher geglückt ist? Christina Fallenbacher findet es schwer zu vergleichen, doch ihr Mann Christoph nickt: "Wenn man es gegenrechnet, kommt es aufs gleiche raus."

Nach der Restauration kam das Tor wieder an seinen alten Platz.
Nach der Restauration kam das Tor wieder an seinen alten Platz. Foto: Christoph Fallenbacher

Wichtig sei für die beiden aber vor allem die Unterstützung durch Beratung und Vermittlung mit den Behörden gewesen. "Wir haben immer das Gefühl gehabt, dass die VG und die Allianz auf Bauherrenseite stehen. Das Gefühl, dass jemand da ist, dir hilft und dich auffängt." Christoph Fallenbacher lobt vor allem die ehemalige Riedbacher Bürgermeisterin: "Ohne die Unterstützung von Frau Bayer hätten wir wahrscheinlich hingeschmissen."

Für Wolfgang Borst ist das neue Zuhause der Fallenbachers ein Erfolg, auch wenn es nicht auf dem Gebiet seiner eigenen Kommune liegt. Schließlich wolle er die Bevölkerungszahlen Hofheims nicht auf Kosten der Umgebung retten. "Die Entwicklung der Stadt hört nicht an der Grenze auf", sagt er. Denn: "Sonst wäre Hofheim kein Unterzentrum mehr, sondern nur noch irgendein Dorf."

Das ZDF sendet in dieser Woche Beiträge zur Hofheimer Innenentwicklung in den Sendungen "Drehscheibe" (Donnerstag, 12 Uhr), "Heute in Deutschland" (Freitag, 14 Uhr) und "Länderspiegel" (Samstag, 17 Uhr).

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