KLEINSTEINACH

Wie die „Judenschul“ zum Synonym für Synagoge wurde

Rebekka Denz. Foto: Rebekka Denz

Die jüdische Bevölkerung in Deutschland hat vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert mehrheitlich auf dem Land gelebt. Ein wichtiges Zentrum dieser Ausprägung jüdischen Lebens war in Unterfranken.

Wer heute aufmerksam durch Unterfranken fährt, stößt in vielen Kleinstädten und Dörfern auf ehemalige Synagogen und Mikwen (rituelle Tauchbäder) oder jüdische Friedhöfe. Diese baulichen Spuren zeugen facettenreich vom einstigen jüdischen Leben in dieser Region.

Auf Einladung des ehrenamtlichen Arbeitskreises „Landjudentum“ des Museums „Jüdische Lebenswege“ sprach am Mittwoch im Gemeindesaal der „Alten Schule“ Rebekka Denz zum Thema „Judenschul im Dorf“. Kernthema ihrer Ausführungen ist der Umgang mit den ehemaligen Synagogen im ländlichen Raum in Unterfranken.

In ihrem gut besuchten Vortrag widmete sich Rebekka Denz den baulichen Spuren jüdischen Lebens. Der Fokus ihrer Untersuchungen lag auf den ehemaligen Synagogen und deren heutige Nutzung als Orte des Gedächtnisses. Seit Jahrzehnten engagieren sich Einzelpersonen und Institutionen dafür, die Erinnerung an das jüdische Leben als bedeutenden Bestandteil der fränkischen Landesgeschichte lebendig zu halten. Hierbei hat sich neben der jüdischen Familienforschung als Interessenschwerpunkt der Erhalt von baulichen Spuren herauskristallisiert.

Die „Judenschul' im Dorf“, „Judenschule“ oder kurz „Schul“ leitet sich vom jiddischen Begriff „shul” ab, der bereits im Mittelalter als Synonym für Synagoge Verwendung fand. Sie dient sowohl dem Gebet, dem religiösen Lehren und Lernen als auch der Versammlung und Rechtsprechung. Wenn eine Gemeinschaft klein war, kein Geld oder keine Erlaubnis für den Bau einer Synagoge hatte, richteten Juden einen privaten Betraum ein.

Unterfranken wies bis ins 19. Jahrhundert hinein eine der höchsten Dichten an jüdischen Gemeinden und Ansiedlungen auf. Vermutlich um das Jahr 1100 wurden in Aschaffenburg, Miltenberg, Schweinfurt und Würzburg erste eigenständige Synagogen errichtet. Nach erneuten Vertreibungen spielte sich jüdisches Leben zusehends auf dem Land ab. Man richtete Betstuben ein, baute Synagogen, eröffnete Schulen und Mikwen (rituelles Tauchbad) und legte Friedhöfe an.

Kleinsteinach ist in gewisser Weise ein Paradebeispiel für die Entwicklung einer religiösen Infrastruktur: Es gebe die 1736 erbaute und 1903 renovierte Synagoge, eine Mikwe, die erhaltene jüdische Schule – heute in Nutzung der evangelischen Kirchengemeinde – und der regional bedeutende Verbandsfriedhof, so Rebekka Denz.

Plötzlich mehr Möglichkeiten

In den Hungerjahren von 1816/17 wurde im Königreich Bayern das so genannte „Judenedikt” eingeführt, welches unter anderem Juden auf dem Land verbot, den Wohnort zu wechseln. Doch es brachte auch positive Änderungen mit sich: Sie konnten nun das Bürgerrecht und Grundbesitz erwerben, auch ihre beruflichen Möglichkeiten wuchsen. Teil des Edikts war der „Matrikelparagraph“, mit dem die Zahl der an einem Ort zugelassenen jüdischen Familien festgelegt wurde. Für 1817 lassen sich 203 unterfränkische Orte mit jüdischer Bevölkerung ermitteln. In 69 Prozent der Ortschaften bestand die jüdische Ansiedlung nur aus vier bis 24 Haushalten und blieb aber insgesamt gering, nicht überall bestand auch eine jüdische Gemeinde. Etwa 30 Ansiedlungen waren so klein, dass es keine jüdische Gemeinde am Ort gab.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schlossen sich mehrere kleine zu einer größeren Gemeinde zusammen und gaben ihre Landsynagogen auf, verkauften die Gebäude und führten sie damit einer neuen Nutzung zu. Kleinstädtische Gemeinden wiederum bauten ihre Infrastruktur aus, größere Stadtsynagogen wurden errichtet.

Nach der „Reichspogromnacht” im November 1938 ging – wer konnte – ins Exil. Ab 1941 bis Mitte des Jahres 1943 wurden mehr als 2000 jüdische Menschen, denen die Auswanderung nicht mehr gelungen war, aus Unterfranken deportiert. Von ihnen überlebten nur 60 die Vernichtungslager. In der Nachkriegszeit gründete sich die „Jüdische Gemeinde Würzburg und Unterfranken”, die bis heute die einzige der Region ist und ihren Sitz in Würzburg hat. 1970 wurde die neu erbaute Synagoge als Teil des Jüdischen Gemeindezentrums in Betrieb genommen, sie ist heute ein Element des 2006 neu eingerichteten Kulturzentrums „Shalom Europa”.

Daten und Fakten

Im Königreich Bayern hatten im Jahr 1905 rund 143 jüdische Gemeinden eine Mikwe, 53 hatten kein Tauchbad. In ganz Deutschland betrieben im Jahr 1905 lediglich die Hälfte der Jüdischen Gemeinden in Deutschland eine Mikwe. Bayern lag oberhalb des deutschen Durchschnitts, da 73 Prozent der Gemeinden über ein rituelles Bad verfügten. Die Anzahl der Synagogen in Unterfranken lag einst bei 205, heute sind 102 erhalten. 1933 gab es 160 Synagogen. Von 113 (also 70,6 Prozent) findet man heute noch Spuren, von 47 Synagogen (das sind 29,4 Prozent) gibt es keine Spuren mehr. Ehemalige Synagogen sind heute häufiger Orte der Erinnerung als Orte des Vergessens. (uk)

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